Jurica Pavičić – Blut und Wasser (Buch)

Ein Land zerfällt, ein Dorf zerfällt – dazu ein Füllhorn an Verstrickungen

1989. Vesna und Jakob Vela leben mit ihren siebzehnjährigen Zwillingen Silva und Mate in dem kleinen Dorf Mista in Dalmatien, nahe bei Split. Sie führen ein beschauliches Familienleben, Ruhe und Struktur sind ihnen wichtig, bloß keine unnötige Aufregung. Nur Silva schlägt aus der Art, denn die junge Frau hat noch viel vor im Leben, so auch am Samstagabend des 23. September. Beim Fischerfest tanzt sie eng umschlungen mit Adrian Lekaj, obwohl sie eigentlich mit Brane Rokkov liiert ist. Allerdings ist Letzterer gerade nicht im Ort. Nachdem sich Silva und Adrian gegen Mitternacht voneinander verabschieden, verliert sich Silvas Spur. Am nächsten Tag ist spätestens gegen Mittag vor allem Vesna besorgt, man alarmiert die Polizei, die zunächst vertröstet. Als wenig später der herbeigerufene Inspektor Gorki Sain jedoch in einem Abflussrohr im Garten der Velas ein Päckchen Heroin findet, ist auch seine Neugier geweckt. Schnell stellt sich heraus, dass Silva für den in Split bekannten Dealer Cvitko mit Drogen gehandelt hat. Verhaftet wird jedoch knapp einen Monat später Adrian, ein anonymer Hinweis belastet ihn schwer. Allerdings ergeben die Untersuchungen einschließlich eines körperbetonten Verhörs und eines Lügendetektortests keine Ergebnisse. Im Gegenteil.

“Wissen Sie eigentlich, was um uns herum los ist?”
“Das weiß ich.”
“Den Eindruck habe ich nicht. Wir sind keine Polizei mehr. Wir sind eine Armee. Unten vor dem Gebäude laden meine Leute Minenwerfer auf Laster. Sie sterben an der Front. Gestern hat es bei Otisic zwei aus der Verwaltung erwischt. Einer hat eine Kugel in den Kopf bekommen, der andere hat einen Arm verloren. Glauben Sie wirklich, dass wir die Zeit haben, uns mit einer Ausreißerin zu beschäftigen?”

Jakob und Mate machen sich auf die Suche nach Silva, opfern einen Großteil ihrer Freizeit, doch ohne Erfolg. Dann zerfällt 1990 auch noch Jugoslawien, Fabriken schließen, der Kommunismus hat ausgedient, ein Krieg folgt. Aus der Polizei wird eine Armee, Gorki verliert seinen Job und eine Suche nach einer inzwischen Volljährigen hat keinerlei Priorität mehr.

Mit “Blut und Wasser” legt der in Split geborene Jurica Pavičić einen großartigen Roman vor, der die Auswirkungen des Verschwindens von Silva auf deren Familie, die Dorfgemeinschaft und weitere Personen haarklein seziert. Beeindruckend dabei ist, wie der Zerfall Jugoslawiens die Ereignisse in Misto beeinflusst. Die Figuren sind äußerst lebendig, ihren Schmerz über den Verlust kann man körperlich spüren. Vesna zieht sich komplett zurück, verlässt kaum noch die Wohnung, sieht überall den Mörder ihrer Tochter. Nach seiner kurzzeitigen Verhaftung wird Adrian als solcher von der Dorfgemeinschaft geschnitten, ebenso die Bäckerei seines Vaters. Man kauft dort ein, weil es keine Alternative gibt. Das Geld für das Brot wird vorher abgezählt, der Kopf bleibt unten, gegrüßt wird nicht. Zur Ironie des Schicksals zählt, dass Adrian später im Krieg als Nationalheld fallen wird.

Brane, Silvas vermeintlicher Freund, hat ein wasserdichtes Alibi. In der Nacht, in der Silva verschwand saß er mit anderen Fahrgästen in einem Bus auf dem Weg nach Misto. Der ohnehin schüchterne Junge zieht sich ebenfalls zurück, fährt später zur See, um den Kontakt zum Dorf und der eigenen Familie abzubrechen. Bei Jakob, dem Vater, macht sich Apathie und Fatalismus breit. Und eine Verärgerung auf die Tochter, die sich ja wenigstens mal melden könnte, denn einige Monate nach ihrem Verschwinden meldet sich eine Zeugin, die aussagt, sie hätte Silva am Sonntag, dem 24. September, in Split am Busbahnhof gesehen, wo sie am Terminal für Auslandsfahrkarten stand. Einige Jahre später ist Mate der einzige in der Familie, der noch nach Silva sucht, woran seine Ehe zerbrechen wird.

Eine besonders relevante Figur ist der Ermittler Gorki Sain. Sein Großvater war als Partisane ein Kriegsheld, kämpfte neben Tito, dem späteren Staatschef (1945-1980). Gorki, benannt nach Maxim Gorki, ist ein Sohn der “roten Elite”. Nach dem Zerfall Jugoslawiens ist dies allerdings ein Damoklesschwert, der Kommunismus nichts mehr wert, alte Rechnungen werden beglichen. So hängt er nicht nur in seinem Büro das Portrait Titos ab, sondern seinen Polizeiberuf gleich mit an den Nagel. Später wird er für eine irische Immobilienfirma arbeiten, die sich auf Grundstückspekulationen versteht, um Ferienressorts in Dalmatien zu erschließen. So wird aus dem ehemaligen Kommunisten ein Mitläufer des Kapitalismus, dessen Lebenslauf unübersehbare Parallelen zur Entwicklung des Landes aufweist. Das Land zerfällt, dann kommt der Krieg, zuletzt ausländische Spekulanten.

“Gorki Sain?”
“Ja.”
“Weißt du was?”
“Was denn?”
“Dein Großvater hätte einen wie dich sofort erschossen.”

Am Ende ist es der desillusionierte Gorki, der die Lösung des Falles aufdeckt. Dabei ist auffallend, wie viele Ereignisse eng miteinander verzahnt sind. Wäre der Staat nicht zerfallen, wäre die Polizei keine Armee geworden, hätte Gorki seinen Job nicht verloren, hätte weiter ermittelt und so weiter. Stattdessen dauert es bis zum Jahr 2016, bevor die Familie Vela endlich erfährt, was aus ihren Silva geworden ist. Der düstere Tonfall der gesamten Geschichte lässt derweil kein gutes Ende erwarten. Großes, einfühlsames Lesekino!

Cover © Schruf + Stipetic

  • Autor: Jurica Pavičić
  • Titel: Blut und Wasser
  • Originaltitel: Crvena voda
  • Übersetzer: Aus dem Kroatischen von Blanka Stipetic
  • Verlag: Schruf + Stipetic
  • Erschienen: 11/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 274
  • ISBN: 978-3-944359-49-6
  • Sonstige Informationen:
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