Giles Blunt – Kanadische Wälder / Blutiges Eis (Buch)

Ein unfassbarer Mord und ein Blick auf die Oktoberkrise 1970

Drei Wochen nach Silvester macht Ivan Bergeron eine schaurige Entdeckung, denn sein Hund schleppt einen menschlichen Arm an. Wenig später finden Polizisten weitere Leichenteile, die darauf hindeuten, dass ein Bär zugeschlagen hat. Doch Coroner Barnhouse erkennt, dass der Tote zunächst ermordet, dann zerstückelt und anschließend offenbar an einen oder mehrere Bären sozusagen verfüttert wurde. Detective John Cardinal vom Morddezernat in Algonquin Bay soll ausgerechnet mit Sergeant Malcolm Musgrave von den Mounties zusammenarbeiten, der ihm letztes Jahr noch das ganze Dezernat auf den Hals hetzte. Musgrave vermutete, dass Cardinal Informationen an einen Schwerkriminellen weitergab.

Ein Schlüsselanhänger führt Cardinal zu einer Ferienanlage, in der nur ein Gast gemeldet ist: Howard Matlock, ein Steuerberater aus New York. Weitere Anhaltspunkte gibt es zunächst nicht, da betritt Calvin Squirer vom Canadian Security Intelligence Service, dem kanadischen Geheimdienst CSIS, die Bühne. Wie sich herausstellen wird, behindert er in der Folge massiv die Ermittlungen und Cardinal findet heraus, dass Matlock sich bester Gesundheit erfreut.

„Wenn sie ein Auto stehlen wollen, wieso dann ausgerechnet einen Ford Escort? Und wenn Sie einen Autodiebstahl vertuschen wollen, scheint mir das Zerstückeln der Leiche im Wald doch ein bisschen übertrieben.“

Sergeant Lise Delorme, Cardinals Partnerin, ermittelt derweil im Fall der verschwundenen Ärztin Dr. Winter Cates, bei der auch Cardinals Vater in Behandlung ist. Nur zwei Tage nach dem Leichenfund des angeblichen Mr. Matlock wird ihre Leiche gefunden. Es gibt einen falschen Verdächtigen und bald eine Spur, welche in die Oktoberkrise des Jahres 1970 zurückreicht, denn der vermeintlich tote Mr. Matlock entpuppt sich als Ex-CIA-Agent Miles Shackley. Damals wollte eine Terrororganisation, die sich Front de libération du Québec, kurz FLQ, nannte, ein eigenständiges Québec. Mehrere der damals Beteiligten sind nach ihren teils langjährigen Haftstrafen wieder frei.

© Knaur

„Blutiges Eis“ erschien bereits 2005

Mit „Gefrorene Seelen“ (erschien 2003 bei Knaur) respektive „Kanadischer Winter“ (als Neuerscheinung 2023 bei Kampa) beginnt die John-Cardinal-Reihe, die zwischen 2001 und 2012 im Original erschien und sechs Bände umfasst. Der zweite Band „Blutiges Eis“ (Knaur 2005) beziehungsweise die hier vorliegende Neuerscheinung „Kanadische Wälder“ (2024 bei Kampa) setzt die Serie fort.

„Vergessen Sie das Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Danach dürfte niemand je im Lotto gewinnen. Danach dürfte auch nie jemand vom Blitz getroffen werden. Es gibt in diesem Geschäft eine winzige Kleinigkeit – man nennt sie Glück, und ihr Mörder hat es ganz auf seiner Seite.“

Wem der Vorgänger bekannt ist, bemerkt im privaten Umfeld des Protagonisten drei Veränderungen. Vater Stan tritt erstmals in Erscheinung, denn er wurde im Vorgänger nicht einmal erwähnt. Genau andersrum verhält es sich mit Tochter Kelly, die zuvor eine kleine Nebenrolle belegte, welche einen Schatten auf Cardinal warf und im zweiten Teil nur namentlich erwähnt wird. Dritte und für Cardinal besonders positive Neuerung, seine Frau Catherine ist wieder zuhause, war sie im vergangenen Jahr noch in einer psychiatrischen Heilanstalt untergebracht. Über Lise Delorme, geschweige denn von anderen Polizisten, erfährt man aus deren Privatleben hingegen so gut wie nichts. Allerdings haben Cardinal und Delorme – wenig überraschend – einen neuen Chef; den bislang unbekannten Daniel Chouinard, der ähnlich unsympathisch wirkt wie sein Vorgänger Dyson.

„Ich musste das Ding nicht mal aufmachen. Da ist’n Toter drin. Das seh ich sofort, dass es ‘n Toter ist. Was soll ich also machen, das Amt für Stadtreinigung rufen?“

„Sie hätten die Polizei anrufen können.“

Der Handlungsort Algonquin Bay wird erneut liebevoll und detailliert beschrieben, vermutlich, weil der Autor dort aufgewachsen ist. Allerdings heißt das fiktive Städtchen in Wirklichkeit North Bay und liegt am Lake Nipissing, Ontario. Weitere Handlungsorte sind vor allem Toronto, Montreal, Québec und New York. Ging es im Serienauftakt vornehmlich um ein brutales Serienmörderduo, so nimmt ab Beginn der zweiten Romanhälfte die sogenannte Oktoberkrise des Jahres 1970 sehr viel Raum ein. Die historischen Begebenheiten werden natürlich für den Roman angepasst. Dabei gilt es, nicht nur amerikanische und kanadische Einheiten auseinanderzuhalten, sondern auch eine Terrororganisation sowie später deren politischen Ausläufer. Viele Namen und Abkürzungen, da sind die zahlreichen beteiligten Figuren – die meisten mit französischem Namen – noch gar nicht eingepreist. Es fällt somit leicht, den Überblick zu verlieren. Hohe Konzentration, spätestens ab Seite 200, ist erforderlich, wobei das hohe Erzähltempo keineswegs vernachlässigt wird.

Kurz: Der zweite Teil ist deutlich anspruchsvoller und führt sehr umfangreich in die jüngere Geschichte Kanadas ein. Nicht zuletzt kommen sich die unterschiedlichen staatlichen Organisationen wie die Kriminalpolizei von Algonquin Bay, die Royal Canadian Mounted Police (also die Bundespolizei RCMP) und der Geheimdienst CSIS mitunter in die Quere, was zu teils hitzigen, aber unterhaltsamen Dialogen führt.

  • Autor: John Cardinal
  • Titel: Kanadische Wälder
  • Originaltitel: The Delicate Storm. Übersetzt von Anke Kreutzer.
  • Verlag: Kampa
  • Umfang: 400 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juni 2024
  • ISBN: 978-3-311-12075-9
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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