Cornelia Hollmann - Anderer Leute Sommer (Cover © Nibe Verlag)

Cornelia Hollmann – Anderer Leute Sommer (Buch) – Ein Gastbeitrag von Bertram Reinecke

Cornelia Hollmann - Anderer Leute Sommer (Cover © Nibe Verlag)Versuch über die Idylle
Zu „Anderer Leute Sommer“ von Cornelia Hollmann

Ich sehe nie aus eigenem Antrieb Spielfilme. Will mich eine Freundin dazu anstiften und fragt mich, welchen ich mir vorstellen könnte, sage ich zum Beispiel: »Etwas, wo Menschen auf dem Lande ruhig Projekte verfolgen«, und so kenne ich inzwischen nahezu alle Brontë- und Austin-Verfilmungen. Es geht mir nicht um Schicksalsschläge, Heiratsintrigen oder die Welt der hohen Stände. Mich interessiert genau der Alltag, der im dramatischen Erzählen immer so schwer zu fassen ist: Wir als Menschen langweilen uns mitunter, warten auf etwas, sind passiv, leben unser Dasein einfach vor uns hin. Helden dramatischer Plots hingegen müssen immer aktiv handeln, an ihre Grenzen gehen, irgendwelche Ziele verfolgen … und Filme nach Büchern, die noch ohne unsere Theorien des „verdammt guten Romans“ entstanden sind, fangen am Ehesten etwas von diesem nicht packend Erzählbaren des Lebens, vom Alltag ein, dazu in einem annehmlichen, noch nicht durch Jahrhunderte der Naturverhässlichung gegangenen Ambiente.

Menschen mit meinem Rezeptionsgeschmack können auf die Verlagsankündigung des jungen (( https://autorenimnetzwerk.de/index.php/2016/11/17/nibe-verlag/ )) sympathischen Nibe Verlages neugierig werden, in der es heißt: »Dies ist eine sachte Geschichte über den scheuen zwölfjährigen Mio, der in den Sommerferien von seiner Mutter zu Bekannten, die er noch nie sah, aufs Land in ein ehemaliges FDGB-Ferienheim geschickt wird, da sie ihn nicht von früh bis spät vor dem iPad sitzen sehen will. Sie möchte ihn an frischer Luft und unter Leuten sehen. Was sie nicht weiß, ist, dass alles, was Mio in seinem iPad schon hat sehen können, ihm Angst vor der Welt machte, so dass er überall Böses erwartet, sogar auf diesem stillen Hof im Wald. Mio lernt in diesem Sommer zum ersten Mal eine andere Art des Zusammenlebens, des Erwachsenseins und des Erwachsenwerdens kennen, die nicht beängstigend ist, aber dennoch auch nicht frei von Fragen und Herzklopfen.«

Sie finden eine Idylle, ein seit Mörikes „Der alte Turmhahn“ nahezu untergegangenes Genre, das schnell in den Verdacht des Kitsches gerät (auch Hans-Josef Ortheils Versuche dieser Art wurden von der Kritik verhalten aufgenommen). Wegen des schweren Standes solcher Versuche soll das Anliegen der Idylle hier kurz mit Novalis erinnert werden. Er schreibt: »Vergnügen gewährt ein Nachmittag unterwegs, im Schoß einer Familie zugebracht, die, ohne ausgezeichnete Menschen in sich zu schließen, ohne eine ausgesucht reizende Umgebung zu haben, doch durch die Nettigkeit und Ordnung ihres Hauswesens, durch die zusammenstimmende Tätigkeit ihrer mäßigen Talente und Einsichten und die zweckmäßige Benutzung und Ausfüllung ihrer Sphäre und Zeit ein gern zurückgerufenes Angedenken hinterläßt.« Nimmt man den Nachmittag in diesem Zitat nicht so genau – gern wurde auch ein längerer Ausflug oder ein ganzer Sommer geschildert – trifft das auf Cornelia Hollmans Debüt zu. Die klassischen Pfarr- (wie etwa bei Kosegarten) oder Forsthäuser (wie bei Voss) wären heute ein sehr gesuchtes Ambiente, aber mit einem ehemaligen Ferienheim, wie es sie auf dem Gebiet der neuen Bundesländer zu Dutzenden gibt, gewinnt man ein heutiges Setting, das abgeschieden genug ist, „die zusammenstimmende Tätigkeit ihrer mäßigen Talente und Einsichten und die zweckmäßige Benutzung und Ausfüllung ihrer Sphäre“ zu demonstrieren. Bei der „Ausfüllung ihrer Zeit“ könnte man in Bezug auf ihr Werk weniger überzeugt sein: Das ältere Ehepaar, das dieses Anwesen bewirtschaftet, wirkt etwas aus der Zeit gefallen, wie es in eingefleischter Laubenpiepermanier seine partielle Selbstversorgung (die in der DDR einen klaren wirtschaftlichen Sinn hatte und eher ganz natürliches Gewerbe und nicht Hobby war) so unbeschadet über die letzten knapp 30 Jahre rettete. Aber das genaue Abbilden gesellschaftlicher Verhältnisse war Sache der Idylle nie, womit nicht gesagt sei, dass sich Cornelia Hollman ein einfaches Erzählanliegen gesucht hätte, denn es ist kompliziert, eine Geschichte durchschnittlicher, nicht ausgezeichneter Menschen zu erzählen. Sobald man ihnen zu viele besondere Ideen oder Obsessionen verliehe, wären sie „unmotiviert“, müssten aus dem Figurenhintergrund eigens gerechtfertigt werden und man landete schnell in einer ganz anderen Geschichte. Also müssen die Helden fast definitionsgemäß manchmal Dinge tun, die nahe am Klischee liegen. Dahin nicht abzukippen setzt viel Sorgfalt im Detail voraus. Die Autoren zeichnet oft nur wesentliche Striche der Situation und bedient sich ansonsten der Aussparung, die durch das Desinteresse der zwöljährigen Hauptfigur jedes Mal gut motivierbar ist.

Es ist erstaunlich, wie es ihr gelingt, einen mit Kleinigkeiten am Lesen zu halten, denn es geschieht denkbar wenig in diesem Buch: Es gibt ein paar Spaziergänge, man bereitet Essen, verbringt eine Nacht im Freien, trifft einen Nachbarn, einmal kommt Besuch, ein Hund wird beerdigt … und das alles ist geschildert aus der Mitsicht Mios. So müssen auch noch differenzierte Beschreibungen fortfallen, mit denen etwa Prousts Marcel oder die Bücher Stifters ihre Leser fesseln. Einzig Lenis poetischere Naturwahrnehmung, die zu den aus den Handlungsmotiven des zwölfjährigen Städters gegriffenen Auffassungen kontrastiert, sorgt manchmal für eine gewisse Opulenz in einem durch die konzentrierte Fokussierung auf die hervorstechenden Charakterzüge und die wesentlichen Linien der Handlung manchmal fast karg anmutenden Realismus. Dabei bedürfen diese Naturbetrachtungen keiner irgendwie spektakulären Kulisse, sondern entzünden sich an einer Gegend, die zumindest für Mecklenburger Verhältnisse nicht außergewöhnlich ist.

Ansonsten kommuniziert der Text viel darüber, was ungesagt bleibt: Leni, des jugendlichen Helden Angebetete, (ja, es ist auch eine Liebesgeschichte) ist eines Tages nicht beim Frühstück. Er fragt nach ihr, und statt schlüssiger Antworten oder seinen Gedanken darüber, kriegen wir erzählt, wie ihm auffällt, dass da die Katze etwas vom Teller frisst, was er nicht zuordnen kann. Oft hört Mio auch, abgelenkt von seinen eigenen Problemen, nicht richtig hin, der erwachsene Leser ahnt trotzdem, was gesprochen wurde (schade, dass solche Beispiele schwer zitierbar sind, weil sie so viel Raum einnähmen). In der Schlussszene wird sorgsam vermieden zu erzählen, ob Mio an der Seite seiner Leni seinen verzweifelten Entschluss fasst, die Heimfahrt zu vermeiden: „Ich bleib einfach hier stehen.“ Auch vorher wurde uns lediglich erzählt, dass Leni auf seine Bitte, ihn dorthin zu begleiten, zögerte.

Auch die Chance, dass Kinder manches eben auf überraschende Weise außergewöhnlich sehen, weiß die Autorin zu nutzen. Mit Leni, der (offenbar arbeitsunfähig erkrankten) Träumerin, der exotischsten Figur des Buches, hat er hierfür die perfekte Anspielpartnerin.

Nennt man dann noch Mios Eltern und einen Maler, der sich in einem der alten Bungalows (kostengünstig) niedergelassen hat (und Mattis heißt, aber mit dem gleichlautenden Künstler bei Hindemith allenfalls seine Weltabgewandtheit gemeinsam hat), sowie eine Postfrau und einen Kioskbetreiber, die je nur einen Auftritt haben, ist praktisch die gesamte Personage dieser Novelle aufgezählt.

Weniger überzeugt hat mich zunächst, wie glatt die Lösung Mios von seinem iPad vor sich geht. Gut gelingt es der Autorin ins Blickfeld zu rücken, wie das Gerät ihm ursprünglich Sicherheit und Rückzugsmöglichkeit bietet. Wenig Gewicht legt die Autorin aber darauf, was genau diese Beruhigung herstellt. Zwar erfahren wir über seine Mitspieler einiges, aber das ganze bleibt recht vage und die ganze Internetwelt scheint etwas stark als Kontrastfolie zur heilen Welt am See in Anspruch genommen. Allerdings bin ich nicht sicher, ob die Autorin klug gehandelt hätte, mehr Gewicht auf Details der Netzwelt zu legen: Dieses Gebiet verändert sich zu schnell und das Buch drohte allzu leicht zusammen mit den erwähnten Spielen, Websites etc. der Veraltung anheim zu fallen. Überdies haben Leser regelmäßig Probleme Schilderungen unter Einbegreifung von Einrichtungen, die ihnen nicht seit ihrer Kindheit vertraut sind, innerlich so zu aufzufassen, dass sie als Allegorien eigener Probleme wirksam zu ihrem Leben in Beziehung gesetzt werden. Bekanntermaßen klappert die Literatur hier seit langem hinterher, die Eisenbahn wurde erst in den Texten um die Wende zum 20. Jahrhunderts wirklich prominent, das Radio wird selbstverständlicher Bestandteil der Figurenumgebung erst in den 50er Jahren usw. Es dennoch literarisch zu versuchen, mag ein wichtiges Anliegen sein, in einer Idylle, die auch auf emotionalen Mitvollzug setzt, ist dieser Anspruch jedoch vielleicht unpassend.

Die Ebene des Angedeuteten, nicht Mitgesagten ist so überwältigend, dass mir am Ende nicht klar ist, ob einem hier eine Idylle (mit marginalen Problemen am Rande, außer dass es natürlich für einen Zwölfjährigen überwältigende Probleme sein können) geschildert wird. Es könnte auch eine ganz andere Geschichte sein: Hier treffen sich Leute, die sich in einen Status quo so fest eingefunden haben, dass sie ihre Situation noch nicht einmal laut in Frage stellen können. Tante Hanni lebt in ihrer Küche, Onkel Paul in seinem Schuppen, Leni zieht es an den See, wo sie immerhin gelegentlich Mattis begegnet, der sich wiederum gern in seinen Bungalow zurückzieht … Er macht zwar durchaus den unabhängigsten Eindruck, aber auch sein Möglichkeitsraum scheint beschränkt, seine realistischen Zeichnungen wirken jenseits eines gelegentlichen Verkaufs an Touristen in der Kunstszene chancenlos. Mio ohne Freunde und seine Ablenkungen und zusehends seinen ebenfalls abwesenden Eltern entfremdet, verfällt in einer Art Stockholmsyndrom seiner Beatrice Leni (damit wäre auch erklärlich, warum dieser Prozess so zügig vonstatten geht), der er sich andererseits nicht richtig nähern kann, weil er fürchtet, dass sie ihm wieder genommen wird (hier ist das Buch auch eine heikle Studie über Unsicherheit und Eifersucht).

So glaubt man es Mio sofort, wenn er Lenis Worte »Was mach ich hier bloß ohne Dich«“ auf sich und nicht auf den verstorbenen Hund bezieht, an dessen Grab sie gerade stehen, denn auch sie scheint ganz genau zu wissen, dass in ihrem sonstigen Umfeld manche ihrer Ideen nichts als ein Lächeln ernten würden.

Und so gesehen hat der Text dann doch eine gesellschaftliche Dimension: Als wer sind wir verfasst und wie ist Auflehnung dagegen überhaupt möglich, wo die Sprache gänzlich fehlt, dass wir uns darüber überhaupt selbst Rechenschaft geben, geschweige denn diese Ansprüche geltend machen könnten? (Oder verfalle ich hier schon Mios überwundenem Standpunkt, wenn ich zweifle ob eine solch plane Welt der Alltäglichkeiten ernstlich wünschbar-, jenseits dieses abgelegenen Refugiums überhaupt möglich ist? Könnte mich ein längerer Landaufenthalt mit Internetfasten von einer anderen Sicht überzeugen?) Dieser Horizont des namenlosen Ausgeliefertseins an das eigene Wahrnehmungsumfeld jedenfalls, der mir auch in den so ganz anders gearteten Idyllen Sophie Dethlevs besonders dringlich wurde, dieses Unentschiedene zwischen Utopie und Dystopie machte mir das Buch zu einem bewegenden Leseereignis. Und das mag ganz jenseits ihres schlechten Rufes, dort zumindest, wo sie Literatur waren, auch der Furor der klassischen Idylllen gewesen sein.

Den Liebhabern eines so versierten Debüts hätte man mit einem Layout , das weniger nach Jugendbuch aussieht und einer besseren Satzkorrektur entgegen kommen können (es gibt besonders zahlreiche stehengebliebene Zwangstrennungen mitten in der Zeile).

Diese Rezension wurde verfasst von Bertram Reinecke, bekannt als Verleger bei Reinecke & Voß sowie als Schriftsteller und Lyrikliebhaber. Mehr über ihn erfahrt ihr beispielsweise auf Wikipedia.

 

  • Autor: Cornelia Hollmann
  • Titel: Anderer Leute Sommer
  • Verlag: Nibe Verlag
  • Erschienen: 2019 (Erstauflage)
  • Einband: Softcover
  • Seiten: 292
  • ISBN: 978-3-96607-015-7
  • Sonstige Informationen:
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