Vielschichtiger und kurzweiliger Schauerroman

Sieben Lichter
© Steidl

Im Hafen von Cove, Irland, gibt es am 26. Juni anno 1828 nur ein Gesprächsthema; die Brigg „Mary Russell“, an deren Bord sich sieben Tote befinden. Der berühmte Arktisforscher und inzwischen als Prediger tätige Reverend William Scoresby und dessen Schwager, Colonel Fitzgerald, sind zufällig in dem Ort. Da der Coroner auf sich warten lässt und die Neugier der beiden Männer siegt, betreten sie das Schiff, um sich ein eigenes Bild zu machen. Dabei ist Fitzgerald durch sein Ehrenamt als Magistrat eigentlich nur für kleinere Bagatellfälle zuständig. Ein kurzer Blick in die Kajüte reicht, um das Ausmaß des Massakers zu erahnen. Sieben Tote, gefesselt und mit einer Axt brutal erschlagen, zudem hat die Verwesung bereits eingesetzt. Der Tatverdächtige, der Schiffskapitän William Stewart, konnte kurz vor Erreichen des Hafens fliehen.

„Wenn die Sache vor Gericht kommt, wird man vielleicht uns und nicht ihn für verrückt erklären“, beklagte der Seemann und nahm einen tiefen Zug aus dem Zinnbecher. „Und wahrscheinlich sind wir das auch. Niemand, der nicht sternhagelvoll oder wirr im Kopf ist, wird uns diese Geschichte abkaufen.“

Fitzgerald und Scoresby befragen die wenigen Überlebenden und erhalten so ein Bild von den Vorfällen, die sich auf der Rückfahrt von Barbados ereignet haben. Demnach gab es Gerüchte über eine bevorstehende Meuterei, der sich der Kapitän nur mit Gewalt zu erwehren wusste. Aber kann es sein, dass er allein sieben Männer überwältigen konnte? Und warum hat er sie erschlagen, nachdem sie durch ihre Fesseln bereits außer Gefecht waren? Die Aussagen erscheinen nicht gänzlich stimmig und so geraten die beiden Ermittler wider Willen in einen Abgrund aus Gewalt und Wahn.

Wie wird das Unbegreifliche begreifbar?

Alexander Pechmann hat mit dem schmalen Büchlein „Sieben Lichter“ einen lesenswerten und sprachgewaltigen Roman vorgelegt, der an die Schauerromane früherer Zeiten erinnert. Ein grauenhaftes Verbrechen will aufgeklärt werden, wobei sich die Frage nach dem Täter kaum stellt. Die Beweislage ist klar, doch, apropos klar, war sich Kapitän Stewart eigentlich dessen bewusst, was er tat? Ich-Erzähler Fitzgerald verzweifelt nicht nur an den harten Fakten und der Gewalteruption an Bord der „Mary Russell“, sondern mitunter auch an seinem frisch gekürten Schwager und dessen theologischen Ansichten. Scoresby glaubt nicht an Zufälle, sondern an göttliche Vorsehung. Glaube und Zweifel treiben ihn gleichermaßen um, während bei der Rückbetrachtung der Ereignisse ein Strudel aus Angst, Obsession, Träumen und Visionen immer gewaltigere Dimensionen annimmt.

„Hätten Sie mich der Meuterei angeklagt, weil ich mich gegen nen Mann wehrte, der ein Menschenleben für weniger wertvoll hielt als seine Befehlsgewalt über das Schiff? Ich glaube, Sie und Ihresgleichen hätten mich an den Galgen gebracht, nur um mich hängen zu sehen. Ich aber hätte sieben Leben gerettet, zum Preis von einem.“

Sehr düster ist die Stimmung an Bord, die zunehmend in Aggression umschlägt. Sollte es tatsächlich eine Meuterei geben oder bildete sich der „Käpten“ dies nur ein? Erinnerungen an die Meuterei auf der Fregatte „Hermione“ oder gar der „Bounty“ werden wach. Die bildhafte Darstellung der Gewaltexzesse sind gelungen und lassen mitfiebern. Überhaupt ist trotz des anscheinend klaren Sachverhaltes der Spannungsbogen in den ersten beiden Dritteln erstaunlich hoch. Der Ausgang der abschließenden Gerichtsverhandlung ist hingegen weniger überraschend, ebenso die Beeinflussung der Jury durch den Richter, der quasi schon mit Beginn der Verhandlung das Urteil vorwegnimmt.

„Aber Sie wissen ja, wie das so ist, hier am Holy Ground. Die Männer trinken und reden, reden und trinken, und am Ende bleiben nur höllische Kopfschmerzen.“ „Sie reden also nur Unsinn?“ „Was heißt schon Unsinn, wenn’s um siebenfachen Mord und Meuterei geht? Die meisten glauben freilich nicht an Meuterei, sie meinen, der Kapitän wär mit dem Teufel im Bunde. Er hätte dem Teufel sieben Seelen versprochen, um eine alte Schuld zu begleichen.“

Wer schaurige Kriminalfälle mag, die zudem wie im vorliegenden Fall auf einer wahren Begebenheit beruhen, darf gerne zugreifen.

  • Autor: Alexander Pechmann
  • Titel: Sieben Lichter
  • Verlag: Steidl
  • Umfang: 164 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: März 2021
  • ISBN: 978-3-95829-929-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 12/15 dpt


Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
16
Share