Valentina D’Urbano – Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung (Buch)

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Valentina D'Urbano - Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung (Cover © DTV)Armut, Gewalt, Drogen – um keines dieser Themen macht der Roman der Italienerin Valentina D’Urbano einen Bogen. Im Gegenteil steckt der Roman mit dem sprechenden Titel „Mit zwanzig hat man kein Geld für eine Beerdigung“ voller Schilderungen der negativen Seiten des menschlichen Lebens. Dabei fabuliert die Autorin keineswegs. Selbst in einer Sozialbausiedlung aufgewachsen, macht sie das Leben der Jugendlichen in diesen Ghettos zum Thema ihres Romans.

Die Erzählerin des Geschehens ist Beatrice. Sie ist diejenige, die erst zwanzigjährig auf die Beerdigung ihres Freundes geht. Diese Beerdigung ist Ausgangspunkt der Erzählung, und Anlass für Beatrice ihre Geschichte, und die des gerade beerdigten Freundes zu erzählen.

Die beiden wachsen in der Siedlung La Fortezza – deutsch: „die Festung“ – auf. Während Beas Eltern arm aber liebevoll sind, wächst Alfredo bei seinem gewalttätigen Vater auf und verbringt die Hälfte seiner Zeit lieber bei der benachbarten Familie Beas. Von Geschwistern so nah wie Zwillinge werden sie zu einem Liebespaar, das ebenso viel Hass wie Liebe verbindet. Diese Beziehung zu ergründen, fällt dem Leser nicht immer leicht und klärt sich auch erst ganz zum Schluss des Romans auf. So viel wird im Verlauf der Erzählung aber deutlich: Beatrice und Alfredo können nicht mit-, aber auch nicht ohneeinander. Zutiefst selbstzerstörerisch, zerstören sie sich auch gegenseitig. Der Tod Alfredos ist da nur noch das logische Ende eines Lebens, dessen Ende bereits zu Beginn feststeht.

Dieses Schicksal hat er aber nicht alleine. Er teilt es mit den Bewohnern seiner Siedlung: »Wenn du zwischen sechzehn und dreißig Jahre alt bist und in La Fortezza lebst, liegt die Chance draufzugehen über dem Landesdurchschnitt. Wir waren am falschen Ort zur Welt gekommen und wir kannten das Risiko.«

Das Gefühl der Ausweglosigkeit dominiert diesen Roman, was durch das vorweggenommene Ende der Beziehung der beiden von Anfang an mitschwingt. Der Roman erlaubt keinerlei Illusionen. Auf eine Befreiung aus den prekären Verhältnissen wartet man umsonst. Stattdessen wird ein Elend geschildert, das endlos scheint. Das Verhalten von Polizei und die Reaktionen von potenziellen Arbeitgebern außerhalb der Siedlung beenden schnell die kurze Suche der Jugendlichen La Fortezzas nach einem Leben außerhalb der Siedlung und führt sie in die Kriminalität und zu den Drogen.

Die Siedlung ist das Zuhause der Jugendlichen. Es entwickelt sich aber mit der Zeit immer mehr zu einem Gefängnis. Ihre Herkunft ist ein Stigma und trennt sie vom Rest der Gesellschaft. Sprachlich findet sich das Setting des Romans im Soziolekt der Dialoge wieder. Dieser wirkt in der deutschen Übersetzung allerdings eher unnatürlich.

D’Urbanos Roman ist sozialkritisch aber nie mitleidheischend. Vielmehr fällt Empathie mit der Erzählerin Beatrice und ihrem Freund eher schwer. Sie sind keine positiven Figuren, ihr destruktives Verhalten ist für den Leser teilweise schwer zu ertragen. Die Wirklichkeit wird nicht geschönt und jegliche Romantisierung der Situation verhindert. Der Roman problematisiert die Ghettoisierung der ärmeren Bevölkerung und die damit einhergehende Perspektivlosigkeit der Heranwachsenden. Er zeigt aber auch das Unbehagen der Gesellschaft mit diesen Problemen in Berührung zu kommen.

Es ist ein wichtiges gesellschaftliches Thema, das eine Meinung vom Leser fordert. Daneben hat D’Urbano aber auch einen spannenden und fesselnden Roman geschrieben. Eine einzige Schwachstelle bildet das versöhnliche Ende, das zum geschilderten Geschehen etwas zu stark im Kontrast steht und klischeehaft wirkt.

Cover © dtv

  • Autor: Valentina D’Urbano
  • Titel: Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung
  • Originaltitel: Il Rumore dei tuoi passi
  • Übersetzer: Constanze Neumann
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 275
  • ISBN: 978-3-423-24999-7
  • Sonstige Informationen:
    Verlagsseite mit Erwerbsmöglichkeit

Wertung: 10/15 dpt


Über den Autor

Mareike de Raaf


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Büchernärrin, Studentin, passionierte Kino- und Theatergängerin und nun auch Schreiberling für booknerds.de.

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Valentina D’Urbano – Mit zwanzig hat…

von Mareike de Raaf Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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