Andreas Pflüger – Geblendet (Buch)

«Dieser Dolch ist herrlich, doch die Kunst des Tötens liegt nicht in der Schönheit, nur in der Effektivität.»

Ein letztes Mal Jenny Aaron, ein letztes Mal die Abteilung. Nach diesem Band ist Schluss mit einer Reihe, die die Nadel im Heuhaufen der Thriller-Welt ist. Von Beginn an teilt sich das Lesevergnügen also seinen Platz mit einer ordentlichen Portion Wehmut. Sie wird fehlen, diese einzigartige Frau. Diese blinde Heldin. Wie wird Andreas Pflüger es enden lassen? Obwohl schon zu Beginn die „Angst“ vorm Ende da ist, kann man es auch kaum erwarten, zu erfahren, welchen Abgang sich der Autor für seine Powerfrau ausgedacht hat.
Jenny Aaron, Pflügers blinde Elitepolizistin, die während eines Einsatzes für eine Sondereinheit, nur „Die Abteilung“ genannt, ihr Augenlicht verlor. In „Geblendet“ beginnt sie eine Therapie, die im besten Fall ihre Sehkraft wiederherstellen soll. Zugleich hat es die Abteilung mit Gegnern von ganz oben zu tun. Politik. Mafia. Aaron ist innerlich zerrissen, redet sich selbst ein, dass wieder zu sehen alles ist, was sie will. Und glaubt doch nicht wirklich daran. Die Abteilung braucht sie, denn mit einem Feind wie diesem hatten die knallharten Männer und ihre Chefin Inan Demirci noch nie zu tun. Aaron muss die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen. 
______________________________________________________________________________
Dieser dritte Teil ist anders als seine Vorgänger, persönlicher. Denn so nah wie in „Geblendet“ waren wir Aaron und der Abteilung nie zuvor. Wie dürfen in Aarons Innerstes blicken, erleben sie verletzlich, zweifelnd, traurig und sehr menschlich. Wir erfahren viel darüber, wie sie und die Männer außerhalb der Abteilung leben, reisen mit ihnen ihre Vergangenheit. Das und die vielen Dialoge heben die Handlung auf ein noch intensiveres Level und bringen uns die Charaktere noch näher. Mittlerweile hat man fast schon das Gefühl, selbst ein Teil der Abteilung zu sein. 
 
In „Geblendet“ treffen verschiedene Handlungsstränge aufeinander. Allen gemein ist dieses unterschwellige Kribbeln, diese böse Vorahnung, dass der große Knall nicht weit entfernt sein kann. Die unheilvolle Atmosphäre zieht sich auch – oder vielleicht sogar insbesondere – durch die vermeintlich harmonischen Momente. Hat Aaron da ein verdächtiges Knacken gehört? Einen ungewöhnlichen Duft eingesogen? Aaron wirkt nie wirklich entspannt und zwingt damit auch die Leser in eine Art Alarmstellung. Obwohl man streckenweise denkt, Pflüger ließe es dieses Mal etwas ruhiger, weniger actionreich angehen, so traut man dem Braten doch nicht ganz. Und dann kommt er, dieser Moment, der einen mit offenem Mund und unangenehmer Gänsehaut zurücklässt. Für solche unerwarteten Wendungen hat Pflüger ein besonderes Talent. Und als wäre der Inhalt nicht schon verstörend genug, unterstreicht der Autor das Geschehen so intensiv mit seinen Worten, dass man die Anspannung fast körperlich spüren kann. 
 
Pflügers Worte sind das, was die Geschichte um Aaron und die Abteilung so herausragend macht. Explosiv, bildhaft, kraftvoll, schonungslos, gespickt mit viel schwarzem Humor, aber auch tiefgründig, immer wieder voller Poesie und Schönheit – wo man sonst schnell über die Zeilen fliegt und auch mal ein paar Worte überspringt, liest man, nein, saugt man hier jedes einzelne Wort auf. Denn es wäre viel zu schade, auch nur einen Buchstaben zu verpassen. Pflügers Sprache ist unvergleichlich. Sie zieht von der ersten Silbe an in ihren Bann und lässt bis zum letzten Punkt nicht mehr los. Eine Besonderheit ist dabei Aarons Sichtweise, die sich in ihrer Beschreibung ausschließlich auf Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen beschränkt. Wenn wir Aaron folgen, „sehen“ wir – genau wie sie – nichts.
 
Auch die Art und Weise, wie der Autor seine Handlung erzählt und entwickelt, könnte von dem typischen Einheitsbrei vieler Thriller nicht weiter entfernt sein. Cliffhanger? Hat er nicht nötig, er weiß auch ohne dieses allzu beliebte Mittel, wie er seine Leser fesselt. Große Wendungen lässt er einfach geschehen, mittendrin, ohne großes Brimborium. Wie einschneidend das Geschehen für die Charaktere war, wird eher zwischen den Zeilen deutlich. Nicht nur deshalb ist diese Reihe keinesfalls etwas, das man so nebenbei liest. Ganz oder gar nicht lautet hier das Motto. Wer sich nicht zu 100% auf die Geschichte einlässt, wird sie nicht verstehen und ihr nicht folgen können. 
 
Typisch für die Reihe sind ihre starken Frauen. Im dritten Teil wird dies noch einmal gesteigert und auch Figuren, die bisher eher nebenher liefen, zeigen plötzlich, was in ihnen steckt. Es scheint, als wollte Pflüger zum Schluss noch einmal jedem seiner Charaktere die Ehre erweisen, die ihm gebührt. Das trifft insbesondere auf die Frauen zu, die zum Teil ganz neue Gesichter von sich zeigen und die Leser für sich einnehmen. Zugleich erlaubt er den sonst so harten Männern schwache Momente, die auch sie in einem neuen Licht erscheinen lassen. So ist dieser letzte Band geprägt von einer hohen Dichte an Emotionen. Man hofft, bangt, liebt, leidet, fühlt mit, ist bis ins Mark erschüttert, möchte Aaron und den anderen helfen, sie schütteln, ihnen zur Seite stehen. Vom ersten bis zum letzten Wort ist dieses Buch eine Achterbahnfahrt.
 
Fazit: „Geblendet“ ist ein würdiger Abschluss der Reihe um Jenny Aaron, die eine echte Perle unter den Thrillern ist. Der dritte Teil steht seinen Vorgängern in nichts nach. Zwar ist er insgesamt etwas ruhiger, bindet die Leser aber dafür umso enger an die einzelnen Mitglieder der Abteilung. Stilistisch gibt es kaum Autoren, die Andreas Pflüger das Wasser reichen können – allein deshalb sind seine Bücher schon eine unbedingte Empfehlung. Aber auch die komplexe, vielschichtige Handlung, die bemerkenswerte Recherchearbeit des Autors und die facettenreiche Charakterentwicklung machen es nahezu unmöglich, Jenny Aaron nicht kennenlernen zu wollen. 
Die Rezension zum zweiten Band ist hier zu finden: Andreas Pflüger – Niemals
Cover © Suhrkamp
  • Autor: Andreas Pflüger
  • Titel: Geblendet
  • Teil/Band der Reihe: 3/3
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 508
  • ISBN: 978-3-518-42895-5 
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 
    Erwerbsmöglichkeiten
    Autorenseite

Wertung: 15/15 schwere Abschiede