Willam Boyle – Einsame Zeugin (Buch)

Wenn Paranoia und Eintönigkeit den Alltag bestimmen

Die wilden Jahre als Barkeeperin und Partygirl sind für Amy Falconetti schon lange vorbei. Vor sechs Jahren zog ihre Freundin Alessandra von einem Tag auf den anderen nach LA, seitdem ist Amys Alltag von Tristesse geprägt. Zurückgezogen lebt sie in Brooklyn, genauer in Gravesend, wo sie sich in der Kirche St. Mary engagiert und alten Menschen, die es nicht mehr bis zur Kirche schaffen, die Kommunion nach Hause bringt.

Eine dieser betagten Damen ist Mrs. Epifanio, die sich bei Amy beklagt, dass nicht mehr Diane zum Putzen kommt, sondern deren unsympathischer Sohn Vincent, der sich auch schon in Mrs. Epifanios Schlafzimmer umgesehen habe, obwohl dort doch gar nichts zum Stehlen sei. So sinnieren Mrs. Epifanio und Amy darüber, ob Diane womöglich gar nicht krank sei, sondern von ihrem Sohn ermordet wurde. Man steigert sich in das Thema hinein und Amy beschließt, Vincent unauffällig zu folgen.

„Der Detective hat gesagt, dass sie allen Hinweisen nachgehen. Das heißt doch, dass sie überhaupt nichts wissen.“

An dieser Stelle hat sich Autor William Boyle eine böse Wendung einfallen lassen, denn es geschieht tatsächlich ein Mord, allerdings nicht an Diane. Amy beobachtet vielmehr einen Streit zwischen Vincent und einem anderen jungen Mann, der mit einem tödlichen Messerstich in Vincents Hals endet. Statt die Polizei zu rufen, nimmt Amy das Messer an sich und versucht herauszufinden, wer der Mörder war. Es entsteht ein gefährliches Katz-und-Mausspiel bis der Mörder plötzlich in ihrer Wohnung steht …

Brooklyn, Alltagsmonotonie und viel Paranoia

Nach „Gravesend“ (2018) entführt Autor William Boyle in „Einsame Zeugin“ seine Leserschaft erneut in jenen Teil von Brooklyn, in dessen Nachbarschaft er selber aufwuchs. Umfangreich und kleinteilig wird Gravesend portraitiert, ebenso wie das festgefahrene Leben von Amy. Seit der Trennung von Alessandra ist nichts mehr los, nur noch die Arbeit für die Kirche und das Engagement für ältere Leute sowie Gelegenheitsjobs sind geblieben. Der Traum von Freiheit und Abenteuer ist schon lange ausgeträumt. Doch dann ergeben sich unerwartete Turbulenzen. Nicht nur der Mord an Vincent beschäftigt Amy. Wie soll sie sich verhalten? Zur Polizei gehen? Vor vielen Jahren beobachtete Amy schon einmal einen Mord, seitdem weiß sie, dass es besser ist zu schweigen.

Dann steht plötzlich ihr Vater Fred vor der Tür, von dem sie glaubte, er sei schon lange tot. Als Amy noch ein kleines Kind war, verließ er ihre Mutter, die früh verstarb, so dass Amy bei ihren Großeltern aufwuchs. Nun ist Fred seit einigen Jahren trocken, will seine Fehler wiedergutmachen. Doch wie soll man sich gegenüber einem Vater verhalten, der ein Leben lang nie für einen da war? Als dann noch unerwartet Alessandra wieder in Amys Leben eintaucht wird es richtig kompliziert, zumal auch Vincents Mörder den Kontakt zu Amy sucht. Es geht um Schmuck und viel Geld.

„Du hast einfach geträumt, dass es in deinem Leben anders läuft. Es ist ganz normal, dass man davon träumt, dass es endlich mal gut läuft.“

In langsamem Erzählstil führt Boyd sein Publikum durch die heruntergekommenen Straßen von Gravesend. Wer hier lebt, hat den Absprung verpasst. In der düster-melancholischen Stimmung, die die Gegend verbreitet, ist es kein Wunder, dass sich bei Amy schon bald Paranoia einstellt; sie fühlt sich von Vincents Mörder verfolgt, sieht überall Gespenster. Warum sie sich nicht an die Polizei wendet, bleibt ein Rätsel, ebenso wie die Frage, warum sie das Messer an sich nimmt. Nicht jede Handlung ergibt hier einen Sinn, allein Amys Vergangenheit erscheint ein wenig zu einfach, um als Erklärung herzuhalten. Polizeiliche Ermittlungen sind nicht feststellbar, es gibt ja auch keine Spuren (sprich Fingerabdrücke mangels Tatwaffe) oder Zeugenaussagen. Erst nach gut der Hälfte des Romans stehen sich Amy und Vincents Mörder unmittelbar gegenüber.

Bis dahin – sowie im weiteren Verlauf – beschreibt der Autor „seine Stadt“ und die Trostlosigkeit seiner Figuren. Eine Chance auf ein besseres Leben ist dabei nicht vorgesehen, weder für Amy, noch für Fred oder Alessandra, wenngleich kurzzeitig das große Geld winkt. William Boyd überschreitet die Grenzen des Genres Kriminalroman deutlich, seine Figuren, deren Alltagssorgen und deren Gefangenheit in ihrem Milieu sind ihm wichtiger als eine spannende, actionreiche Krimihandlung. Wer dem Noir zugeneigt ist, findet hier eine lesenswerte Variante.

Cover © polar Verlag

  • Autor: William Boyd
  • Titel: Einsame Zeugin
  • Originaltitel: The Lonely Witness
  • Übersetzer: Andrea Stumpf
  • Verlag: polar Verlag
  • Erschienen: 08/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 299
  • ISBN: 978-3-945133-81-1
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
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Wertung: 10/15 dpt