Kant und der sechste Winter
© Heyne

Marcel Häußler – Kant und der sechste Winter (Buch)

 

Kurzweiliger Krimispaß

Frida, fünfzehn Jahre jung, ist erst vor kurzer Zeit bei ihrem Vater Joachim Kant eingezogen. Der zweite Weihnachtsabend soll ein gemütlicher werden, doch ein Anruf durchkreuzt den Plan. Ein seltsamer Verkehrsunfall ruft den Hauptkommissar zum Einsatzort, denn obwohl alles nach einem Unfall mit Fahrerflucht aussieht, will eine Nachbarin gesehen haben, wie der Fahrer des Unfallfahrzeugs sein Opfer nach der Kollision erwürgt habe. Bei dem Opfer handelt es sich um Benedikt Spicher, erfolgreicher Anwalt und nicht ganz so erfolgreich verheiratet. Jedenfalls war die Beziehung zu seiner Frau Sonja schon einmal intensiver. Als Spicher nach Hause kam, funktionierte das automatische Rolltor nicht, so dass er aussteigen musste. Kant zweifelt nur kurz an den Aussagen der betagten Nachbarin, denn der Infrarotmelder des Rolltors wurde mit einem Klebeband außer Betrieb gesetzt.

Eine erste Spur führt Kants Team von der Münchener Mordkommission in den kleinen Ort Schelfing am Ammersee, wo jeder noch jeden kennt. In einer abseits gelegenen Waldhütte wurde hier vor wenigen Wochen die Leiche von Georg Kofler, dem Sohn des Bürgermeisters, gefunden. Anscheinend erfror Georg, was bei seiner Drogenabhängigkeit niemand verwundert. Schnell zeigt sich, dass Georg und Benedikt seit ihrer Kindheit engste Freunde waren, was Kant misstrauisch stimmt. Womöglich starb Georg doch nicht eher zufällig. Eine entscheidende Rolle spielt letztendlich eine junge Frau namens Melanie, die früher mit Georg und Benedikt ein unzertrennliches Trio bildete und gemeinsam mit diesen in einen verhängnisvollen Unfall verwickelt war.

Sympathische Ermittler, die gerne in Serie gehen können

„Kant und der sechste Winter“ ist ein grundsolider Kriminalroman, der unter anderem dadurch glänzt, dass er neben der Hauptfigur auch den übrigen Ermittlern aus Kants Team ihren Raum lässt. Diese haben ihre privaten wie beruflichen Probleme, allerdings werden diese nicht in derart erdrückender Tiefe ausgewalzt wie man es aus skandinavischen Krimis gewohnt ist. Nein, der Krimiplot, der sich allmählich entwickelt, steht im Vordergrund; das Verhältnis der eigentlichen Handlung und der Vorstellung der Figuren passt angenehm. Auch die zwangsläufig zu erwartenden Probleme zwischen Kant und dessen pubertierender Tochter werden beleuchtet, allerdings in einem vertretbaren Ausmaß.

„Würden Sie uns vielleicht Ihre Kollegin ausleihen? Wir könnten jemanden gebrauchen, der sich hier auskennt und uns ein wenig unterstützt.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn ich Sie persönlich begleite. Ich kenne hier so gut wie jeden.“

„Genau das ist das Problem.“

Der Krimiplot entspringt in Gänze dem klassischen Muster. Ein denkwürdiger Todesfall, der sich als Mord entpuppt, worauf zahlreiche Personen aus dem Umfeld des Opfers befragt werden wollen. In Schelfing, wo es in ländlicher Idylle noch eine heile Welt geben könnte, zeigt sich schnell, dass auch hier vieles nur bürgerliche Fassade ist. Stattdessen sorgt sich der Bürgermeister um sein eigenes Wohlergehen, beispielsweise durch das Aufstellen neuer Bebauungspläne, während andere, wie der ortsansässige Tischler, an ihrem Schicksal verzweifeln. Dessen Frau sitzt seit Jahren in einer Nervenanstalt, bei Grundstücksangelegenheiten wird er regelmäßig benachteiligt und nicht zuletzt starb seine Tochter bei jenem Unfall – vor sechs Jahren respektive Wintern.

“Ein Symptom für das Scheitern unserer Gesellschaft. Die Städter ziehen aufs Land, weil sie ihre Ruhe haben wollen. Und die alten Bauern wollen nur noch abkassieren. Hier gibt es keinen Zusammenhalt mehr.“

„Und Sie als Bürgermeister stehen zwischen allen Fronten?“

„Hier gibt’s auch keine Fronten mehr. Hier gibt’s nur noch Partikularinteressen.”

Wie schon erwähnt, sieht es bei den Polizisten kaum besser aus. Alkoholprobleme und auf die schiefe Bahn geratene Geschwister sind nur zwei der gegenwärtigen Problemfelder. Gleichwohl arbeitet man kollegial und engagiert zusammen und erlebt bis zum Finale noch die eine oder andere böse Überraschung. Sollte Kant in Serie gehen, wäre eine Verfilmung wohl nur eine Frage der Zeit, womit wir abschließend bei dem Autor Marcel Häußler wären, dessen berufliche Karriere einst als Kameraassistent und Cutter startete.  

  • Autor: Marcel Häußler
  • Titel: Kant und der sechste Winter
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 317 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: November 2021
  • ISBN: 978-3-453-42540-8
  • Produktseite 


Wertung: 12/15 dpt


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