Endlich mal Urlaub, aber die Toten stören

Bei einem Umtrunk hat Kommissar Friedo Behütuns den Mund etwas zu voll genommen, woraufhin ihn ein Zeitungsartikel schlecht aussehen lässt. Sein Chef verordnet ihm daher einen sechswöchigen Urlaub, um Abstand zu gewinnen. Urlaub? Bislang ein Fremdwort für Friedo, doch letztlich mietet er ein Ferienhaus in der Bretagne. Doch was tun den ganzen Tag in dem beschaulichen Saint-Gildas-de-Rhuys? Nur auf das Meer blicken? Bei einem ersten Spaziergang bekommt er Wortfetzen eines Telefonats mit, wonach ein deutsches Ehepaar offenbar am Abend unerwarteten Besuch erhält. Am nächsten Morgen sind die aus Nürnberg stammenden Elfriede und Peter Barthels tot. Brutal ermordet.
Friedo ist im Urlaub, es ist nicht sein Fall und außerdem hat er die attraktive Julie kennengelernt. Da heißt es kochen, essen und trinken und nebenbei erfährt er von ihr die aktuellen Entwicklungen. Friedo kann jedoch nicht ganz loslassen und bittet sein Team in Nürnberg den Hintergrund der Barthels zu ermitteln. Während des Zweiten Weltkrieges war Peter Barthels in der Bretagne und am Bau des Atlantikwalls maßgeblich beteiligt. Dass ausgerechnet er, ein Deutscher, wenige Jahre später hier ein Haus bauen durfte, sorgte für viel Unmut unter den Einheimischen. Ist das am Tatort mit Blut hingeschmierte Kürzel „BZH“, die Abkürzung für Breizh, Bretagne auf Bretonisch, gar ein Hinweis auf einen separatistischen Hintergrund?
„Bongschuhr, bongschuhr, bongschuhr Mädam, Mässjöhdam.“ Bei den Franzosen klang das wie Gesang, bei ihm wie unterdrücktes Rülpsen oder ein knarzender Schuh.
Während die Kollegen in Nürnberg recherchieren, genießt Friedo seinen Urlaub. Irgendwie halt und ist doch ebenso mittendrin in einem großen Fall, denn bald stellt sich heraus, dass es weitere Morde in der gleichen Nacht gab.
Vierter Fall für Friedo Behütuns
Im März 2025 verstarb Tommie Goerz nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren. Bekannt wurde er als Krimiautor mit seiner zehnteiligen Friedo-Behütuns-Reihe (2010-2023). Es folgten Stand-Alone-Krimis wie „Meier“ (2021 Friedrich-Glauser-Preis) und „Frenzel“ (2022 Crime-Cologne-Award). Zuletzt erschienen seine fulminant-sprachgewaltigen literarischen Werke „Im Tal“ und „Im Schnee“.
„Auszeit“ ist der vierte Band der Behütuns-Reihe und der bislang ungewöhnlichste. Bisher fiel der gewöhnungsbedürftige Kommissar durch ständige Frotzeleien mit seinen drei Mitarbeitern auf, die alle Peter heißen: Abend, Dick und Jaczek. Da sich Friedo unfreiwillig in Frankreich aufhält, entfallen die gewohnt bissigen Dialoge weitgehend, überhaupt hat der Roman vor allem in der ersten Hälfte große Längen. Da wird Seiten lang eingekauft, gekocht, spaziert, beobachtet und natürlich über Gott und die Welt philosophiert. Sprachgewaltig wie immer, aber ohne Fortschritt im Krimiplot, der sich nur mühsam entwickelt. Noch mühsamer als sonst, möchte man anmerken. Dies ist wiederum konsequent, denn schließlich hat Friedo ja Urlaub. So dreht man sich Kreis und wer beim Literaturgenuss ein wenig „Entschleunigung“ sucht, ist hier durchaus richtig.
Die Milch kam halt nicht mehr von der Weide, die Kühe bekamen kein Gras mehr, sondern nur noch Silage. Also musste die Milchsäure raus. Doch wenn du den Käse ohne machst, schmeckt er nach nichts. Die Leute aber kauften den Käse wegen der Löcher, nicht wegen des Geschmacks. „Ist das der mit den großen Löchern?“, fragten die immer. „Dann nehm ich den!“ Als ob die Löcher nach etwas schmeckten! Die Leute sind manchmal so blöd.
In der zweiten Hälfte kommt ein wenig Tempo auf, bald ist von neun Toten die Rede, allesamt brutal ermordet. Gekonnt wird der Leser in die Irre geführt, allein, die Lösung ist nicht vorhersehbar. Fans von Friedo werden es einmal mehr genießen, erfreuen sich am Wortspiel des Autors. Krimifans kommen nur bedingt auf ihre Kosten, erhalten jedoch eine in jeder Hinsicht unkonventionelle Geschichte; einmal mehr garniert mit verbalen Seitenhieben auf die Reichen und Dummen. Reich und dumm; bei Tommie Goerz erscheint es wie ein Synonym.
- Autor: Tommie Goerz
- Titel: Auszeit
- Verlag: ars vivendi
- Umfang: 312 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: September 2012
- ISBN: 978-3-86913-169-6
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Wertung: 10/15 dpt







