Devakumaran Manikcavasagan - Im Glashaus (Cover © Deva Manick)

Devakumaran Manickavasagan – Im Glashaus gefangen zwischen Welten (Hörbuch, 1 mp3-CD, Autorenlesung)

Devakumaran Manikcavasagan - Im Glashaus (Cover © Deva Manick)Immer wieder hört und liest man von sogenannten Asylkritikern und Ich-bin-ja-kein-Nazi-abers, aber auch von Menschen, die nicht unbedingt eine politisch rechtsgerichtete Meinung vertreten, dass es doch an den Migranten selbst liege, dass sie in der Gesellschaft so sehr um Akzeptanz ringen müssen. Dass sie doch selbst schuld seien an ihrer eigenen Lage. Dass sie sich doch nicht wundern brauchen, wenn sie sich nicht gefälligst anpassen. Es wird von ihnen gefordert, gefälligst die deutsche Sprache zu lernen, das Verhalten der Deutschen zu adaptieren und in vielen Fällen wird auch von ihnen erwartet, dass sie mit ihrer Kultur, ihrem Glauben, ihren Traditionen brechen.

Der 1987 in Ratingen geborene und aufgewachsene Devakumaran Manickavasagan stammt aus einer sri-lankischen tamilischen Familie, die bedingt durch den Bürgerkrieg in Sri Lanka in den Achtzigern nach Deutschland floh. Der Autor räumt nicht nur mit Vorurteilen auf, sondern öffnet dem Leser (oder in diesem Fall Zuhörer) eine Tür in die Welt einer Migrantenfamilie, er nimmt ihn mit und zeigt ihm, wie es in ihren eigenen vier Wänden, in ihren Köpfen, in ihrem Glashaus aussieht.

Menschen fliehen aus lebensbedrohlichen Situationen ins Exil, in ein Land, in welchem sie vielleicht eine neue Perspektive geboten bekommen und sich einigermaßen in Sicherheit wägen können. Sie wollen ein neues Leben anfangen, wissen kaum etwas von ihrer neuen Heimat und bringen ihre eigene Geschichte mit. Fortan sehen sie sich mit Neuem, Andersartigem konfrontiert. Ihre Gefühle wurden durch die widrigen Umstände und die Angst bereits vor ihrer Migration verletzt, und im Exil widerfährt ihnen dann durch ihr Anderssein Ablehnung und Hass oder zumindest Argwohn – was ebenfalls weitere Verletzungen der Gefühle mit sich bringt. Sie werden nicht verstanden. Sie, die – so im Begleittext – von einer Kultur in eine andere gestoßen werden.

Am Beispiel seiner eigenen Familie zeigt Manickavasagan, wie schwierig es gerade für im Erwachsenenalter übergesiedelte Menschen ist, aus ihren eigenen Denkmustern, geprägt von Religion und Tradition, von Patriarchismus und Macht, von Prestigedrang, auszubrechen. Manickavasagans Vater konnte und wollte sich im Gegensatz zum Sohn nie von diesen Fesseln befreien und versuchte, das Bild der typischen tamilischen um Anerkennung buhlenden Familie, in der der Mann das Sagen hat und den Kindern mehr Drill als elterliche Liebe widerfährt, aufrecht zu erhalten. Die Mutter behielt ihre Meinung aus Respekt vor dem Patriarchat für sich. Der Autor selbst fand durch Rebellion, durch Therapien und durch geschöpfte eigene Kraft den Weg aus dieser beengenden Gesamtsituation, aus dieser festgefahrenen Parallelgesellschaft, und versucht durch „Im Glashaus …“, Menschen, denen es ähnlich geht, Mut zu machen. Auch berichtet der Autor, für welchen Preis er diesen langen Pfad entlanggewandelt ist – und inwiefern Kompromisse möglich waren und sind. Denn diese Veränderung seiner selbst ging nicht ohne Verluste einher – aber auch nicht ohne Gewinne. Es gab die Aufs und die Abs. Und der Weg scheint noch nicht zu hundert Prozent zu Ende gegangen zu sein.

Bei alldem beschreibt er nicht nur die tamlisische Gesellschaft und deren Mechanismen, sondern betreibt durchaus ein wenig Fachwissenskunde, und so reißt Manickavasagan neben dem Hinduismus auch das Kastenwesen thematisch in jenem Maß an, dass man auch als Mensch außerhalb jener Kultur ausreichend Informationen mitgegeben bekommt – eine wichtige Komponente, denn viel zu selten wird all jenen, die Integration von Menschen aus anderen Kulturen rigoros fordern, ein Einblick in die Gegebenheiten, in die Geschichte und vor allem auch in die Köpfe dieser hier her Gereisten gewährt.

Gerade Therapien haben ihm laut Eigenaussage beim Gehen dieses Weges geholfen, doch der Weg war nie stramm geradeaus – oft geriet er ins Schlingern, er verlor sich in Internet-Flirtportalen, er ging zu viele Schritte zu energisch. Mit viel Selbsterkenntnis, aber auch mit viel Selbstbewusstsein erzählt Manickavasagan in diesem Hörbuch seine Erfahrungen beinahe so, als säße er neben einem und erzähle euphorisiert von allem Erlebten – auch, was die Sprechgeschwindigkeit betrifft, die die gewöhnlicher Hörbuchsprecher um einiges überschreitet. Was nicht negativ zu werten ist – ganz im Gegenteil, denn so wird man als Zuhörer gekonnt aufmerksam gehalten. Hinzu kommt, dass Manickavasagans Stimme sehr angenehm zu hören ist.

Ein wichtiger inhaltlicher Eckpfeiler dieses (Hör-)Buchs ist, wie man schon erahnen kann, die Psyche. Denn all die seelischen Verletzungen, all die in unterschiedlichsten Ursachen fußenden Konditionierungen und all die Restriktionen und Sanktionen in diesem als Beispiel dienenden geschlossenen gesellschaftlichen System sind nicht nur verantwortlich für den Istzustand, sondern auch für das zukünftige Leben. Für Partnerschaften. Für den Beruf. Und letztendlich auch für die eigene Persönlichkeit.

Letztendlich ist „Im Glashaus gefangen zwischen Welten“ ein starkes und vor allem wichtiges Buch, welches jedem ans Herz zu legen ist, der ergründen möchte, warum es manche Migranten in ihrer neuen Heimat so schwer haben und warum sie sich ghettoisieren, sich schwer bis gar nicht anpassen können (oder sich letztendlich nicht mehr anzupassen bereit sind) und sich letztendlich fatalistisch mit den Gegebenheiten ihres eigenen Stillstands abfinden. Oder gar auf die schiefe Bahn geraten – eine Rebellion gegen die Hilflosigkeit.

Lediglich drei kleine Dinge stoßen dem Rezensenten ein wenig negativ auf. Zum einen werden die Medien in einigen Passagen etwas zu sehr verteufelt – allerdings kann das auch daran liegen, dass der Autor hier und dort seine Botschaft nicht genau genug formuliert hat. Denn letztendlich ist in Massen niemals alles gut, aber in Maßen nicht alles schlecht.
Zum anderen rät er seinen Hörern etwas zu vehement, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn man sich in genannten Dilemmata befindet – doch das ist immer auch von der individuellen Person abhängig, die es betrifft, denn genau so, wie es Patienten gibt, die durch eine Psychotherapie geheilt oder zumindest bis zu einem gewissen Punkt wiederhergestellt werden, gibt es auch Patienten, denen Vergangenheitsbewältigung und somit -konfrontation erheblich schaden kann. Denn die Psyche ist ein hochkomplexes Etwas, bei dem es wichtig ist, die richtigen imaginären – im übertragenden Sinne – Verbindungen im Kopf zu erschaffen oder sie voneinander zu trennen. Und nicht immer sind Therapeut und Patient hierbei kompatibel.
Zuguterletzt zeichnet Manickavasagan hinsichtlich der Privilegien deutscher Jugendlicher ein wenig zu schwarz-weiß – nicht alle Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund haben es gleich schwer, und nicht alle Nichtmigranten haben ein einfaches Leben in Deutschland, denn auch da gibt es in diversen Familien reichlich Leistungszwang, den „Herrn im Haus“, religiös verklärte Verhaltensmuster und Familienmechanismen. Es genügt gar oft, einer sozialen Schicht anzugehören, die nur wenige bis kaum Perspektiven hat – schnell ist man in ihr isoliert oder wird, wenn man etwas individueller veranlagt ist, sogar von der eigenen Schicht gemieden. Soll heißen: Nicht alle aus einer Menschengruppe sind gleich.

Allerdings es darf bezweifelt werden, dass diese drei Kritikpunkte intentional verwurzelt sind – eher ist zu vermuten, dass Deva Manick, wie er sich – offenbar zugunsten der einfacheren Aussprache, die der westlichen Zunge weniger Knoten beschert – nennt, hier einfach etwas überambitioniert in seinen Ausführungen ist und die Konturen nicht intensiv genug ausgearbeitet hat.

Doch wenngleich die aufgeführten Kritikpunkte harsch anmuten, so sind sie keinesfalls so gravierend, dass sie den Gesamteindruck allzu erheblich schmälern könnten – vielmehr sind diese drei Dinge auf dem Konto „kleine Schönheitsfehler“ zu verbuchen. Denn auf der Habenseite stehen Tiefgründigkeit, eine ausgewogene Mischung aus Herz und Verstand, Ehrlichkeit, Fachkundigkeit und vor allem ein beeindruckendes aufklärerisches Potenzial.

Ein schönes Interview mit der (auch nach intensiver Google-Recherche bis dato nachnamenlosen) Sozialarbeiterin Silvia von „Social Talk“ rundet diese Audio-CD angenehm ab – man erfährt in rund elf Minuten noch ein paar zusätzliche Kleinigkeiten, und hier und dort werden noch kleine Wissenslücken geschlossen.

Absolute Empfehlung!

Cover © Devakumaran Manickavasagan

Wertung: 12/15 dpt