James Lee Burke - Regengötter - Cover © Heyne Hardcore

James Lee Burke – Regengötter (Buch)

James Lee Burke - Regengötter - Cover © Heyne Hardcore„Tabula Rasa in Texas“

Thomas Wörtche, Tobias Gohlis, Frank Göhre, Oliver Bottini. Nur ein paar Namen aus der hiesigen Kriminalliteraturlandschaft, welche im Vorwort des Leseexemplars zum ersten übersetzten James Lee Burke-Roman seit etwa zwölf Jahren dessen Wiederentdeckung preisen – verbunden mit der Hoffnung, dass „Regengötter“, so der Titel des bei Heyne Hardcore veröffentlichten Buches, dem amerikanischen Autor, zweifacher Edgar-Award-Preisträger und nominiert für den Pulitzer-Preis (für sein Frühwerk „The Lost Get-Back-Boogie“), endlich zum langersehnten Durchbruch in Deutschland verhelfen wird. Daran ist auch dem Rezensenten selbst gelegen, der – und das sei an dieser Stelle und in der Freude des Augenblicks mal gestattet zu erwähnen – die letzten Jahre in bester Klingelputzmanier Burkes Namen bei verschiedensten Verlagen ins Spiel gebracht und letztlich unter anderem in Markus Naegele, Cheflektor bei Heyne Hardcore, einen vom Autor gleichsam begeisterten Zuhörer gefunden hat. Das Ergebnis der vielen und immer wiederkehrenden Forderungen aus dem deutschen Krimi-Milieu umfasst knapp 670 Seiten und enthält neben einem Interview mit dem inzwischen fast achtzigjährigen Schriftsteller auch ein äußerst aufschlussreiches Nachwort von Daniel Müller, indem Werdegang und Werk James Lee Burkes ebenfalls nochmal entsprechend gewürdigt werden.

Das ist viel Lob vorab für einen Mann, dessen Name so lange von der deutschen Bildfläche verschwunden war und heute wohl vielen Lesern – und sogar manchen Buchhändlern – keinerlei Begriff sein wird, was wiederum die Frage aufwirft: Ist der „König der amerikanischen Kriminalliteratur“ (O-Ton Heyne auf der Rückseite des Buches) nur mehr werbewirksame Übertreibung oder tatsächlich wohlverdiente Auszeichnung für einen Autoren, dessen Regentschaft das Publikum hierzulande bloß nie richtig zur Kenntnis genommen hat?

Bereits die ersten Seiten des Buches geben Aufschluss darüber, dass tatsächlich Letzteres der Fall ist und verdeutlichen zudem, warum sich Heyne hier für den zweiten Auftritt des über siebzigjährigen Sheriffs Hackberry Holland (er spielte bereits 1971 in „Lay Down My Sword and Shield“ eine Rolle) aus Texas entschieden hat.

Holland ist eigentlich weit jenseits des Rentenalters, aber noch rüstig genug für einen Job, der im Niemandsland nahe der mexikanischen Grenze in der Regel auch nicht allzu viel Arbeit bedeutet. Von ein paar Narcos und besoffenen Herumtreibern abgesehen, beschränkt sich der Dienst vor allem auf Streifenfahrten und viel, viel Routine, die ihm genug Zeit für Haus, Garten und die zwei Pferde auf der dazugehörigen Koppel lassen. Zumindest bis zu dem Tag, als ein anonymer Anrufer Hollands Augenmerk auf die alte Kirche in Chapala Crossing richtet. Direkt im Schatten des abbruchreifen Gebäudes gräbt der Sheriff die Leichen von neun Frauen aus, notdürftig mit einem Bulldozer plattgewalzt. Bei den Toten handelt es sich dem Anschein nach um illegale Einwanderer aus Asien, die zuvor als Prostituierte gearbeitet hatten und deren Mägen schließlich für den Drogentransport missbraucht wurden. Holland, der durch das Massengrab an seine Kriegsgefangenschaft in Korea erinnert wird, nimmt sich des Falls persönlich an und setzt alle möglichen Hebel in Bewegung, um den Anrufer ausfindig zu machen.

Bei seinen Nachforschungen kreuzt er die Wege von Isaac Clawson, einem Beamten der Einwanderungs- und Zollfahndungsbehörde ICE, der nach dem Mord an seiner Tochter auf seinem eigenen Rachefeldzug ist und sich nur wenig kooperationsbereit zeigt. Aber auch beide zusammen können nicht verhindern, dass die einzigen Tatzeugen, der Irak-Veteran Pete Flores und seine Freundin Vikki Gaddis, untertauchen. Und während das Gesetz seine liebe Mühe und Not hat, die zwei ausfindig zu machen, hat sich bereits ein anderer an ihre Fersen geheftet. Jack Collins – besser bekannt als „Preacher“ – arbeitet für die Drahtzieher des Mehrfachmords. Seine bevorzugte Waffe: eine Thompson aus dem Zweiten Weltkrieg. Sein Auftrag: Tabula Rasa machen …

Eine verlassene, alte Tankstelle. Ein erodierendes, sich windendes Flussbett. Steppenläufer, die der Wind über eine schnurgerade gezogene Bundesstraße treibt. Darüber ein wolkenloser Himmel, dessen Sonne unbarmherzig die ausgetrocknete Erde malträtiert. Beschreibungen, die zwar Bilder im Kopfe des Lesers wecken dürften, aber nur äußerst mangelhaft James Lee Burkes Kunstfertigkeit wiedergeben, die Flora und Fauna des Schauplatzes – in den meisten Spannungsromanen oft nur auf dessen Nutzwert reduziert – mit all ihrer Tiefe und Schönheit zu erfassen. Wohlgemerkt ohne dass diese in ihrer Dreidimensionalität zu einem Selbstzweck oder künstlicher Effekthascherei verkommen. Im Gegenteil: Burkes Blick auf seine Umgebung ist immer ungeschönt, weit weg von den vorteilhaften Ausschnitten der Bildbände oder Reiseführer. Es sind Momentaufnahmen, Schnappschüsse sich stetig verändernder Begebenheiten, die, wie das von ihm schon beinahe poetisch in Szene gesetzte Wetter, die Bewohner dieses Landstrichs zur Anpassung gezwungen haben. Hier, weit weg von den Millionenmetropolen, in den kleinen Käffern zur Grenze Mexiko, welche in der Hitze brüten, hat der amerikanische Traum schon seit langem vor der Realität kapituliert. Höher als die Zahl der Arbeitslosen ist meistens nur die der illegalen Einwanderer. Wenige schaffen den Weg nach oben, ohne das Gesetz zu übertreten.

In dieser kargen, staubigen Wildnis begegnen wir gleich zu Beginn Hackberry Holland, der viel seiner Umgebung adaptiert hat. Knochentrockener Humor, beinhart in seiner Art jeglichem Widerstand gegen das Gesetz zu unterbinden. Wie sein Cousin Billy Bob Holland (Burkes zweite Hauptfigur nach Dave Robicheaux, erster Auftritt in „Dunkler Strom“ aus dem Jahr 1997) hat er eine Vergangenheit als Anwalt. Im Gegensatz zu seinem Verwandten in Montana, der auch als Streifenpolizist und Texas Ranger tätig gewesen ist, liest sich jedoch Hackberrys Karriere weniger ruhmreich. Alkoholsucht, Bordellbesuche, Scheidung, verkorkste Politkarriere, von der Öffentlichkeit diffamiertes Mitglied in der ACLU (Amerikanische Bürgerrechtsunion), Depressionen. Das Leben war voller Tiefschläge, von denen er sich nie richtig erholen konnte. Voller Bilder, die ihn einfach nicht loslassen wollen und sein Handeln bis heute bestimmen. Das führt allerdings auch dazu, dass sich Hackberry eine gewisse gesellschaftspolitische Sichtweise zu Eigen gemacht hat, die für einen Mann in seiner Position eher ungewöhnlich, ja manchmal gar hinderlich ist.

Wer nun jedoch Angst hat, dass sich die Figur damit in die inzwischen überbordende Menge an stereotypen, problembeladenen Ermittlern im Krimi-Genre einreiht, darf gern erleichtert durchatmen, da James Lee Burke weder den Fehler begeht, sich in Mankellschen Jammerorgien zu ergehen, noch seine Erfolgsfigur Dave Robicheaux in lediglich leicht gealterter Form zu kopieren. Stattdessen ist Hackberry weit komplexer, undurchsichtiger und mitunter auch rätselhafter als die beiden anderen Serienprotagonisten, wenngleich er deren Ansicht von Recht und Gerechtigkeit, von Schuld und Sühne naturgemäß teilt. Denn trotz des literarischen Tons, der verschiedenen Ebenen und der stilistischen Geschliffenheit bleibt auch „Regengötter“ ein „Hardboiled“-Novel alter Schule. Ruhige Passagen sind stets nur allzu trügerisch, Gewalttaten von drastischer, und damit ernüchternder und erdrückender Brutalität. Wo die Konkurrenz jedoch sonst den gesamten Plot auf ein blutiges Spektakel hin ausrichtet, sucht Burke in seinen Schilderungen lediglich einen Weg, die bittere Realität zu unterstreichen, eine packende, spannungsgeladene Atmosphäre zu kreieren, welcher keiner simpler Cliffhanger oder „Aha“-Momente bedarf.

Als Folge davon ist „Regengötter“ dann vor allem eins: Authentisch. Egal, wessen Geschichte Burke erzählt, welchem Handlungsstrang wir als Leser gerade folgen – wir glauben ihm das, was er uns erzählt. Davon profitieren neben der oben genannten Atmosphäre auch die anderen Figuren, allen voran Antagonist Jack „Preacher“ Collins, der nur auf den ersten Blick als Prototyp des Soziopathen daherkommt, im weiteren Verlauf jedoch immer mehr an Facetten gewinnt. Auch weil Hackberry Holland durch seine Ermittlungen „Preachers“ Kreise stört, so dass dieser sich schließlich zum Handeln gezwungen sieht. Das erste Zusammentreffen der beiden hat Burke mit einer cineastischen Schärfe und Akribie gezeichnet, die mit gefühlsintensiv noch unzureichend beschrieben und einfach nur bewundernswert ist. Es ist nur ein Highlight von vielen in diesem stimmungsvollen, nachhaltig prägenden Roman.

„Regengötter“ – das ist ein dickes Ausrufezeichen von Heyne-Hardcore, das ist Ausnahmeliteratur, das ist ein brüllender Weckruf an alle Leser von Donald Ray Pollock, Cormac McCarthy, Joe R. Lansdale, Daniel Woodrell, William Gay und Co., ihre Aufmerksamkeit James Lee Burke zu widmen. Hier muss zugegriffen, gekauft und vor allem gelesen werden.

Der König ist tatsächlich zurück und bleibt diesmal länger. Nicht zuletzt auch, weil der Pendragon-Verlag mit „Sturm über New Orleans“ im Frühjahr 2015 die Dave-Robicheaux-Serie wiederbeleben wird.

 Cover © Heyne Hardcore

Diese Rezension erscheint (ausnahmsweise) gleichzeitig auch bei lovelybooks.

 

  • Autor: James Lee Burke
  • Titel: Regengötter
  • Originaltitel: Rain Gods
  • Übersetzer: Daniel Müller
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 20.10.2014
  • Einband: Paperback, Klappenbroschur
  • Seiten: 672
  • ISBN: 978-3-453-67681-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt