Roger Smith – Stiller Tod (Buch)

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Roger Smith - Stiller Tod (Buch)Auch in seinem vierten Thriller – in bewährter Roman noir-/Hard-boiled-Manier inklusive derbstem Vokabular – nimmt uns der südafrikanische Autor Roger Smith mit in seine Heimatstadt Kapstadt und offenbart einmal mehr die dortigen Missstände wie die extrem weit auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich sowie die von Brutalität, Grausamkeit und Gewalt dominierten Randbereiche der dortigen Gesellschaft, wobei letztere vorwiegend in den sogenannten Cape Flats zu finden sind, einem Gebiet südöstlich des Kapstadter Zentrums vorzufinden sind.

Der gutsituierte Nick Exley, Entwickler einer hochwertigen, hochprofessionellen Motion-Capture-Software, ist nach vielen Jahren wieder ,gemeinsam mit Tochter Sunny und Ehefrau Caroline, in ebenjene Stadt gezogen, in der er als Kind aufgewachsen ist – selbstverständlich in einer der Gegenden, in welchen die reichen Weißen wohnen. Direkt am Strand. Aufgrund psychischer Labilität steht die Ehe der Exleys schon lange auf der Kippe. Nur das vierjährige Kind ist noch halbwegs Kitt, das die Familie gerade so zusammenhält. Obendrein ist sie das perfekte Modell für seine Software, mit welcher Bewegungsabläufe über Sensoren, die in einem Anzug angebracht sind, aufgezeichnet werden, sodass am Computer realistische Animationen virtueller Menschen erzeugt werden können.

Feierabend. Besuch. Das Mädchen möchte unbedingt mit dem Boot, welches Daddy ihr gekauft hat, ins Wasser – und folgt ihrem Drang. Als Sunny an den Badeshorts ihres Vaters zupft, damit der auch mal schaut und ihr hilft, ist der leider völlig in ein Gespräch mit dem befreundeten Ex-Kricketspieler Shane Porter vertieft, die beiden nuckeln abwechselnd an einem Joint, und mehr Beachtung als ein geistesabwesendes Durchfahren der Haare mit der Hand kann sie leider nicht ergattern. Zur selben Zeit, nur wenige Meter weiter, lässt sich Caroline zusammen mit Vlad Stankovic, einem weiteren Bekannten, wie so oft von ihren gemeinsamen sexuellen Gelüsten leiten, und die beiden finden dafür nicht einmal den Weg aus der Küche. Nick bekommt von alledem schon seit Ewigkeiten nichts mit. Jeder ist zu sehr mit seinen eigenen Interessen beschäftigt, und während Vater kifft und Mutter fremdvögelt, ertrinkt Sunny.

Die einzige Person, die den Tod der Kleinen miterlebt, ist Vernon Saul, ein ehemaliger Polizist in den Kapstadter Elendsvierteln und seit einiger Zeit wegen einer schweren Beinverletzung nur noch Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die in den Reichenbezirken patrouilliert. Saul hatte eine erbärmliche, grausame Kindheit, seine Seele ist ein Geflecht aus Narben, und das ließ ihn letztendlich zu dem brutalen und skrupellosen Menschen werden, der er bereits als Polizist war und auch in seinem neuen Beruf noch ist. Er wird gefürchtet, denn er übt seine Macht ohne Rücksicht auf Verluste aus. Und trotz seiner Verletzung, trotz seines Hinkens, ist seine stattliche, in kaffeebraune Haut gehüllte Erscheinung respekteinflößend.

Abwartend, bis das Mädchen nicht mehr zu retten ist, sitzt er da und schmiedet seine Pläne. Ein wenig später spielt er sich am Strand als potenzieller Retter in letzter Sekunde auf und tut so, als habe er alles versucht, um Sunny wiederzubeleben. Nick Exley glaubt in seiner Naivität, dass Vernon ihm helfen kann, und Letzterem entgeht die Blauäugigkeit des kleinen dämlichen weißen reichen Kiffers selbstverständlich nicht. Schnell hat Saul Exley in der Hand, macht ihn Glauben, er sei einer der Guten – und treibt ihn letztendlich zu einer Tat, die sein komplettes Leben zu einem Alptraum werden lässt.

Doch Vernon Saul übt seine Macht über zahlreiche andere aus: So erpresst er die dunkelhäutige Dawn, eine einst drogensüchtige Prostituierte, die momentan halbwegs clean ist und „nur“ in einem Club namens „Lips“ strippt. Die Frau kämpft um ihre kleine Tochter Brittany, die sie einem weißen Freier zu verdanken hat, und sie möchte das kleine Ding – in Sunnys Alter – nicht noch einmal von den Behörden weggenommen bekommen. Ein tolles Druckmittel für ihn, um Dawn für seine Vorhaben zu instrumentalisieren. Und auch Vernons körperlich angeschlagene Mutter muss unter ihm leiden – körperliche Gewalt und sklavenhafter Umgang mit ihr sind die einzigen Regungen des Sohnes ihr gegenüber. Er, Vernon Saul, ist der Marionettenherrscher, der „master of puppets“. Und er geht weit. Sehr weit. Er hat die Fäden in der Hand. Er beeinflusst das Leben der anderen.

Während der 380 Seiten, die in neunundfünfzig unterschiedlich lange Kapitel unterteilt wurden, hat der Leser nicht viel zu lachen. Der Thriller ist eine recht heftige, brodelnde und unglaublich präzise und bildhaft geschriebene Suppe aus Gewalt, psychologischem Terror, Manipulation, Blut, Egoismus, Macht, Mord, Totschlag, Sex, Körperflüssigkeiten, Exkrementen, Drogen, Unterdrückung, niederen Instinkten, und Roger Smith ist bei der Wortwahl alles andere als zimperlich. Genitalien und entweichende Säfte werden da wie auch viel anderes bei ihren vulgären Namen genannt, ebenso finden so manche Dialoge auf kulturell niedrigstem Niveau statt.

Das mag anfangs abstoßend sein, spiegelt aber grundehrlich und ungeschönt das Leben in den düstersten Gassen sozialer Brennpunkte wider, wie auch die Weltfremdheit, die finanzielle Unabhängigkeit bei vielen mit sich zieht. Hat man sich als Leser erst einmal an den knallharten Schreibstil gewöhnt, so ist man doch recht bald gebannt von dieser spannenden, unzählige Haken schlagenden Storyline. Für die Harten im Garten – oder besser die Härtesten im Gärtesten – ist „Stiller Tod“ eine exzellente Wahl.

Cover © Klett-Cotta/Tropen

 

  • Autor: Roger Smith
  • Titel: Stiller Tod
  • Originaltitel: Capture
  • Übersetzer: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
  • Verlag: Klett-Cotta/Tropen
  • Erschienen: 2012
  • Einband: Gebunden, mit Schutzumschlag
  • Seiten: 380
  • ISBN: 978-3-608-50132-2
  • Sonstige Informationen:
    Als Film definitiv FSK 18…
    Buch erschien bei Heyne Hardcore

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Roger Smith – Stiller Tod (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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