James Baldwin – Ein andere Welt (Buch)

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An einem Mittwochnachmittag dachte ich über Wunden nach, über Kategorisierungen und Privilegien: „Eine andere Welt“.

Früher war alles besser, sagen die Menschen in Berlin. Früher war alles besser, sagen die Menschen in New York. Aber es ist noch nicht so lange her, da waren in der einen Stadt Jüdinnen und Juden Untermenschen und in der anderen Farbige Bürger*innen zweiter Klasse. Und heute gibt es Rothschildverschwörungspop und junge Menschen werden aufgrund ihrer Hautfarbe kriminalisiert. Hier wie dort hat sich manches geändert, bei weitem nicht genug – das zeigen Filme wie „I am not your negro“ oder Bücher wie das hier besprochene.

„Eine andere Welt“ ist der dritte Roman des US-amerikanischen Autors James Baldwin; angesiedelt im New York der späten 1950er: Rufus ist ein farbiger Musiker, der eine Beziehung mit der weißen Leona eingeht. Richard schafft den Sprung zum Erfolgsautor, seine Frau Cass beginnt eine Affäre mit dem schwulen Eric, der indes auf die Ankunft seines Geliebten Yves aus Frankreich wartet. Ida ist die Schwester von Rufus und beginnt nach dessen Tod eine Beziehung mit dem weißen Vivaldo.
Woody Allen hätte daraus mit Sicherheit eine lockere Komödie in der liberalen weißen Oberschicht New Yorks gemacht. Aber Baldwin ist mit seinen Leser*innen weit weniger nachsichtig: Mit Vergrößerungsglas und sprachlichem Werkzeug seziert er seine Figuren, ihre Verletzungen, ihre Beziehungen – obwohl sie alle intelligent und aufgeschlossen sind, kommen sie nicht über den Horizont, den ihnen die – so zeigt es das Buch – nachhaltig katastrophale Geschichte des Landes der Freien und Tapferen gezogen hat. Rufus scheitert an der ständigen Abweichung von der Norm, die ihm die Zuschreibung „farbig“ aufbürdet. Er liebt Leona, leidet aber an den permanenten Schuldgefühlen ihr gegenüber. Ida kann den weißen Freunden ihres Bruders dessen Tod nicht vergeben, während Vivaldo sich fragen muss, ob er seinerseits aus Gewissensbissen mit farbigen Frauen schläft. Auch Eric hadert mit seiner Andersartigkeit, die ihm von Weißen wie Farbigen gleichermaßen gespiegelt wird. Nicht einmal Cass und Richard – Prototypen des weißen und toleranten Amerikas – können die unsichtbare Wand, die eine jahrhundertelang andauernde Geschichte gebaut hat, überwinden, wenn es hart auf hart kommt.

Wie so viele Texte Baldwins dreht sich auch „Eine andere Welt“ um drei zentrale Themen: Hautfarbe, Sex und Macht. Die Hautfarbe markiert dabei die höchste Hürde, gebaut aus Zuschreibungen, Prüderie, vermeintlicher Liberalität und alten Ressentiments. Ausnahmslos alle Figuren scheitern früher oder später an ihr, weil sie die über Generationen gepflegte Entmenschlichung der Farbigen beim besten Willen nicht überwinden können: „[W]ie schön es sein müßte [sic!], wieder auf so ein Schiff zu gehn [sic!] und davonzufahren […] irgendwohin, wo ein Mensch wieder ein Mensch sein, wo er wieder als Mensch gelten könnte.“ (77) Die amerikanische Schuld (wie wohl die Schuld der ganzen Welt) besteht darin, Menschen nicht wie Menschen zu behandeln und Baldwin beschreibt nicht nur die Wunden eindrücklich, die das weiße Amerika dem farbigen schlug, sondern auch die, die es sich dabei selbst zufügte. Darin ist er radikal: Er vergibt selbst dem weißen, liberalen Amerika nicht, das aus Unwissenheit entmenschlicht, nicht aus böser Absicht, und stellt die Frage, wie und ob auf dieser Grundlage gemeinsames Leben überhaupt möglich ist. Bis zum Ende wird sie unbeantwortet bleiben.

Nicht weniger kompromisslos ist Baldwin, wenn es um Homosexualität geht. „Vielleicht war von solchen Geheimnissen […] nur freizukommen, wenn man sie mit aller Anstrengung ans Licht der Welt zog, wenn man sie der Welt selbst auferlegte und sie damit zwang, zu einem Bestandteil der Welterfahrung selbst zu werden.“ (125) Sexualität ist ein prägendes Merkmal aller Figuren, aber weder gleichgeschlechtliche Liebe oder der Sex haben eine höhere definitorische Kraft als der gegengeschlechtliche Akt. Im Zweifel  ist Sex nur Befriedigung, ein Ausprobieren oder eine Geste freundschaftlicher Zuneigung.
Interessant ist, dass Baldwin – wie auch die Übersetzung in seiner Zeit verankert – den Hass auf Homosexuelle schreiben kann, ohne homophobe Ressentiments zu bedienen, dass er Rassismus schreiben kann ohne Rassist*innen in die Hände zu spielen. Nichts von dem hat etwas mit dem gern beschworenen Gespenst der sogenannten „Political Correctness“ zu tun, sondern mit Menschlichkeit. Baldwin schreibt hart, er legt den Finger fest in die Wunden der Gesellschaft, scheut auch vor Schimpfworten nicht zurück. Gleichzeitig bleibt er als Autor klug und menschlich; er entlarvt die Farb- oder Begehrenszuschreibung als das, was sie ist: Mittel zum Machterhalt derer, die Privilegien für ihr natürliches Recht halten.

Fazit: „Eine andere Welt“ ist ein starkes und aufrüttelndes Buch, rhetorisch geschliffen und poetisch. Jede*r Weiße sollte es lesen, um eine Ahnung zu bekommen, wie es sich auf der anderen Seite der Wand anfühlt.

Cover © Aufbau-Verlag

  • Autor: James Baldwin
  • Titel: Eine andere Welt
  • Originaltitel: Another Country
  • Übersetzer: Hans Wollschläger
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • Erschienen: 1985
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 471
  • Sonstige Informationen:
    Da es sich um eine ältere DDR-Ausgabe handelt, gibt es keine ISBN.
    Erwerbsmöglichkeiten: Überwiegend gebraucht

Wertung: 15/15 dpt

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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1 Kommentar zu "James Baldwin – Ein andere Welt (Buch)"

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Katrin
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Bei so einer interessant und sprachlich prägnanten Rezsension kann ich gar nicht anders als 1. zu kommentieren und 2. zeitnah dieses Buch zu kaufen und zu lesen.

Danke dir sehr…

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James Baldwin – Ein andere Welt (Buch)

von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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