Peter Wark – Meeresgrab (Buch)

„Meeresgrab“ ist Peter Warks dritter Kriminalroman um den ehemaligen Stuttgarter Anwalt Martin Ebel, der als „Bike-Guide“ und Ex-Privatdetektivsgehilfe auf La Palma lebt. Sechzehn Jahre liegen zwischen dem aktuellen Werk und seinem Vorgänger „Absturz“ (der gemeinsam mit dem Ebel-Debüt „Versandet“ 2018 neu veröffentlicht wurde). Eine Menge Zeit, in der sich Wark vorwiegend seinen anderen Protagonisten, den Journalisten Robert Garcia und Jörg Malthaner, widmete. Doch jetzt ist Martin Ebel zurück und pflegt weiterhin seinen Traum vom Aussteigerleben. Der sich manchmal als Alptraum entpuppt. Denn bedauerlicherweise ist Ebel ausgesprochen begabt darin, unfreiwillig in kriminalistische Fettnäpfchen zu treten.

So auch diesmal. Alles beginnt mit einer Stippvisite in Stuttgart, während der Ebel an einem Klassentreffen teilnimmt. Wider besseres Wissen. Denn nicht umsonst war er den vorangegangenen Veranstaltungen ferngeblieben. Hatte darauf verzichtet Bilder von „mein Haus, mein Auto, meine Familie“ auszutauschen und über berufliche Erfolge, respektive deren Gegenteil zu parlieren. Den Abend übersteht er halbwegs unbeschadet, doch plötzlich hat er seinen alten Klassenkameraden Justus Häussler im Schlepptau, der sich wie eine Klette an Ebel hängt und sich bei ihm auf La Palma einnistet.

Aus unerfindlichen Gründen möchte Häussler Deutschland den Rücken zukehren, erzählt Martin Ebel darüber unausgegorene Stories und lässt sich erst weitere Einzelheiten aus der Nase ziehen als in Ebels Wohnung eingebrochen und Häussler selbst zusammengeschlagen wird. Doch selbst dann wird noch nicht klar, was Lüge, Wahrheit oder keins von Beidem ist. Als Ebel einen Koffer mit einer siebenstelligen Summe als Inhalt findet, überschlagen sich die Ereignisse. Justus stirbt bei einem Badeunfall, der Koffer verschwindet spurlos. Da es keine Einbruchsspuren gibt, wird Martin misstrauisch. Könnte es sein, dass Häussler seinen Unfall blo0ß vorgetäuscht hat, um besser untertauchen zu können?

Bald sitzen Polizisten auf Ebels Sofa, verraten ein bisschen über Justus Häusslers in Deutschland begangene Vergehen. Zudem raten sie Ebel ernsthaft davon ab, weiter auf eigene Faust zu ermitteln. Wie selbst der minder erfahrene Krimi-Afficionado weiß, der beste Weg, um einen Hobbydetektiv erst recht in Wallung zu bringen. Es dauert nicht lange und Ebel sitzt in tiefem Schlamassel, der tödlich enden könnte.

Was an „Meeresgrab“ gefällt, ist seine unaufgeregte Erzählweise, die Peter Wark trefflich beherrscht. Seine Schilderungen von Ebels Lotterleben auf den Kanaren sind stimmungsvoll und besitzen lakonischen Witz. Ebel ist ein Verwandter des „Dude“ Lebowski. Aus reiner Bequemlichkeit meidet der Ex-Anwalt Konflikte und Widerstand, und wird so in mörderische Verstrickungen verwickelt. Justus Häussler ist mitnichten ein alter, enger Freund, sondern jene Art Mensch, denen man zu Schulzeiten vorzugsweise aus dem Weg gegangen ist. Doch Ebel lässt Justus über sich ergehen wie einen heftigen Hagelschauer. Er hat natürlich keinen Schirm dabei und macht das, was er am besten kann: Lamentieren.

Das gefällt nicht so sehr: Ebel und sein Autor neigen zu Wiederholungen. Mehrfachen. Es ist bereits nach dem ersten Absatz klar, dass Martin Ebel keine Lust auf das Klassentreffen und Justus Häussler hat. Doch Schimpfkanonade folgt auf Schimpfkanonade und natürlich geht Ebel trotz seines ständigen Gemeckers zum Treffen und hat anschließend Häussler am Hals. Das passt zwar zu seinem Wesen, aber die Wiederholungen sind trotzdem ermüdend. Man sollte doch meinen, dass ein Mann, der in einem Zustand andauernder Siesta verharrt, auch keine Lust auf ausschweifendes Reden und Denken hat.

Es passiert, was passieren muss, die Handlung tändelt gemächlich voran, es ist immer Zeit für einen Drink, einen Flirt oder beides bei einer langen Nacht am Tresen. Ebel wittert zwar die Gefahren um ihn herum, lässt allem aber seinen Lauf, bis Katastrophen geschehen. Ein aus der Zeit gefallener Antiheld, der vermutlich mit den Kindern von Torremolinos herumgetollt ist, bei OM-Zirkeln in der Wüste Nevadas mitgesummt hat und San Francisco mit Blumen im Haar durchstromerte. Na gut, nicht ganz, aber zumindest mit Behagen jederzeit bereit, nach dem Ende der Anwaltszeit, bedröhnt dem Sonnenaufgang entgegen zu taumeln.

Das ist alles nicht besonders spannend und aufregend, die Kriminalgeschichte kann, bis auf einige interessante Fakten, über die Machenschaften im Speditionshandel, am Rand (da kommt der Journalist Wark gekonnt durch. Leider zu selten), vernachlässigt werden, ein paar Seiten weniger hätten dem Buch und dem Wald gutgetan. Aber „Meeresgrab“ besitzt viel vom lässigen Charme seiner Hauptfigur und bietet ein unterhaltsames Herumtändeln mit Chiffren, die irgendwie etwas mit Kriminalromanen zu tun haben. Don’t worry, be happy. Korrekte Urlaubslektüre, bis der letzte Drink oder Joint die Buchstaben verschwimmen lässt. Vielleicht auch darüber hinaus.

Cover © Gmeiner

Wertung: 8/15 Strandbar-Cocktails