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Dustin Thao – You’ve reached Sam

In meinem Umfeld spricht man nicht über Trauer. Meine Familie ignoriert schlimme Erlebnisse und meine Freunde reden ihre Erfahrungen immer klein. Wenn man einen Bekannten fragt, wie es ihm geht, sagt er: “Gut!”. Keiner möchte offen Schwächen oder Betroffenheit zu geben – entweder aus Scham oder weil es “doch nicht so schlimm war” und “man über sowas nicht spricht”. Oft erfahre ich erst im Nachhinein, dass die Menschen, die mir wichtig sind, Schlimmes erleben, ohne diese Zeit mit ihnen durchzustehen.

“You’ve reached Sam” ist für mich deswegen ein berührendes Buch: Dustin Thao hat einfühlsam aufgezeigt, dass Trauer eine schwere Last ist, die man nicht alleine tragen kann. Thao zeigt ehrlich, dass sich Abschottung und so zu tun, als wären die Gefühle nicht da, dafür sorgen, dass man sich von ihnen beherrschen lässt, ohne sich von der Last verabschieden zu können.

“You’ve reached Sam” ist ein Jugendbuch von Dustin Thao, das 2021 durch MacMillan im Englischen veröffentlicht wurde und zeigt, was es bedeutet, sich von einer geliebten Person verabschieden zu müssen.

Die Geschichte beginnt mit Julie, die ihren Freund Sam bei einem Autounfall verloren hat. Am Anfang versucht sie ihn aus ihrer Erinnerung zu löschen – sie wirft alles weg, was sie an ihn erinnert und geht nicht mal zu seiner Beerdigung oder Trauerfeier. 

Julie zieht sich in sich zurück – zu groß sind ihre Schuldgefühle und die Angst den Menschen zu begegnen, die Sam ebenfalls verloren haben. Schnell bereut sie ihr Handeln und aus Verzweiflung ruft sie Sams Nummer an, in der Hoffnung seine Stimme auf dem Anrufbeantworter hören zu können – nur, dass er wirklich antwortet…

Julies Weg ihre Trauer zu verarbeiten beginnt damit wütend zu sein – auf sich, da sie sich die Schuld an Sams Tod gibt und auf ihre Umwelt, da sie sich gezwungen fühlt auf eine vorgegebene Art zu trauern. Sie beginnt sich abzuschotten und verletzt dadurch die Menschen, die sie lieben – sie sieht gar nicht, dass sie nicht alleine mit ihren Gefühlen ist und sich auch Sams Familie nach ihrer Nähe sehnt.

Erst als sie anfängt sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen und sich fragt, wie Sam erinnert werden will, beginnt sie damit, sich nicht mehr von ihrer Trauer erdrücken zu lassen und wieder ihren Lebensmut zu finden.

Thao konnte einfühlsam Julies Entwicklung aufzeigen – er hat mit viel Geschick durch Gespräche und Julies inneren Monolog aufgezeigt, wie Julies Schmerz langsam abnahm. Dieser Prozess wurde von Thao aber nicht romantisiert – Julie war wütend, respektlos, egozentrisch und trotzig. Es wurde ohne Scham gezeigt, wie Julie sich und andere mit ihrem Verhalten wehgetan hat, ohne sich zu entschuldigen.

Deswegen wirkten ihre kleinen, aber stetigen Entwicklungsschritte überzeugend und lebensnah.

Es wurde ehrlich gezeigt, was es bedeutet, gerade als junger und unsicherer Mensch, mit einem schweren Schicksalsschlag umzugehen – dieser Prozess ist nicht linear, geordnet oder reflektiert, sondern voller Hochs und Tiefs, ohne zu wissen, was wirklich in einem selbst oder in anderen los ist. Man verletzt Menschen – oft unabsichtlich – aber es kann auch vorkommen, dass man anderen Schaden will, um sich nicht allein mit seinem Kummer fühlen zu müssen.

Das was mich aber am meisten von “You’ve reached Sam” überzeugte war aber, dass Julie nicht der Mittelpunkt der Welt war, sondern Thao gezeigt hat, wie andere mit Sams Tod umgegangen sind und weiter ihr Leben leben mussten. So wurde gezeigt, wie sehr Sams Familie unter diesem Verlust litt, aber auch damit konfrontiert wurde, japanische Traditionen zu verfolgen, mit denen sie ihr Erlebnis hätten verarbeiten können. Es wurde gezeigt, wie Sams Cousine sich in ihrem Schmerz verlor und immer schlechter in der Schule wurde. Aber auch Sams bester Freund wurde gezeigt, der ihm nie sagen konnte, wie sehr er ihn geliebt hat. Julie ist eine von vielen und hat von ihrem Umfeld keine Sonderbehandlung erhalten.

Gerade diese Nebenfiguren waren es auch, die diese Geschichte mit so viel Leben erfüllt hat: Es waren Figuren, die selbst Lasten schultern mussten, aber auch vielschichtig und liebenswert waren. Nie wurde jemand auf irgendein Klischee oder ein Wesensmerkmal reduziert, was durch dynamische Gespräche und die Handlungen der Figuren deutlich wurde.

Das ist mir aber erst im Nachhinein aufgefallen – am Anfang wirkten alle Figuren noch recht “grau” auf mich.

Die Geschichte wird nämlich aus Julies Perspektive erzählt, die ihr Umfeld selbst nur aus einem grauen Schleier sah, der sich erst dann lichtete, als Julie mit anderen Menschen mitfühlte.

Viele der Figuren hatten einen Ost-Asiatischen Migrationshintergrund, der ihre Wahrnehmung und Werte beeinflusste und nebenbei auch zeigte, mit welchem Problem sie als Gruppe täglich konfrontiert wurden. So mussten sie gegen Ausgrenzung in der Schule, aber auch mit einer notdürftig zusammengeschusterten Trauerfeier kämpfen, weil es keinen Tempel in ihrem Umfeld gab.

Die Handlung war berührend und überzeugend, weil ehrlicher gezeigt wurde, was es heißt jemanden zu verlieren, der einem wichtig ist. Der Alltag hat nicht aufgehört, Aufgaben mussten erfüllt und Versprechen eingehalten werden – egal wie überfordert man damit ist.

Das Leben ging weiter, egal ob man bereit war oder nicht.

Dadurch wurde gezeigt, dass die Welt nicht aufhörte sich zu drehen, sondern es Tag für Tag neue Herausforderungen gibt, die bewältigt werden müssen. Gerade die Telefongespräche mit Sam haben berührend veranschaulicht, wie es sich anfühlt, sich von einer geliebten Person zu verabschieden – und wie es der betroffenen Person damit gehen würde.

“You’ve reached Sam” ist ein Buch, das ich allen weiterempfehlen möchte, die selbst trauern mussten oder sich mit Trauer im Allgemeinen auseinadersetzen wollen. Es wurden ehrlich die Hochs und Tiefs gezeigt, die nochmal extremer wirken, weil Julie noch so wenig Lebenserfahrung hat. Denn Trauer ist kein linearer Sprint, nachdem alles wieder so ist, wie es vorher war – Tod hinterlässt seine Spuren im Alltag und Erinnerungen kommen immer dann hoch, wenn man am wenigsten auf sie vorbereitet ist.

Es ist nicht normal über Tod und Trauer zu reden, weswegen man nicht weiß, was man machen soll, wenn man mit beidem konfrontiert wird. Deswegen ist “You’ve reached Sam” wertvoll, denn Dustin Thao zeigt, wie es trotzdem weitergehen kann.

  • Autor: Dustin Thao
  • Titel: You’ve reached Sam
  • Verlag: MacMillan
  • Erschienen: 2021
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 304
  • ISBN: 978-1250836748
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten


    Wertung: 14/15 dpt


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