Sibylle Berg – GRM Brainfuck (Buch)

Dystopische Literatur hat ja derzeit wieder Konjunktur, weil spätestens seit der Wahl Donald Trumps die Realität jegliche Fiktion zu überholen droht. Sibylle Berg, die sowieso nie zu verzärtelter Belletristik neigte, hat in diesem Genre mit ihrem neusten Buch GRM Brainfuck die Latte mal wieder ein wenig höher gelegt und dafür dürfen wir ihr dankbar sein, denn selbst hier steigt der Druck der kommerziellen Verwertbarkeit.

Im ihrem Großbritannien der nahen Zukunft ist der Brexit vollzogen und das Land auf dem absteigenden Ast. Die Chinesen haben die britische Wirtschaft in einem eisernen Griff, die Gesellschaft hat sich weitgehend aufgelöst, die Familie als ihr Kern ist nur noch Erinnerung und für manche Kinder nicht einmal mehr das. Da es kaum noch Arbeit gibt, sind die Menschen auf ein Grundeinkommen angewiesen, dass sie jedoch nur erhalten, wenn sie sich einen Chip einpflanzen lassen, der die totale Überwachung möglich macht. Die Sinnlosigkeit ihrer Existenz treibt viele Menschen in die Drogen- oder Tablettensucht – oder in Virtual-Reality-Cafés, in denen sie der Wirklichkeit entfliehen können.

Der Leser folgt einer Gruppe Jugendlicher, die aus verschiedenen Gründen ihre Familien verlassen haben und in einem besetzten Haus zusammen wohnen, bezeichnenderweise in Rochdale. Als die vier Jugendlichen, die außer einer Art Zweckgemeinschaft und unerwiderter Liebe nicht viel verbindet, merken, dass sie in Rochdale keine Zukunft haben, ziehen sie nach London, in der Hoffnung, dass ihr Leben dort eine neue Wendung finden möge. Als sie dort nur dasselbe in grün vorfinden, sinnen sie auf Rache.

GRM Brainfuck, benannt nach der Electronica-Punk-Band Grime, die im Leben der Freunde eine große Rolle spielt, bündelt auf über 600 Seiten menschliche Misere und bleibt dabei in jedem Moment unterhaltsam. Die präzise Beschreibung des geballten gesellschaftlichen Grauens gelingt der Autorin auch in diesem Buch wieder großartig. Der Leser folgt einer Anzahl Figuren, zum einen den vier Freunden, aber auch anderen Personen, die ihre Wege kreuzen. Bei der Einführung einer jeden Figur werden dem Leser jeweils tabellarisch einige Merkmale angereicht, die diese charakterisieren, vom hohen Aggressionspotenzial über nicht existente Libido bis hin zur nicht vorhandenen Kreditwürdigkeit und dann folgt ein Gewaltmarsch durch den Alltag dieser Figuren, dass es einem ganz anders wird.

„Das ist keine Dystopie. Es ist die Welt, in der wir leben. Heute. Und vielleicht morgen.“ Tatsächlich hat vieles einen hohen Wiedererkennungswert, nicht nur, weil sowohl Rochdale, das zuletzt für seinen Missbrauchsskandal in den Medien war, als auch der Brand im Grenfell Tower erwähnt werden, sondern auch, weil jeder Satz so gemeißelt erscheint, dass er einfach wahr sein muss. Ein Lesegenuss, der wehtut, womöglich traumatisiert und trotzdem süchtig macht.

  • Autor: Sibylle Berg
  • Titel: GRM Brainfuck
  • Verlag: KiWi
  • Erschienen: 2019
  • Einband: Pappband
  • Seiten: 640
  • ISBN: 978-3-462-05143-8
  • Sonstige Informationen:
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Wertung: 15/15 dpt