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Livebericht: internationales literaturfestival berlin (09.-19.09.2015)

Logo mit Datum © internationales literaturfestival berlinGut zwei Wochen nach Ende des 15. interationalen literaturfestivals berlin weichen die Erinnerungen schon der Aufregung vor der Frankfurter Buchmesse, die allerdings pünktlich zu Semesterbeginn meinem Aufmerksamkeitsradar entzogen sein wird. Das Kontakteknüpfen, die literarischen Stars und solche, die es werden (wollen) sind aber nur eine Facette des ilb, das mit einem knapp fünfzigseitigem Programmheft und mehr als zweihundert Veranstaltungen in zehn Tagen aufwarten kann. Dieses Programm lässt nicht nur dem Buchmenschen, sondern jeder oder jedem angehenden Intellektuellen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dass das Festival nicht unbedingt klassentechnisch barrierefrei ist, ist einerseits eine unumgängliche Konnotation des Literatur-Begriffs, dem einhergehenden Anspruch und der Veranstaltungsorte; dass das Festival sich andererseits durchaus darum bemüht, nicht allzu hochtrabend zu erscheinen, zeigen nicht nur die Gefängnislesungen und Kinder- und Jugendveranstaltungen im Programm, sondern auch die Veranstaltungen selbst: Wenn denn die Philosoph*innen nicht zu verquast auftreten. Aber warum Philosophie?

Um also gar nicht erst den Anschein zu erwecken, ich könnte über das gesamte Festival berichten: Ich war größtenteils bei Theoriepop-Events (keinesfalls zu verwechseln mit heimlicher Populärwissenschaft: man denkt hier schlicht öffentlich über das Leben nach). Schon von sich aus großartig war, dass Perspektiven des Feminismus ein eigenes Panel gegeben wurde; wobei der großartige Vorträger Jack Halberstam nicht nur mit dem unbekannten, aber umso faszinierenderem ‚Times Square‘ (1980) neue Formen von weiblich-wahnwitziger Freundschaft als widerständig zur Disposition gestellt hat, sondern auch in anderen Kontexten auftrat.

Darunter fällt die fast monumentale, gut vierstündige Veranstaltung ‚Ästhetiken des Widerstands‘, wo neben Halberstam auch Gayatri Spivak, Armen Avanessian und Alexander García Düttmann auftraten. Die Moderation von Philipp Felsch konnte allerdings eine Zerfaserung des Themas nicht verhindern, die auf den unterschiedlichen Wissenschaftskulturen beruhen, aber auch der über-Komplexität der Vorträge deutschsprachiger Vortragenden. Wo Halberstam an Beispielen wie ‚Kung Fu Panda'(2008), ‚Wall-E'(2008) und am detailliertesten dem ‚The Lego Movie‘ (2014) spannend darstellen konnte, wie Widerstand als Affekt Widerständigkeit provoziert und inszeniert, haben Avanessian und Dittmann sich in Theoriegeschichte eingeschrieben, praktisch aber bestenfalls vermittelt, dass eine andere Redeweise über Theorie notwendig ist. Avanessian und Dittmann lassen sich wunderbar lesen, das soll hier gar nicht kritisiert werden, aber ihnen in freier Rede zuzuhören war mehr als nur schwer. So wirkte es fast wie eine Replik, dass Spivak sich im Anschluss immer wieder auf einen Punkt berief: Dass man nicht sich selbst für das geeignete Subjekt des Widerstands halten sollte, sondern nach anderen Subjekten Ausschau halten sollte. Das alles hat die proppenvolle Veranstaltung nicht uninteressant werden lassen, sondern eher deutlich gemacht, dass hier noch etwas zu tun ist. Vielleicht ist das Publikum auch deshalb so zahlreich gewesen: Weil man fast gezwungen wird, weiter darüber nachzudenken. Beziehungsweise Ausschau zu halten. Welche Ansatzpunkte dafür geliefert wurden, kann man Tom Wohlfahrts präzisem Bericht im online-Der Freitag entnehmen.

Andernorts kann man aber durchaus von Leichtfüßigkeit sprechen. Im – überaus kollegialen – Übersetzerwettstreit zwischen Eva Bonné und Friedhelm Rathjen sollten, bei Moderation von Thomas Brovot, ihre Übersetzungen des Anfangs von Don DeLillos ‚Great Jones Street‘ (1973) diskutiert werden. Auf Rückfrage, ob das Buch langweilig gewesen wäre, antwortete Rathjen, dass Langeweile ihn noch nie gestört habe. Das mächtig klingende Wort Literatur verlor hier und an anderen Stellen einiges an Glanz, um mehr Praktikabilität zu gewinnen – und vielleicht auch mehr Widerständigkeit.

Insofern kann man nur hoffen, dass die Foren und Säle der Berliner Festspiele ähnlich voll bleiben, gleich welcher Veranstaltung, und noch mehr Öffentlichkeit bekommen. Die große Literatur ist offen und im Grunde viral, wie die Deckungsgleichheit eines der Oberthemen des Festivals und gegenwärtiger Nachrichten bezeugt: Flüchten, Migrieren, Ankommen. Dafür braucht man Worte. Und gegen den Hass und die Angst vor einem scheinbaren Anderen effektive, widerständige Argumentationen.

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