Aus dem Nachlass des Altmeisters

Silverview
© Ullstein

Julian Lawndsley war ein erfolgreicher Trader an der Londoner Börse, doch jetzt, mit dreiunddreißig Jahren, hat ihn die „Metallmüdigkeit“ gepackt. So ist er in ein verschlafenes Städtchen in East Anglia gezogen, wo er nun als Buchhändler mit einem kleinen Laden sein Glück versucht. Doch von Literatur hat Lawndsley keine Ahnung, wie er bei einem Besuch eines älteren Herrn feststellen muss. Dieser, Edward Avon, fragt ihn nach W. G. Sebalds Buch „Die Ringe des Saturn“, von denen Lawndsley noch nie etwas gehört hat. Avon scheint einiges über Lawndsley zu wissen, angeblich war er ein enger Freund dessen verstorbenen Vaters. Man kommt sich näher und schon bald regt Avon an. Im Keller der Buchhandlung eine „Literarische Republik“ zu gründen, einen hochrangigen Lesezirkel. Derweil erkundigt sich Lawndsley bei seiner Nachbarin Celia Merridow nach dem geheimnisvoll wirkenden Mann, der mit Cecilia bis letzte Woche gute Geschäfte gemacht hatte. Jedenfalls aus ihrer Sicht, denn ohne großes zutun wurde wertvolles Porzellan verkauft, wofür sie regelmäßige Provisionen erhielt.

Doch Julian wusste, dass Nachfragen nichts brachte. So langsam betrachtete er den ganzen Avon-Clan und dessen Sprösslinge als Einheit, aber nicht durch die Geheimnisse, die sie teilten, sondern durch die, die sie voreinander verheimlichten: ein Konzept, das ihn an seine eigene Kindheit erinnerte.

Währenddessen sieht sich Stewart Proctor, oberster „Hexenjäger“ des Dienstes und Chef der Inlandssicherheit, auf den Plan gerufen. Doch für wen interessiert sich Proctor? Für Avon oder dessen Frau Deborah? Deborah liegt krebsbedingt im Sterben und ist die beste Nahost-Expertin des Dienstes. Ein geheimnisvoller Brief gibt Anlass zur Sorge und lässt die Dinge ihren Lauf nehmen. Die Spuren führen in die Vergangenheit, den Krieg in Bosnien in den 1990er Jahren und zu einer großen Liebe.

Spannend ist oft, was nicht gesagt wird

Als John Le Carré am 2. Dezember 2020 verstarb galt „Federball“ als sein letzter Roman. Bei dem aus seinem Nachlass stammenden „Silverview“ handelt es sich um ein Buch, das Le Carré schon 2013 begann, jedoch nie vollendete. Sein Sohn der unter dem Pseudonym Nick Harkaway ebenfalls als Schriftsteller arbeitet, eigentlich heißen beide mit Familiennamen Cornwell, hat letzte, wohl überwiegend redaktionelle Änderungen nach dem Tod des Vaters vorgenommen. Vielleicht mochte dieser den Roman nicht abschließen, da eine der Hauptpersonen unter Krebs litt, an dem auch Le Carrés Frau verstarb. Wie dem sei, die Fans des Großmeisters von Spionageromanen freuen sich über den unerwarteten Nachschlag.

Wir haben nicht viel erreicht, um den Lauf der Geschichte zu verändern, oder? So von einem alten Spion zum anderen, würde ich schätzen, ich wäre als Leiter eines Jugendclubs nützlicher gewesen.

Wer Le Carré nicht kennt, dürfte mit dem Einstieg in den Roman womöglich seine Probleme haben. Dass die Bekanntschaft zwischen Lawndsley und Avon einerseits und der ominöse, bei Proctor abgegebene Brief andererseits miteinander zusammenhängen ist naheliegend, jedoch werden die Stränge erst sehr spät aufgeklärt. Bis dahin werden viele Personen, die meisten aus dem Dienst, sprich dem Service, vorgestellt. Traumhaft sind einmal mehr die Dialoge, denn in der Welt der Geheimdienste sind Legenden Pflicht. Man erfindet eine Parallelwelt, um die eigentlichen Anlässe zu verdecken. So ahnt Lawndsley beispielsweise nicht, warum er für Avon einen Brief nach London bringen soll, um diesen dort seiner angeblichen Geliebten zu übergeben. Überhaupt ist Liebe ein treibendes Motiv in diesem Roman, in dem ein Verräter die Seiten wechselt und somit einen großen Skandal im Dienst auslösen könnte. Bis zur Auflösung finden zahlreiche Gespräche statt, bei denen das Interessante ist, was nicht gesagt wird. Über Umwege versucht man, an Informationen zu kommen. Es bleibt bei Andeutungen, vieles verläuft sich im Ungefähren. Aufmerksamkeit ist beim Lesen jedenfalls Pflicht, dafür wird man mit einem Werk belohnt, dass durchaus mehr ist als ein letztes Mal „Kasse machen“.

  • Autor: John Le Carré
  • Titel: Silverview
  • Originaltitel: Silverview. Aus dem Englischen von Peter Torberg
  • Verlag: Ullstein
  • Umfang: 251 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Oktober 2021
  • ISBN: 978-3-550-20206-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 11/15 dpt


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