Birgit Salutzki – Stadtgespräche aus Gelsenkirchen (Buch)

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Stadtgespräche aus GE Cover © Gmeiner Verlag»There are no cities, no cities to love/It’s not the city, it’s the weather we love« – Jeder Städtebauer, Geograph, Soziologe und Stadtmensch dürfte angesichts solch einer Zeile im Dreieck springen. Städte sind schließlich die Wiege der Kultur, auf- und anregende Orte der Begegnung und seit jeher Ausdruck gemütlichkeitsbringenden Wohlstands. Aber – und das versuchen uns die zum Glück wiedervereinigten Damen von Sleater-Kinney zu verdeutlichen – sie können auch zu einem Un-Ort werden, zu einem schnöden Ding, das funktionieren muss und Menschen gebärt, die vom Alltag gleichzeitig gelangweilt und überfordert sind.

Folglich wird im nächsten Refrain „city“ durch „weather“ und „weather“ durch „nothing“ ersetzt, zum Schluss legt der lyrische Kniff aber den Finger in eine weitere Wunde, die manch einer noch gar nicht an sich entdeckt hat. Städte, die aussehen wie alle anderen oder die hinter den abertausenden Smartphone-Screens immer mehr verbleichen, haben ihre Identität, schlussendlich aber auch ihre soziale Komponente verloren, denn was wären Städte ohne die Architektur, die von Menschen zeugt und Menschen zusammenbringt? So könnte die Argumentationsweise des Gmeiner Verlags aussehen, der mit der Buchreihe „Stadtgespräche aus…“ einen Gegenentwurf zu anderen Stadtbüchern und -broschüren setzt, die Orte „nur“ auf Karten verzeichnen und sie mit Geschichte und Fotos verbinden.

Stattdessen wird jeder der beschriebenen Orte innerhalb einer Stadt mit einer Persönlichkeit verbunden oder besser gesagt wird eine Persönlichkeit vorgestellt, die einen bestimmten Ort geprägt hat. Unter den Städten finden sich deutschsprachige Metropolen wie München, Hamburg und Wien, aber auch kleinere Gemeinden wie Itzehoe und Elmshorn. Das vordergründige Ziel der Reihe: Bewohner der jeweiligen Stadt und die, die es mal waren, von den Vorzügen ihrer Heimat überzeugen und mit der einen oder anderen Anekdote überraschen. Ähnlich dem Gefühl, das einem ein Beitrag in der WDR-Lokalzeit vermitteln kann, nur gebündelt auf 185 Seiten. Für alle anderen dürfte der Stoff gerade im Falle der kleinen, touristisch weniger wertvollen Orte zu speziell sein, auch wenn sich die Lektüre lohnen könnte. Gelsenkirchen ist da ein ganz eigenes Beispiel.

Das Projekt für die Ruhrgebietsstadt übernahm Birgit Salutzki, die ihre Tätigkeit als freie Autorin in aller Breite auslebt. Ihr Portfolio reicht von Jugendbüchern, Romanen und Kurz-Geschichten bis hin zu Sachbüchern, außerdem veranstaltet sie Events rund ums Lesen und betreibt eine Schule, die Kindern spielerisch die deutsche Sprache vermitteln soll. Nun widmet sich die Wahl-Gladbeckerin ihrer Heimatstadt und deren Bürger, die gerne mal falsch verstanden oder gleich voreilig abgestempelt werden. Nicht immer ist aus der Recherchearbeit für die 45 Personen und Orte ein Interview-Gespräch entstanden, immer wieder weicht die Autorin zur Abwechslung aber vermutlich auch aus Platzgründen auf Kurzporträts aus. Streng genommen geht das nicht mit dem Titel konform, aber eigentlich geht es dem Buch auch nicht um steife Perfektion und Konvention.

Anstatt das Projekt an Erwartungen zu messen und auf Vollständigkeit zu überprüfen, sollten die Leserinnen und der Leser vor allem Augenmerk auf die Auswahl der Gesprächspartner und Orte legen. Natürlich gehört die Herzensangelegenheit Schalke 04 als einer der größten Arbeitgeber der Stadt dazu und wird vom treuen Fan (Rolf Rojek/Trompeten-Willi) über den Arena-Veranstalter (Thorsten Kramer) und den (legendären) Betreuer (Charly Neumann) bis zum (besonderen) Spieler (Gerald Asamoah) ausführlich beleuchtet. Die Geschichten rund um Fananekdoten, die Kooperation mit der Gesamtschule Berger Feld und die einzigartigen Events in der Veltins Arena faszinieren zweifellos, aber es gibt eben auch knapp vierzig andere Menschen und Geschichten, die Gelsenkirchen ebenso geprägt haben oder noch prägen werden und das schmuddelige Image der ehemaligen Großstadt aufpolieren könnten.

Am wichtigsten sind die kleinen Anekdoten, die Menschen wie du und ich. Sven Hilling zum Beispiel, der eine Stadtrundfahrt für Groß und Klein anbietet oder Venetia Harontzas, die mit ihrer Tanzschule zur Völkerverständigung beiträgt. Oft genug wird unterschlagen und vergessen, dass es genug Wille zur Gestaltung gibt und dass dieser auch gerne unentgeltlich umgesetzt wird. In einer Stadt wie Gelsenkirchen, die sich seit langem mit einer überdurchschnittlichen hohen Arbeitslosenquote rumschlagen und noch vielen sozialen, infrastrukturellen und finanziellen Herausforderungen Herr werden muss, sind aber gerade das die Kräfte, die besonders wertvoll sind und etwas bewegen können. Sie geben aber auch der wichtigen Nachricht ein Gesicht, dass bei Weitem nicht alles schlecht an der ehemaligen Bergwerksstadt ist.

Yildiray Cengiz beispielsweise organisiert einen Schönheitswettbewerb, bei dem Integrationsthemen im Vordergrund stehen, die sonst auch aufgrund ihrer Komplexität unter den Tisch fallen. Gerade Stadtteilen, die vorschnell stigmatisiert werden, könnten solche Aktionen nicht nur helfen, sie könnten sogar versteckte Potenziale aufdecken. Aber auch über die Stadtgrenzen hinaus konnten einige Menschen und ihre Projekte bekannt werden. Christian Nienhaus hat ein weltweit beachtetes, interaktives Kunstprojekt durchgeführt, das als Positivbeispiel für die immer weiter fortschreitende Globalisierung herhalten kann. Die Schwestern Joe und Sara Urbais designen Mode, die auf der ganzen Welt gefragt ist. Nicht nur in Mailand oder New York werden Trends gesetzt, sondern auch in Gelsenkirchen!

Genauer gesagt in Gelsenkirchen-Ückendorf, einem Stadtteil, der als Schandfleck der Stadt gilt und deswegen dieser Tage im Zuge eines Stadtumbauprojektes umgestaltet wird. Ziel ist es, die zentral gelegene Bochumer Straße zu revitalisieren und junge, innovative Künstler und Unternehmer zu locken. Auch die Verwaltung hat die jungen Damen entdeckt und unterschreibt ihre Geschichte gerne mit dem Motto: »Stellt euch mal vor, was hier bald möglich ist.« Verschwiegen wird dabei, dass es solch ein Projekt im Stadtteil schon einmal gab. Der Wissenschaftspark wird auch in „Stadtgespräche aus Gelsenkirchen“ als architektonisches Highlight und wirtschaftlicher Knotenpunkt beschrieben und gepriesen, er ist aber leider eine Insel geblieben. Der Funke ist nicht auf die umliegenden Häuser übergesprungen, die ganz im Gegenteil momentan immer häufiger als „Problemhäuser“ für unbewohnbar erklärt werden.

Aber es ist verständlich, dass es Birgit Salutzki fern liegt, noch weitere Fehler aufzudecken und Unzulänglichkeiten anzuprangern. Die Bürger sind müde davon, ihre Stadt ständig in den Negativschlagzeilen zu sehen und brauchen auch mal eine Streicheleinheit. Das Buch meckert zum Beispiel nicht, wenn Oberbürgermeister Frank Baranowski das neue Hans-Sachs-Haus vorstellt, bei dessen Sanierung es jahrelang Zoff ums Geld gab, sondern es wird die wirklich gelungene, architektonische Leistung dahinter herausgestellt. Schalke 04 mag immer noch Verbindlichkeiten in dreistelliger Millionenhöhe haben, aber der Verein gibt seinen Fans etwas, das eigentlich nicht mit Geld zu bezahlen ist. Viele Zechengelände liegen immer noch brach und müssen aufwändig zurückgebaut werden, Beispiele wie der Nordsternpark oder die Rungenberghalde zeigen aber, wie eine nachhaltige Nutzung nicht nur gelingen, sondern begeistern kann.

Manchmal sind es Persönlichkeiten wie Sterne- und TV-Koch Björn Freitag oder der Promifriseur Andreas Reetz, die sogar ein bisschen Glamour in die Stadt bringen, meist sind es aber die bodenständigen und kreativen Bürgerinnen und Bürger, für die sich Salutzki interessiert. Vielleicht hat die Autorin an dieser Stelle etwas zu oft bei den Kunstschaffenden der Stadt durchgebimmelt, aber auch das spiegelt den Strukturwandel der Region wider. Im Ruhrgebiet hat mittlerweile fast jede Kommune ein eigenes Theater, eigene Konzerthallen und Veranstaltungsorte. Das führt zum einen natürlich zu einer hohen Dichte an gelebter Kultur, sobald es aber um die großen Namen geht, steht Konflikt immer noch vor Kooperation. Andere Elemente des Buches fallen aber noch eher negativ ins Auge.

Ab und an funktioniert die Verzahnung zwischen der Person und dem Ort nicht einwandfrei. Der Westerholter Wald soll die grüne Seite der Stadt zeigen, wird im Text aber nur in einem Nebensatz als Freizeitort genannt und ein Fitnessstudio hat es nur in das Buch geschafft, weil dort ein ehemaliger Kandidat von „Schlag den Raab“ trainiert. Im Falle eines Schornsteinfegers wird die Schraube dann etwas zu stark in Richtung „Gewöhnlichkeit“ gedreht, denn Stephan Planz ist (natürlich bei allem Respekt) ein Schornsteinfeger, nicht mehr und nicht weniger. Ansonsten wird über genug Interessantes und Spannendes berichtet, um Gelsenkirchen in ein anderes Licht zu rücken, das zusammen mit den negativen Schlagzeilen eher dazu in der Lage ist, ein realistisches Bild der Stadt zu zeichnen. Vielleicht kann es sogar einige Leserinnen und Leser davon überzeugen sich selbst ein Bild von einer Stadt zu machen, die meist unter Wert verkauft wird. Tipps für eine Wochenend-Sightseeing-Tour gibt es auf jeden Fall reichlich.

FAZIT: Die Reihe „Stadtgespräche aus…“ wird nun durch ein Buch über Gelsenkirchen erweitert, welches das Bild einer Stadt zeichnet, die sich nach positiven Nachrichten und einem aufpolierten Image sehnt. Das gelingt mit Gesprächen mit und Geschichten von Menschen, die ihre Stadt und „ihre“ Orte geprägt haben. Birgit Salutzki blickt zwar durch die rosarote Brille auf ihre Heimatstadt, bei der sonstigen verzerrten Berichterstattung über Ruhrgebietskommune und das ewige, undifferenzierte Meckern über alles und jeden dürfte das auch mal gut tun. Dabei stellt die Autorin eine interessante Collage, die zwar nicht immer hundertprozentig überzeugt, aber genügend Überraschungen bereit hält und vor allem eins nicht vergisst: »There are no cities, no cities to love/It’s not the nothing, it’s the people we love«

 Cover © Gmeiner Verlag

  • Autor: Birgit Salutzki
  • Titel: Stadtgespräche aus Gelsenkirchen
  • Verlag: Gmeiner Verlag
  • Erschienen: 11.03.2015
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-8392-1715-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 10/15 dpt


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Birgit Salutzki – Stadtgespräche aus Gels…

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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