Alipato – The Very Brief Life of an Ember (Spielfilm, Kino)

0
0
0

Alipato - Cover (c) Rapid Eye MoviesManila 2025. Ein Röhrenfernseher teilt uns mit, dass die Stadt der weltgrößte Exporteur handgefertigter Kohle ist. Neben einem pervertierten CNN-Newsfeed ist das Symbol von National Geographic eingeblendet, umbenannt in National Pornographic. Ein mit Goldkugeln gepiercter Weißer geht der rückwärtsfahrenden Kamera entgegen und erklärt mit starkem amerikanischen Akzent den Müllberg, auf dem er geht, zum wertvollen Rohstoff, aus dem Kohle gewonnen wird. Er könnte einem Film Emir Kustoricas entsprungen sein, irgendwo zwischen Zigeuner- und Piratenstereotyp hat er die Rolle eines Fremdenführers, der die in einer längeren Plansequenz die Müllkippe vorstellt.

Was wie ein schlechter Witz wirken kann, ist beißende Kritik: Bis 1995 gab es in Manila eine gigantische Müllkippe, „Smokey Mountain“ genannt, auf der 30.000 Bewohner*innen den Müll zu Kohle „verarbeitet“ haben. Vom nationalen Amt für Wohnungsbau wurde Smokey Mountain in den Neunzigern abgetragen, die Bewohner*innen auf die nächste Müllkippe, ein gutes Stück weiter nördlich in Palataya vertrieben, um der Stadt ein besseres Image und Wohnraum zu verschaffen. Wenn 2016 in Alipato – The Very Brief Life of an Ember Kleinwüchsige in einer satanisch-karnevalesken Prozession durch die Müllberge ziehen und fröhlich-zynisch gesungen wird: „Das Leben ist eine erloschene Glut.“ – Was ist das dann: Globalisierungskritik? Kolonialismuskritik? Jedenfalls keine Liebeserklärung an den philippinischen Staat.

Alipato – The Very Brief Life of an Ember ist ein Film des jungen Multitalents Khavn de la Cruz und wurde von Rapid Eye Movies, einem kleinen Kölner Filmlabel, produziert. Ergebnis ist eine literarisch feinsinnige Collage geworden, die auf großartige Weise schreckliche Kulissen einfängt, billig-digital gedreht zu sein scheint und oft vulgär und brutal das morbide Spiel der Tabubrüche treibt. Zum Ende des Films findet eine Karaoke-Szene in einem Schweinestall statt, die in einem blutigen Gemetzel endet, während die Kamera wegschaut; der Liedtext, penetrant oft wiederholt, lautet: „Socrates was lying, when he said ‚I don’t know‘. […] I know, I know, oh no, I don’t know the time, I don’t know the place, but I know we will get there anyhow.“ Und natürlich: „All I know is that I love you.“ Hier wird verheizt, was nur verheizt werden kann, noch das Unwissen am Ende einer dadaistischen Dekonstruktion wird schreiend ermordet. Das führt in einigen Situationen auch zu einer langweiligen Spannungslosigkeit, wird aber von einer lockeren Erzählung zusammengehalten.

Dabei geht es um eine Kindergang, die die Nationalbank ausraubt. Den Bankraub selbst sieht man nicht, dafür weitere Riten und Tabubrüche mit Kinderdarsteller*innen (beziehungsweise?) kleinwüchsigen Schauspieler*innen; der Boss der Gruppe wandert jedenfalls ins Gefängnis und kehrt nach 34 Jahren zurück zur Gang. Es ist unklar, ob das Geld überhaupt gestohlen oder versteckt wurde, aber nach und nach sterben die einzelnen Gangmitglieder: „I know we will get there anyhow“… Alles Weitere sind Anstöße zu weiteren Tabubrüchen, die nicht zuletzt auf sexueller Ebene verstörend sind und hart an der Grenze zum Wahnsinn entlangschrappen. Eine kindisch groteske, vierminütige Stop-Motion-Szene versinnbildlicht die Zeit im Gefängnis; die Vergewaltigung einer alten Frau durch den Bandenchef versinnbildlicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Weil aber die einzelnen Szenen, die in oft enorm kunstvollen Kulissen spielen und für sich doppelbödig gefilmt sind, deutlich zu lang sind, ertappt man sich immer wieder dabei, wie man abschweift: Der ewige Reigen der produktiven Hysterie macht taub. Die Bandbreite an Stilmitteln und Verfremdungseffekten ist enorm, die Aufbau des Films stimmig und der politische Impetus mehr als gerechtfertigt – und doch kann man sich leicht in dem Film verlieren; was bleibt: Die Hoffnung, das Khavn älter, vielleicht auch ein wenig gelassener und im Schnitt effektiver wird, und dann noch einen Film mit der Unterstützung von Rapid Eye Movies macht. Trotzdem: Schon jetzt ist das einen Blick wert, und Khavns Manifeste lassen Großes vermuten und Alipato – The Very Brief Life of an Ember ist eine bunte Rumpelkiste an Ideen und Provokationen, letztlich Versuchen, einen -noch- unsichtbaren gewaltigen Missstand der globalen Gesellschaft Bilder zu reichen.

Wertung: 7/15 dpt

Cover © Rapid Eye Movies

  • Titel: Alipato – The Very Brief Life of an Ember.
  • Produktionsland und -jahr: Philippinen, Deutschland 2016
  • Genre:
    Avantgarde
  • Erschienen: 24.11.2016 (Kino)
  • Label: Rapid Eye Movies
  • Spielzeit:
    87 Minuten
  • Darsteller:
    Dido De La Paz
    Robin Palmes
  • Regie: Khavn
  • Drehbuch: Achinette Villamor
  • Musik: Khavn
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten
Print Friendly, PDF & Email
0
0

Über den Autor

Tim König

0
0

Studiere im Lehramtsmaster Deutsch und Philosophie/Ethik an der Humboldt-Universität Berlin. Mit Freundinnen und Freunden gebe ich die anwesenheitsnotiz heraus, die an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist, an der ich meinen Bachelor gemacht habe. Obwohl ich einen Großteil meiner Zeit in hinter Büchern, in Klassenräumen oder vor der Filmleinwand verbringe, habe ich nach wie vor die ein oder andere Liaison mit Film/Comic/Videospiel/Kunstaustellung/Musik. Vor allem Musik, mit einer besonderen Vorliebe für Avantgardistisches, auch in Gestalt von Pop.

∇ mehr über Tim König
Print Friendly, PDF & Email
0
0

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar
wpDiscuz

Alipato – The Very Brief Life of an Ember …

von Tim König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
0