Walter Serner – Der rote Strich (Buch)

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Walter Serner - Der rote Strich (Cover © Manesse Verlag Zürich)Der Privatdozent Theodor Lessing schrieb Anfang 1925, in dem gerade zum Reichspräsidenten gewählten Hindenburg stecke ein Zero, auf den ein Nero folgen würde.1 Als wäre das nicht genug, schrieb er im Mai einen Aufsatz über „diesen Serner“, der „ein Rubens- oder Shakespeare-Format besäße“ und „mitten hineinspringt (in die Welt der Dirnen und Zuhälter) und Wahrheiten hervorholt, die weder ein Schiller je zu sehen, noch ein Kant je zu begreifen vermöchte“, wie das Vorarlberger Tagblatt über den „Fall Lessing“ zurückblickend berichtet. Während dabei von der „Unverschämtheit und Gemeinheit des Juden Lessing“ gesprochen wird, die „die Studentenschaft der Technischen Hochschule in Hannover begreiflicherweise nicht ohneweiteres hingenommen“ hat2 , berichtete 1925 das Prager Tagblatt von „mehrere[n]hundert Mitglieder[n]nationalistischer Verbände“, die vor Lessings (zu diesem Zeitpunkt leerstehende) Wohnung zogen, „wo sie lärmten und Steine warfen“.3

Inwieweit diese Geschehnisse der Gegenwart entsprechen, muss jeder für sich selbst erörtern. Dass eine repräsentative Auswahl Walter Serners Kurzgeschichten mit gelungenem kritischem Stellenkommentar und spannendem Nachwort in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur gerade neu erschienen ist, kann dabei jedoch – und zwar auf sehr unterhaltsame Weise – helfen. Obwohl hier, wie so oft, die Wahrheit einigen Verschachtelungen unterworfen ist, die genuin literarisch sind.

Dazu zählt, dass wenig bis nichts von dem stimmt, was sowohl Lessing als auch die Nationalisten über Walter Serners Biographie zu wissen glaubten. Sie bestimmen damit zwar ziemlich treffsicher, wovon seine Kurzgeschichten, auch in Der rote Strich, handeln. Aber Walter Serner selbst entgegnet den Vorwürfen, ein international gesuchter Krimineller zu sein, wie im spannenden Nachwort von Xaver Bayer zitiert wird: „Der Umstand, dass ich gänzlich unvorbestraft bin und nichts Handgreifliches gegen mich vorliegt, wäre demnach der Beweis meiner Verbrecher-Überlegenheit. Das ist schmeichelhaft, aber nicht wahr.“ (S. 425)

Es gibt allerdings zwei Stolpersteine auf dem Weg zu einer genussvollen Lektüre: Obwohl Walter Serner in gendertheoretischen Fragestellungen sehr fortschrittlich war, sind Frauen in seinen Geschichten letztlich doch meistens die Verliererinnen, was sich leicht sexistisch liest – oder auch als Beschreibung einer schlicht ungerechten Realität. Und auch das Vokabular, aus dem der Herausgeber der Gesamtausgabe im Verlag Klaus G. Renner, Thomas Milch, 1983 ein eigenes Gaunerwörterbuch erstellt hat, kann etwas befremdlich wirken. Doch dank des stimmigen Stellenkommentars entfaltet sich dabei auch, zusammen mit den wunderbar klingenden Namen der Protagonisten, eine enorm witzige Wortakrobatik. Es lohnt sich also, diese kleinen Hindernisse zu bewältigen, zumal man dann rasant erzählte und intellektuell fordernde Geschichten vorfindet, in denen sich Hardboiled-, Noir- und Beat-Literatur derartig heftig ankündigen, dass man sich beim Lesen festhalten sollte: Man könnte überwältigt werden.

Entsprechend wäre nicht dafür zu argumentieren, dass sich die Lektüre der Texte 2016 genauso leicht und gut ausnimmt wie 1925. Doch umso wichtiger ist, es Der rote Strich zu lesen – Serner ist vielleicht nicht zeitgemäß; aber wenn man ihn liest, trägt man ihn in die Gegenwart (oder wie Serner sagt: „Nicht immer ist Neues wichtiger. Oft Alterprobtes sogar neu.“). Ein intelligentes Lesen, das die Geschlechterrollen als austauschbare Rollen, die gesellschaftliche Einteilung in soziale Gruppen nicht als Produkt individueller Leistungs(un)fähigkeit und die finanzielle Armut der empathischen Menschen nicht als Schwäche vorstellt, sondern immer auch die Lust und die Ehrlichkeit der Lügen der Subalternen mitliest, lässt die Stories zu der „geschliffenen Waffe“ (Kulturradio rbb) gegen die Verlogenheit bürgerlicher Nationalisten werden (auch gegenüber dem bürgerlichen Nationalisten, der in uns selbst steckt und sich nach Einfachheit sehnt).

Als gutes Beispiel für die oben angesprochenen Ecken, Kanten und Spitzen der Geschichten kann „Der Vicomte“ dienen, die vollständig im Crimemag erschienen ist. Nicht nur, dass hier auf geringstem Raum mehr Doppelbödigkeiten auf der Handlungsebene ausgespielt werden, als Tarantino sich in seinen Kammerspielszenen träumen lassen dürfte, auch der Kriminalroman selbst wird hier als leidenschaftlicher Betrug inszeniert, als vermeintliches Genre, das sich dem wissenschaftlichen (in der Geschichte: dem polizeilichen) Zugriff entzieht und dem Gegenüber, der Zeit und ihren Erzähltechniken sowie der Politik einen Schritt voraus ist – und sein muss, um zu überleben. Damit lässt sich Serner nicht nur bei Shakespeare, Büchner und Cortázar einreihen, sondern auch als Wegbereiter der Chandler- und Highsmith-Übersetzungen in Deutschland darstellen.

Obwohl alle Geschichten Serners im Internet frei zugänglich und die meisten seiner Texte antiquarisch günstig zu erhalten sind, bietet die mit 25€ nicht ganz günstige Manesse-Ausgabe einige Vorzüge, die Der rote Strich zu einem tollen Geschenk für Freunde und Feinde sowie einer ausgezeichneten Arbeitsgrundlage für wissenschaftliche Auseinandersetzungen werden lässt. Wobei ich mir in diesem Zusammenhang nicht den philisterhaften Kommentar verkneifen kann, dass sich Andreas Puff-Trojan entgegen seiner Angaben in der editorischen Notiz nicht auf die Originalausgaben, sondern, zumindest im Fall der Geschichten aus Zum blauen Affen auf die noch zu Serners Lebzeiten verbesserte Gesamtausgabe beruft; hier hätte man durchaus noch die in den später erschienen Gesamtausgaben genannten größeren Textveränderungen nennen können (so heißt etwa das „Hotel Negresco“ aus der Geschichte „Die Rache des Serben Calenowitsch“ 1921 noch „Hotel Negri“).

Alles in allem sei aber jedem, der sich für Politik, Zeitgeschehen und Kriminalromane interessiert, geraten, schnellstens die nächste Buchhandlung aufzusuchen und sich Serners Texte in den Manesse-Ausgaben zu besorgen. Und sich dann zu fragen, wo und ob es in der deutschen Politik Zeros wird, auf die Neros folgen. Um Antworten zu finden, müsste man die Realität lesen, wie man Serner liest.

Cover © Manesse Verlag Zürich

Wertung: 13/15 dpt

  • Autor: Walter Serner
  • Titel: Der rote Strich
  • aus der Reihe: Manesse Bibliothek der Weltliteratur
  • Verlag: Manesse Verlag Zürich
  • Erschienen: 28.09.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 444
  • ISBN: 978-3-641-17223-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten
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Fußnoten

  1. Theodor Lessing: „Vom Tage. Hindenburg.“ In: Prager Tagblatt (25.04.1925). S. 3. Abrufbar unter http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=ptb&datum=19250425&seite=3&zoom=6 (Zugriff: 24.02.2016)  

  2. Artikel: „Der Fall Lessing.“ In: Bregenzer/Vorarlberger Tagblatt (15.06.1926). S. 1-2. Hier: S. 1. Abrufbar unter: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=btb&datum=19260615&zoom=33 (Zugriff: 24.02.2016)  

  3. Artikel: „Demonstrationen gegen Theodor Lessing.“ In: Prager Tagblatt (12.05.1925). S. 4. Abrufbar unter: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=ptb&datum=19250512&zoom=33 (Zugriff: 24.02.2016)  

Über den Autor

Tim König

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Tims Nerd-Schreibtisch

Studiere an der Freien Universität Berlin seit einiger Zeit Deutsch und Ethik, suche aber gerade einen Job als Nachtwächter (o. Ä.), zumal mein Bachelor so gut wie beendet ist. Das soll aber nicht heißen, dass mein Verhältnis mit Büchern und Literatur am Kriseln wäre; denke eher, dass Nachtwächter mehr Zeit zum Lesen haben als Studierende.

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