Richard Lorenz – Frost, Erna Piaf und der Heilige (Buch)

Richard Lorenz - Frost, Erna Piaf und der Heilige Cover © kuk/Edition PhantasiaGerade die vom Vorgänger „Amerika-Plakate“ begeisterten Leser fieberten wohl kaum einem Buch so entgegen wie Richard Lorenz‘ just erschienenem Werk „Frost, Erna Piaf und der Heilige“ – und als dann die Veröffentlichung noch ein kleines Stückchen verschoben wurde, stieg die Spannung ins Unermessliche und wurde nahezu unangenehm. Doch nun wartet dieses Werk in seiner Schwärze – diese wird lediglich durch den Autorennamen und den Buchtitel sowie eine kaum beleuchtete weiße Rose gebrochen – darauf, den Leser in seinen Sog zu reißen.

Gleich zwei Dinge fallen auf: Zum einen ist dieser Roman mit kaum mehr als zweihundert Seiten deutlich kürzer, zum anderen ist die Geschichte, die hier erzählt wird, deutlich weniger komplex als „Amerika-Plakate“. Und dennoch – oder gerade deshalb – funktioniert der neue Roman des 1972 in Freising geborenen Schriftstellers mindestens genau so gut.

Träume

In jenem Roman steht Frost, der eigentlich Balthasar heißt und sich mit diesem Namen noch nie so recht anfreunden konnte, im Mittelpunkt. Der Leser begleitet ihn in mehreren Teilen von seinen Jungen Jahren in den frühen Achtzigern (im ersten Teil „Damals“) an bis hin ins gegenwärtige Erwachsenenalter (drei Teile mit dem Titel „Heute“). Frost ist schon als Kind einer dieser prototypischen Sonderlinge – seine eigenartige Familie, in der er aufwächst, prägt und konditioniert ihn in frühzeitig, sodass die Entwicklung des Jungen nur allzu logisch ist. Die Räume des Elternhauses auf dem Land bei München werden meist musikalisch von Melodien der Edith Piaf im Duett erfüllt – die Piaf aus dem Radio, seine Mutter mitsummend, träumend. Der Vater, ein Postbeamter, ist besessen vom RAF-Terrorismus rund um Baader und Meinhof und führt darüber gar Buch – und träumt in seinem Wahn sogar von Begegnungen mit jenen Terroristen. Und so ist auch Frost einer der Träumer, der in seiner Einsamkeit Gedichte schreibt.

RAF, Edith Piaf und Schreie

Doch durch die Musik, Vaters Selbstgespräche und die stillen Nächte schneiden immer wieder die vom Schmerz geschwächten Schreie der krebskranken Großmutter, die im Sterben liegt. Balthasar, damals noch neun Jahre alt, kann diese Schreie gar nicht richtig einordnen, er weiß in diesem Alter auch noch gar nicht so recht, was dieser Krebs eigentlich genau ist. Irgend etwas Furchtbares, Gnadenloses, ja, das durchaus.
Als Frost eines Tages an ihrem Bett für sie eines seiner Gedichte vorliest, verlässt sie endlich erlöst die Welt – und in seiner Wohngegend wird er daraufhin eine Art Sterbebegleiter, ein sanfter Todesengel, denn überall, wo er seine Gedichte vorträgt, lassen die sterbenskranken Menschen endlich vom Leben ab- und so das Leid von ihnen. Frost glaubt zudem, dass all diese Menschen wiedergeboren werden…

Ein Tier mit Scherenhänden, das sich durch ihren Atem schnitt. Deshalb dachte er eigentlich auch, dass sie eines Tages einfach verschwunden sein würde, das Bett leer, die Schreie verstummt. Nur noch ein ausgewaschenes Laken und eine Mulde in dem Bett, in der sich alle vergessenen Träume sammelten. (Seite 8)

Frost begleitet den Tod, der Tod begleitet Frost.

Der Roman blendet nach Teil eins aus und nach einem Zeitsprung im zweiten Teil wieder ein: Frost ist erwachsen, und er arbeitet mittlerweile in einem Sterbehaus, einem Hospiz, in welchem die Armen und Obdachlosen, die Ausgegrenzten und Aussortierten, bei ihrem baldigen Weggang aus der Welt der Lebenden nicht allein gelassen werden. Diesen Weggang müssen sie nicht allein beschreiten, denn Frost und seine Mitarbeiter stehen den armen Alten sozial bei, und damit der Weg bis zur Erlösung kein allzu schmerzhafter wird, versorgt man sie auch mit Medikamenten wie Morphium. Irgendwann tritt in diesem Hospiz auch die junge Amelie in sein Leben, und ein zarter Keimling der Liebe und der Hoffnung will aus Frosts gedanklichem, sprödem, vom Tod zerfressenem Erdreich sprießen. Doch sein Leben wird nach dem tragischen Fortgang einer weiteren liebgewonnenen Person einen tiefen Schnitt erfahren, und auch er wird erleben, wie es ist, ganz unten zu sein.  Der Tod in seinen unterschiedlichen Formen will wohl nie von Frosts Seite weichen, doch der wird nicht sein einziger Weggefährte sein – denn er hat noch seine Träume, seine Hoffnung und Menschen, die ihn offenbar doch nicht aufgegeben haben. Da ist Erna Piaf (die behauptet, Tochter der berühmten französischen Sängerin zu sein), da ist der Heilige, da ist Capote, Doch da ist auch diese eine Person, die so überraschend auftaucht und die Dualität des Seins und Nichtseins mit Leben vervollkommnet – und vielleicht auch den Keimling zu einer Pflanze gedeihen lässt.

Das Ringen nach Luft

Immer wieder wird man in diesem Roman kalt erwischt, und es passiert nicht selten, dass die unterschiedlichsten Wellen der Überwältigung derart über einen hereinbrechen, dass wechselweise der Atem stockt oder gar ein zaghaft hervorquellender Tränenfilm das Auge nässt, denn: Mit „Frost, Erna Piaf und der Heilige“ entfesselt Richard Lorenz sehr bildhaft, nahezu plastisch und mit liebevoll gewählten, aber nie allzu blumig-verspielten Worten in einer direkten, in die Seele des Lesers dringenden Sprache äußerst vielfältig Emotionen negativer und positiver Natur, die in ihrer Intensität und in ihrer ineinander wirbelnden Rasanz enorm aufwühlend wirken, sodass man sich oftmals vor sich selbst erschreckt.
Denn so melancholisch, so traurig, so deprimierend und so hoffnungslos die Dinge ihren Lauf nehmen und all die Menschen wegsterben, so gibt es immer wieder diese Momente der einfachen Schönheit, der Liebe und der Zuneigung, der Hoffnung und der Fürsorge. Beeindruckend ist bei alldem, wie einfühlsam und lebensnah der Autor diese sonderbare Poesie des Kommens und Gehens beherrscht – und der Unbestimmtheit und Orientierungslosigkeit.

Ausgefranste Vorhänge, die über die Fensterbretter wehten wie trostlose Fahnen. Verlangsamt durch die flirrende Hitze, wurden die Menschen zu schiefen Kinderzeichnungen, die von hier nach da taumelten, weil sie nicht wussten, wohin sie gehen sollten. (Seite 34)

Eine Stimme für die Aussortierten, musikalisch untermalt von Cohen, Dylan, Waits und Piaf

Lorenz schlägt sich – nicht zuletzt auch dank seiner beruflichen Erfahrung mit Tod und Krankheit – auf die Seite der Verlierer unterschiedlichster Art. Er gibt den Sterbenden, den Kranken, den sterbenden Kranken, den Armen und den Obdachlosen, den Aussortierten und aus dem System Gefallenen, den Verzweifelten und den Lebensmüden eine Stimme, malt ihre Konturen mit Farben aus, bringt sie zum Leuchten. Und nicht nur das, denn er gibt ihnen obendrein die oftmals (meist ihrerseits) verloren geglaubte Würde zurück. Und beim nochmaligen Durchlesen der beiden gerade geschriebenen Sätze erlebt der Verfasser dieser Zeilen ein kleines Déjà-vu, denn ähnlich kann man es bereits in Frank Duwalds Rezension lesen. Offenbar stimuliert Lorenz also äußerst gezielt und erfolgreich ebenjene Rezeptoren beim Lesenden. Zudem lebt „Frost, Erna Piaf und der Heilige“ von einer gelegentlichen, aber dafür um so heller aufblitzenden philosophischen Note, die des Lesers Gedanken bereichert und vieles neu überdenken und hinterfragen lässt.

Spiel mit den Kontrasten

Der Roman ist in jederlei Hinsicht ein Spiel mit den Kontrasten. Neben der emotionalen und dramaturgischen Komponente sind es zum Beispiel auch Dinge wie die Schwarz-Weiß-Optik des Buches an sich. Oder die immer präsente menschliche Wärme der Menschen und der Name „Amelie“ („die Fleißige/Tüchtige“) auf der einen Waagschale, der Name „Frost“ und menschliche und meteorologische Kälte auf der anderen. Das Yin und das Yang. Lebentod. Trauerhoffnung. Lachenweinen. Und über alldem schweben Träume – die Nahrung für die hungrigen Seelen.

Cover © kuk/Edition Phantasia

Wertung: 15/15 Gitanes