Keigo Higashino – Verdächtige Geliebte (Buch)

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Keigo Higashino - Verdächtige Geliebte (Buch)Es wird in diesem Kriminalroman erst gar nicht um den heißen Brei herumgeschrieben – der japanische Autor Keigo Higashino geht sofort in die Vollen; Als Yasuko, Verkäuferin in einem Tokioter Bentō-Lädchen und Mutter der Teenagerin Misato, ihre Arbeit beendet und sich auf den Heimweg macht, wird sie unterwegs von ihrem heruntergekommenen Ex-Mann Togashi abgepasst und bedrängt. Der meint es vorgeblich gut, doch es wird sehr schnell klar, dass er von Yasuko mal wieder Geld haben möchte und sich wieder in das Familienleben der Frau einzumischen versucht. Sie ergreift die Flucht nach Hause, doch das bringt nicht allzu viel, denn kurz darauf steht Togashi vor der Tür. Gutmütig, wie Yasuko ist, gewährt sie ihm trotz anfänglichen Widerstands Zutritt zur Wohnung. Doch wie bereits früher verliert er einmal mehr die Beherrschung und meint, zudringlich werden zu müssen.

Genau in jenem Moment kommt Misato von der Schule nach Hause, wundert sich über die Schuhe im Flur und ihr wird sofort klar, wer der unerwünschte Besucher ist. Sie huscht ins Hinterzimmer, und Togashi hat keinerlei Gelegenheit, zu reagieren, als das Mädchen ihm eine Kupfervase über den Kopf donnert. Allerdings nicht hart genug, denn Togashi stürzt sich nun wutentbrannt auf sie. Geistesgegenwärtig reißt Yasuko das Kabel aus dem Kotatsu, einem beheizten Tisch, und erdrosselt den Mann.

Der nebenan wohnende Ishigami, Mathematikgenie, Lehrer und Stammkunde im Bentō-Laden namens „benten-tei“, bekommt das Gepolter mit und weiß genau, was gerade geschehen ist. Da er heimlich unsterblich in Yasuko verliebt ist und Nachsicht mit ihr und ihrer Tochter hat, tut er alles für ihn Erdenkliche, um den beiden ein absolut sicheres Alibi zu verschaffen und greift hierbei zu äußerst unkonventionellen Mitteln, sodass die Polizei sehr schnell an die Grenzen ihrer Fähigkeiten gerät. In solchen Situationen konsultiert sie als Berater immer wieder gerne das Physikgenie Dr. Yukawa, das früher mit Ishigami einmal die studentische Schulbank drückte. Bei diesem Fall fühlt er sich prompt herausgefordert und versucht auf seine ganz eigene Art und Weise und mit seiner unergründlichen Kombinatorik, die Wahrheit herauszufinden. Müsste man Yukawa beschreiben, so entsteht vor dem inneren Auge eine asiatische Version einer Mischung aus Sherlock Holmes, Patrick Jane („The Mentalist“) und Shawn Spencer („Psych“) – lediglich ohne Komikfaktor, sondern in deutlich ernster Ausführung.

Somit ist das unglücklicherweise viel zu trivial betitelte Werk „Verdächtige Geliebte“ mehr als nur ein Krimi, sondern zum einen eine sehr menschliche und emotionale, zum anderen aber auch extrem komplexe, verworrene und hochintelligent konstruierte Story mit charakterstarken Protagonisten, die den Leser herausfordert und ihn im Irrgarten der Logik und Manipulation umhertapern lässt. Er wirft Fragen über Justiz und Gerechtigkeit sowie deren manchmalige Diskrepanzen zwischeneinander auf, lässt die Grenzen zwischen Täter und Opfer immer wieder verschwimmen und ist in psychologischer Hinsicht mit solch einer Eleganz und Raffinesse gestrickt, dass die Speicheldrüsen spontan ihren Dienst verweigern (zu Deutsch: Es bleibt einem die Spucke weg).

Higashino verleiht seinen Figuren nicht nur ein markantes äußeres Profil, sondern ermöglicht es dem Leser durch zahlreiche Details und perfekt definierte psychologische Eigenheiten, Teil der jeweiligen Gehirne jedes Einzelnen zu werden. Anstatt jedoch Superhirn-Klischees aufzugreifen und auf diesen herumzureiten, lässt der Autor seine Energien in starke Persönlichkeitsmerkmale einfließen. Kontrastierend zum inhaltlichen Anspruch ist die Sprache einfach lesbar und nachvollziehbar gehalten. Lediglich die japanischen Namen und Eigennamen lassen den Lesefluss zu Beginn anhand der akustischen Exotik kurz stocken, doch nach einer kurzen Gewöhnungsphase legt sich dieses Mikroproblem von selbst.

„Verdächtige Geliebte“ ist Gehirntraining und Spannung im Kombipack, fordert den Leser und überrascht ihn immer wieder – bis zum Ende hin. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Autoren verzichtet Higashino zudem auf literarische Ausschmückungen, Ruhepausen und weiteren verbalen Ballast, sondern schreibt eine Story, die wie der Sog eines reißenden Stroms wirkt. Eine Begabung, die nur wenigen Schriftstellern in dieser Essenz innewohnt.

Cover © Klett-Cotta

  • Autor: Keigo Higashino
  • Titel: Verdächtige Geliebte
  • Originaltitel (Japan): Yōshiga X no kenshin
  • Übersetzer: Ursula Gräfe
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Erschienen: 2012
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3-608-93966-8
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit 

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Keigo Higashino – Verdächtige Geliebte (B…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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