Liza Cody – Lady Bag (Buch)

Cody_Ladybag_Cover_300dpi_cmykWährend transzendentale Unbehaustheit des Öfteren eine Rolle in der Kunst spielt, ist die reale Obdachlosigkeit eher ein Randthema, etwas, das Nebenfiguren zustößt, die man kurz in den Fokus nimmt, bevor sie wieder am Bildrand verschwinden.

Nicht so in Liza Codys neuem Roman. Lady Bag, deren Geburtsname erst im letzten Drittel des Buchs zum ersten Mal genannt wird – und dann  auch noch falsch -, steht im Mittelpunkt des Geschehens, ist Zentrum eines eigenen, kleinen Universums, von dem Außenstehende gerne den Eindruck wahren, es gäbe kaum Berührungspunkte zu ihrer eigenen Welt, in der geregelte Arbeitszeiten herrschen, Familienplanung betrieben und Freundschaften gepflegt werden.  

Bevor Lady Bag auf der Straße landete, hatte sie selbst solch ein Leben. Einen gutbezahlten Bankjob, ein Haus, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, ein bisschen scheu und altjüngferlich. Bis sie Gram Attwood kennenlernte, ihren persönlichen Teufel. Dem sie verfiel und nicht mehr von ihm loskam, für dessen Betrügereien sie ins Gefängnis ging, ihre Mutter, ihr Haus und alles was darin war, verlor. Von Angela May Sutherland zur Lady Bag wurde, der Frau, die mit ihren Hund Elektra Unterhaltungen führt, sich mit algerischem Rotwein zuschüttet und mit dem Leben ohne feste Bleibe arrangiert, ständig in Bewegung.

So begegnet sie dem Teufel wieder, folgt ihm und seinen finsteren Plänen, versucht die Frauen in seiner näheren Umgebung zu warnen, scheitert kläglich und landet mitten in einer finsteren Mordintrige. Glücklicherweise ist sie nicht ganz alleine, denn eine Nonne, die Lady Bag eigentlich ausnehmen wollte, entpuppt sich als diebischer aber mitfühlender Transsexueller. ‚Schmister‘ (die eigenwillige Kreuzung von ‚Schwester‘ und ‚Mister‘) steht ihr fortan höchst unkonventionell treu zur Seite. Gepeinigte Seelen, die sich erkennen.

Das mag pittoresk klingen, doch ist es weit davon entfernt. Liza Cody ist keine Sozialromantikerin, sie beschreibt das Leben auf der Straße als ständigen Kampf, in dem fast jede Entscheidung ihre Konsequenzen sofort zeitigt. Was ist eine Wohnung wert, wenn man nur eingeladen wird, um Mieter rundum zu vergraulen und den Wohnwert zu senken, während der Wohnungsinhaber sich als prügelnder Psychopath entpuppt? Cody zeichnet Lady Bag als schlau genug, viele Zusammenhänge zu erkennen. Doch ihre Lebensumstände lassen es nicht zu, diese Erkenntnisse in nachwirkende Handlungen umzusetzen. Was mitunter schlicht daran liegt, dass ihre  Gesprächspartner, im Gegensatz zum Leser,  nicht verstehen (können oder wollen), was Lady Bag versucht zu artikulieren. Es gibt Ausnahmen wie Schmister, den freundlichen Pierre, die schüchterne Anwältin Kaylee und in ganz dezenten Ansätzen DC Anderson, die zeigen, was alleine mit ein bisschen Empathie und Interesse an Kommunikation möglich ist.

„Lady Bag“ ist ein wunderbar durchkomponiertes Buch. Ein Gipfeltreffen absurder Komik und todtraurigem Witz, spannend und nie grotesk um der Groteske willen. Liza Cody versteht es, die Waage zu halten, zwischen Lady Bags halluzinierenden Drogen-, Alkohol-, Fieberphantasien und ihren deduktiven Einsichten, die weit über Gram Attwoods Drahtzieherschaft bei möglichen Verbrechen hinausgehen.  Lady Bag ist Kommentatorin und Opfer ihres eigenen Lebens und ihrer Träume. Gleichzeitig gestaltet Liza Cody sie als analytische Beobachterin  Ihrer Lebensumstände. Eine Kunstfigur, die so gekonnt ins alltägliche London verpflanzt wird, dass die poetische Kraft ihrer Schöpferin mehr über Lebenswirklichkeit und die Unwirtlichkeit moderner Städte verrät, als ein scheinbar dokumentarischer, aufgesetzter Blick.

Zudem versagt sich Lady Bag jedes jammervollen Tons über ihre Gegenwart, die aus einem Kampf gegen/mit Alkoholismus, gebrochenen Rippen, zersplitterten Zähnen, ständigem Misstrauen und der Sehnsucht verstanden zu werden (teils wortwörtlich) besteht.

Else Laudan und Boris Szelinski haben dieses, garantiert nicht einfach zu transferierende Original, trefflich ins Deutsche übersetzt. Außerdem wurden lesenswerte Links zum Thema Obdachlosigkeit ergänzt.

Have you seen the old girl who walks the streets of London,
Dirt in her hair and her clothes in rags?
She’s no time for talking, she just keeps right on walking,
Carrying her home in two carrier bags.

So how can you tell me, you’re lonely
And say for you that the sun don’t shine?
Let me take you by the hand and lead you through the streets of London,
I’ll show you something to make you change your mind. [Lyrics by Ralph McTell]

Cover © argument/ariadne kriminalroman

 

Wertung: 13/15 dpt