Péter Esterházy - Esti (Buch) Cover © Carl Hanser Verlag, München

Péter Esterházy – Esti (Buch)

Péter Esterházy - Esti (Buch) Cover © Carl Hanser Verlag, München‚Esti‘ ist bereits zwei Jahre alt – Péter Esterházys aktuelles Buch heißt ‚Die Mantel- und Degen-Version‘, mit dem er bis Ende März durch Deutschland tourt. ‚Esti‘ lag zwei Jahre auf dem Schreibtisch des Rezensenten, das Lesezeichen ist mühselig bis auf Seite 170 gewandert, dann wieder herausgefallen – bis auf selbigem Schreibtisch ein recht kühner Vergleich von Arno Schmidt und Péter Esterházy gelandet ist: Dann hat es nur noch zwei Wochen gedauert, die gut 350 Seiten noch einmal zu lesen.

Die Mixtur aus Flachwitz, Tiefe und Wirrnis adaptierend könnte man sagen: Der Esterházy schlägt unendlich viele Haken, wenn man ihn greifvogelartig verfolgen will. Es ist nämlich einerseits deutlich, dass der titelgebende Protagonist in einem Zusammenhang mit dem Autorennamen steht; andererseits ist es ebenso offensichtlich, dass man in diesem Buch nichts über den Menschen Péter Esterházy erfährt.

‚Esti‘ ist ein Experiment, als Protagonist sowohl Mensch wie Tier, Fiktion wie Realität, Metamorphose und Stillstand. Wer dem ‚postmodernen Subjekt‘ nicht nur als Philosophem oder leerer Hülle begegnen, sondern die konkreten erzählerischen Konsequenzen erfahren will, ist hier gut bedient. Und wie der Klappentext vollmundig deklariert, kann das auch lebensnah sein: Vorausgesetzt, man wagt den Versuch, sich in Esti hineinzudenken und die verschlungenen Ereignisse und Lebensläufe zu verfolgen, als wären sie ein Ganzes. Es geht um kein nachvollziehbares Ich, das jede Lebensentscheidung bewusst getroffen hat und sich auch entsprechend beschreiben kann. Stattdessen: Das Ich als Fragment, vielleicht auch als glückliches Fragment.

Esterházy bietet den Leser*innen damit vor allem akademisches Futter: Unter dem Schlagwort ‚Autofiktion‘ – Die Erfindung des Autors durch den Erzähler; und umgekehrt – sind 2013 gleich zwei wissenschaftliche Bände erschienen (siehe unten), mit denen sich der Roman sicherlich ganz wunderbar kontextualisieren ließe. Aber macht das ‚Esti‘ lesbar, geschweige denn unterhaltsam – kann ‚Esti‘ dem Vorwurf entgehen, der Felicitas Hoppes Buch ‚Hoppe‘ traf: Germanisten-Literatur zu sein?

‚Esti‘ ist kein spannender, witziger und tiefsinniger Krimi; das ist nicht unbedingt notwendig: Denn wenn das Buch auch mit unzähligen Kuriositäten und Verwirrspielen gespickt ist, so kommt es ohne gezwungene Wortspiele oder Verschlüsselungen aus – gleichwohl man davon ausgehen kann, dass eine detektivische Lesart zu schönen Ergebnissen führen kann: Kafkas spontan auftauchenden ‚Gregor Samsa‘ kann man möglicherweise erkennen, aber bei ‚Pierre Menard‘ macht es Sinn, Borges gelesen zu haben oder Wikipedia zu bemühen. Und obwohl elegant von Heike Flemming übersetzt, merkt man gelegentlich, dass nicht alle, zum Beispiel lautlichen Rätsel und Witze, ins Deutsche übertragen werden können: Eine Entschlüsselungsarbeit ist fehl am Platz: Der passionierte Hermeneut lerne bitte Ungarisch.

Daher ist es wichtig, sich fallen zu lassen, während man ‚Esti‘ liest: Die Lust auf Fragment und Spiel mit ihm ist unersetzlich. In diesem Buch wird nichts aufgeklärt, und wer mit Auflösungs-Wunsch im Hinterkopf liest, wird enttäuscht. Stattdessen gibt es aphoristische und teils poetische Absätze, erzählerische Miniaturen, bei denen man von Schönheit, aber auch von ironischer Alltäglichkeit überwältigt ist. Leider treten diese Momente selten auf, letzten Endes überwiegt die Langeweile, trotz anregender Gedankenspiele.

Vgl.:

Wagner-Egelhaaf, Martina (Hrsg.): Auto(r)fiktion: literarische Verfahren der Selbstkonstruktion. Bielefeld : Aisthesis-Verl., 2013. 377 S.- 978-3-89528-970-5 

Weiser, Jutta: Autofiktion und Medienrealität: kulturelle Formungen des postmodernen Subjekts. Hrsg. von Jutta Weiser et al. Heidelberg: Winter, 2013. 234 S.- 978-3-8253-6173-0 (=Studia romanica; 177)

Cover © Carl Hanser Verlag, München

  • Autor: Péter Esterházy
  • Titel: Esti
  • Originaltitel: Est
  • Übersetzer: Heike Flemming
  • Verlag: Hanser Berlin
  • Erschienen: 2013
  • Einband: gebunden
  • Seiten: 359
  • ISBN: 978-3-446-24145-9
  • Sonstige Informationen
    Produktseite des Buches

Wertung: 09/15