Robert Jackson Bennett – The Tainted Cup (Buch)

Wo Pflanzen morden, Optimierte ermitteln und der Titan den Schutzwall durchbricht

Robert Jackson Bennet - The Tainted Cup (Buch) Cover © Adrian & Wimmelbuchverlag
Cover © Adrian & Wimmelbuchverlag

„The Tainted Cup“ von Robert Jackson Bennett ist der Start einer Trilogie mit dem Serientitel „Shadow of the Leviathan“. Die englischsprachigen Titel und Serientitel wurden für die deutschsprachige Ausgabe übernommen. Vorab sei angemerkt, dass der Auftaktband sich wirklich gut allein lesen lässt und keine offenen Enden zurücklässt. Die Geschichte ist ein spektakulärer Mix aus klassischem Krimi, historischer Fantasy mit einer guten Portion Dystopie. Die Geschichte spielt in einer massiv bedrohten und bedrohlichen Welt. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen eine blinde Ermittlerin, die Sherlock Holmes auf Augenhöhe begegnet und ein Gehilfe, der Watson an Finesse und Loyalität übertrumpft.

In der Stadt Daratena im Außenbezirk Kamis, nicht weit entfernt von der letzten Barriere, die vor einfallenden Leviathanen schützt, geschieht ein krudes Verbrechen. Kommandant Blas vom Ingenieurs-Iyalet ist einem so kuriosen, wie grausamen Mord zum Opfer gefallen. Er starb, weil ein Baum in ihm wuchs und seinen Körper zerriss. Jemand hat ihm Scheckenglas Samen eingepflanzt und getötet. Iudex-Ermittlerin Ana Dolabra und ihr Gehilfe Dinios Kol ermitteln in dem Fall auf ungewöhnliche Art. Din ist ein sogenannter Gravierer. Mit Hilfe spezifischer Düfte vermag sein medizinisch-magisch optimiertes Gehirn sich jedes kleinste Detail eines Schauplatzes für immer zu merken. Quasi einzugravieren. Wer könnte besser geeignet sein, einen Tatort zu untersuchen? Ana hingegen ist nicht vor Ort, lässt sich von Din Bericht erstatten und kitzelt jede noch so tief verborgene Information aus Zeugen und Verdächtigen heraus. Ihre brillant logischen Schlussfolgerungen führen schnell auf die Spuren eines Täters. Des Weiteren führen sie zu noch mehr bizarren Morden an hochrangigen Militär-Ingenieuren und zu einer Verschwörung der Mächtigen des Imperiums, die einst einen kompletten Landstrich vernichtete.

So war das Leben als Bürger des Imperiums von Khanum, insbesondere in den Randgebieten. Man lebte in niemals endender Angst, in einem permanenten Krisenzustand [..] Wozu Essen besorgen und das Haus reparieren oder sich um die Familie kümmern, wenn jederzeit ein Titan durch die Wände brechen und innerhalb weniger Stunden dich und tausend andere töten könnte? [..]Aber das Imperium hatte Bestand, weil der Imperator uns versicherte, dass dem nicht so war. Überall war sein Bildnis zu sehen, zusammen mit den Worten: [..] „Du bist das Imperium“.S. 55

Ungewöhnlich und originell

„The Tainted Cup“ ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich, und gleichzeitig nachvollziehbar, nahbar und mitreißend erzählt. Einfach gestaltet ist die Erzählperspektive, denn ausschließlich Din erzählt die Handlung als Ich-Erzähler. Entsprechend seiner Superkraft sind die Schauplätze detailreich beschrieben. Sie erinnern an einen Fantasy-Dschungel, mit launischen Türen aus Pflanzen, Pilzen, die die Luft regulieren bis hin zu seuchenartigen Samen, die ganze Länder unbewohnbar machen. Darüber wie der Kontinent Khanum außerhalb der Schauplätze gestaltet ist, erfahren wir recht wenig. Lediglich eine Karte zeigt, wo die einzelnen Länder des Imperiums liegen. Und wo sich die Mauern befinden, die den Kontinent vor Leviathanen schützen. Der Technische Level und eine vergleichbare Zeitepoche ist in den meisten Fantasy-Büchern leichter zuzuordnen als in „The Tainted Cup“. Fortbewegung und Infrastruktur wirken altertümlich, Politik und Gesellschaft erinnern an das römische Reich. Die vielfältigen körperlichen und geistigen Optimierungen an Personen könnten hingegen aus einem progressiven Biopunk-Setting stammen.

Umso mehr erfahren wir über die Protagonisten Din und Ana, die sich gegenseitig immer besser kennen und zu schätzen lernen. Zu Anfang wirkt Din schüchtern und wenig selbstbewusst. Er leidet unter seiner Legasthenie, die er sorgsam verbirgt. Doch mit der zunehmenden Komplexität des Falls wächst er, was Raffinesse und Selbstbewusstsein angeht, über sich hinaus und verliebt sich in einen Offizier. Als ein Gegenentwurf zu Din ist zunächst Ana angelegt, exzentrisch, schroff und dominant. Doch auch Ana hat eine verletzliche und empathische Seite, die im Laufe der Ermittlungen immer häufiger zum Vorschein kommt. Detektivteams mit zwei Ermittelnden gibt es viele in der Literatur. Doch Ana und Din dürften zu den originellsten unter ihnen gehören. Einfach weil beide Ecken und Kanten haben, interessante, mitunter phantastische Skills nutzen und eine plausible Entwicklung durchlaufen.

Spannung auf höchstem Niveau

Unheimliche Schauplätze und ein mysteriöser Mordfall, denen weitere Morde und Verbrechen wie Verrat, Verseuchung und Korruption folgen, würden schon ausreichen, um für Spannung auf höchstem Niveau zu sorgen. Doch über die Gefahren, die von Killern mit grotesken Tötungsmethoden ausgehen, legt sich eine noch schwerwiegendere, allgegenwärtige Bedrohung: die Vernichtung des Landes durch Leviathane. Sie werden immer größer und brechen immer öfter durch die Mauer. Hat gar ein Sabotageakt stattgefunden, der zu einer Schwachstelle in der Mauer geführt hat? Ist es ein gezielter Anschlag gegen das Imperium?

Kommandantin Prificto Vashta saß in ihrem Stuhl vorn im Iudex-Gerichtssaal. Ihr grau meliertes Haar schimmerte im Lampenschein. [..]Sie sah ziemlich genau so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte: hochgewachsen, ernst, spartanisch, ins Schwarz der Legion gekleidet. Sie beobachtete uns, wie ein Schreiberfalke eine Maus. Doch dann sprach Ana. Und sprach. Und während sie sprach, schien Vashta vor meinen Augen so sehr zu altern, dass ihr Rücken krumm wurde und Falten in ihrem Gesicht zu sprießen schienen. [..] „Das..“ Vashtas Blick suchte die Stühle ab, wanderte dann nach zum Fenster, in der Hoffnung draußen Hilfe zu finden. „Das…das ist schlicht und einfach eine katastrophale Scheiße“, verkündete sie. S. 229

Fazit

„The Tainted Cup“ wurde zu Recht mit dem Hugo-Award 2025 in der Kategorie „Bester Roman“ ausgezeichnet. Dieser rasant und bildreich geschriebene Mix aus Detektivgeschichte, politischem Krimi und progressiver Fantasy bietet eine außergewöhnlich geistreiche, kurzweilige und inspirierende Lektüre. Der Auftakt der „Shadow of the Leviathan“ Trilogie ist das erste Buch, das ich von dem US-Autor Robert Jackson Bennet gelesen habe und sicherlich nicht das letzte. Schon im Mai erscheint in Deutschland der zweite Band mit dem Titel „A Drop of Corruption“. Der Roman steht bereits auf der Liste der Nominierten des Hugo Awards 2026. Ein Grund zur Freude für alle Phantastik- und Krimi-Fans, denn „Shadow of Leviathan“ von ist endlich mal wieder eine Buchserie, die den Begriff ikonisch verdient.

  • Autor: Robert Jackson Bennett
  • Titel: The Tainted Cup
  • Teil/Band der Reihe: Band 1 der Shadow of Leviathan Trilogie
  • Übersetzer:innen Karla und Jacob Schmidt
  • Verlag: Adrian & Wimmelbuchverlag
  • Erschienen: 11/2025
  • Einband: Klappbroschur
  • Seiten: 464
  • ISBN: 978-3-985-85298-7
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite

Wertung: 14/15 dpt

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