Antje Wagner – Hyde (Roman)

Mit dem Roman „Hyde“ von Antje Wagner, erschienen im Ulrike Helmer Verlag, habe ich mich definitiv aus meiner Komfortzone gewagt. Angelockt haben mich vorallem das Setting „einsames Haus im Wald“ und die Aussicht auf eine Prise magischen Realismus.

Katrina ist achtzehn und reist als Zimmermannsgesellin durchs Land. Sehr schnell wird klar, dass die Ausbildung nicht ihre eigentliche Mission ist. Katrinas Vorgeschichte birgt einige Geheimnisse:  Nur mit Vater und Schwester hat sie zuvor fernab der Zivilisation in einem abgeschiedenen Waldstück gelebt. In diesem idyllischen naturbelassenen Fleckchen namens Hyde ist sie aufgewachsen. Durch ein Unglück, das anfangs nur angedeutet wird, hat sie ihr Zuhause und ihre kleine Familie verloren. Doch was hat den Vater dazu gebracht, die Mädchen derart zu verstecken? Welche Vergangenheit stand hinter seinem Verhalten? Die allmähliche Enthüllung aller Geschehnisse ist der große Spannungsmotor, der die Handlung voran treibt.

Der Roman lebt vorallem von der sehr dynamischen Erzählweise, die diese Spannung bis zum Ende aufrecht hält. Wagner lässt ihre Protagonistin als Ich-Erzählerin auftreten, abwechselnd wird uns von ihr mal die Vergangenheit, mal die Gegenwart berichtet. So entstehen zwei gleichwertige Handlungsstränge, die kontinuierlich aufeinander zulaufen, um am Ende den vermeintlichen Höhepunkt zu bilden. Durch die regelmäßigen Wechsel der Zeitebenen entstehen außerdem immer wieder kleine Cliffhanger, die zusätzlich die Sogwirkung unterstützen.

Sprachlich hat Wagner mich absolut abgeholt. Ihr Stil ist sehr kompakt, sehr eloquent, wobei der kratzbürstige-trotzige Ton der sehr jungen Protagonistin das Ganze immer wieder aufgelockert. Die Atmosphäre gerät zunehmend mystischer, was auf die Naturbeschreibungen zurückzuführen ist, die von Wagner eingesetzt werden, um eine Metaebene in ihr Erzählen einzufügen. Sie spannt einen Bogen zwischen Realismus und Phantastik und hält die Balance, ohne sich für eine Seite zu entscheiden, obwohl die Gegensätze immer stärker werden.

Bis kurz vor Ende bleibt Wagner diesem Muster treu. Und hier liegt mein einziger Kritikpunkt: Für meinen Geschmack hätte es dem Roman noch besser gestanden, das Ende offener zu belassen. Mit dem von ihr gewählten Weg, die Geschichte in einer Richtung auszuerzählen, verengt sie unnötig den Interpretationsraum, den sie vorher so gekonnt etabliert hat.

Abgesehen davon erlebt man mit der Lektüre einen mitreissend erzählten, atmosphärisch stimmigen und überaus spannend inszenierten Roman, der jenseits seines hohen Unterhaltungswertes wichtige Themen wie z.B. Konsumkritik, Umweltschutz und häusliche Gewalt tangiert.

»Hyde« wurde 2019 mit dem Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar ausgezeichnet.

  • Autorin: Antje Wagner
  • Titel: Hyde: Verlier dich nicht
  • Verlag: Ulrike Helmer Verlag
  • Erschienen: Oktober 2025
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3897415003

Wertung: 11/15 dpt

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