Leon Engler – Botanik des Wahnsinns (Buch)

Paranoia, Suizide, Depressionen, bipolare Störungen, Alkoholismus, Schizophrenie – um die mentale Gesundheit der Familie des Erzählers steht es über viele Generationen hinweg schlecht: „Darum stelle ich mir die Frage: Wann bin ich dran?“ Leon Englers Roman „Botanik des Wahnsinns“ ist autofiktional, zumindest gibt es viele Parallelen zwischen seinem Protagonisten Leon und ihm selbst. Trotzdem: „Das ist nicht meine Familie, und das bin nicht ich“, sagt der Autor bei einer Lesung. Der Roman sei sehr nah am Leben, aber 58 Prozent seien erfunden. Letztendlich ist das auch nicht wichtig, solange man weiß, dass Leon Engler selbst Psychologe ist und Ahnung hat von dem, über das er schreibt.

Der Erzähler des Romans laviert rastlos durch die Welt, immer auf der Suche nach Anzeichen des Wahnsinns in ihm, er wechselt die Städte, taucht immer wieder in die eigene Familiengeschichte ab (für die man sich vielleicht am besten selbst solch einen kleinen Stammbaum zeichnet, um nicht alle Generationen, Personen und Erkrankungen durcheinanderzuwerfen) und landet schließlich tatsächlich in der Psychiatrie. Nicht als Patient, sondern als Behandelnder. Dort ist seine erste Aufgabe zur Übung, eine Akte über sich selbst anzulegen. Die leitende Psychologin hat einen pragmatischen und vielleicht unerwarteten Ansatz: „Kein Mensch ist verrückt, sein Verhalten wird von uns nur so genannt. … Diagnosen sind Deutungen, keine harten Fakten. Der Unterschied zwischen normal und nicht normal? Oft willkürlich!“

Wir zeichnen ein Stammbaum und überschlagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit mich welches Schicksal ereilen könnte: Schizophrenie? Sucht? Depression? Bipolare Störung? Mein Stammbaum ist befallen von so ziemlich jeder Plage, die in den Bibeln der Psychiatrie zu finden ist. In wessen Fußstapfen soll ich treten? Welche verirrte Linie weiterführen? Die Depression meines Vaters? Die Schizophrenie meines Großvaters? Die Todessehnsucht meiner Großmutter? Die Abhängigkeit meiner Mutter?S. 22

Dass Autor Leon Engler eigentlich mit einem Sachbuch begonnen hatte, in dem er die Gesellschaft als Ursache psychischer Erkrankungen zum Thema nehmen wollte, hat er in seinem ungewöhnlichen Roman eingearbeitet. Wahrscheinlich lernt man beim Lesen mehr über die Theorien und die Geschichte der psychischen Erkrankungen, ihrer Diagnose und Behandlung als in manchem Sachbuch – oder vielmehr: Man lernt anders, denn Leon Engler ordnet die Historie ein, und seine Einschätzung ist oft nicht positiv. „Die Behandlung war oft schlimmer als die Krankheit“ sagt er bei seiner Lesung. Erzählende und erklärende Teile fließen dabei so mühelos und passend ineinander über und wieder zurück, dass man im Lesefluss überhaupt nicht ausgebremst und gestört wird.

Das Klassifizierungssystem, entlehnt aus der Botanik, die transgenerationale Weitergabe von Traumata, Ängsten und Belastungen („Fürs Glück besaßen wir keine Lizenz.“), der Umgang der Gesellschaft mit Menschen, die nicht in den strikten Rahmen passen können oder wollen, sind alles Themen, die Leon Engler auf 208 Seiten unterbringt und keines dabei zu kurz kommen lässt.

Fazit:

Leon Englers Roman „Botanik des Wahnsinns“ schafft es, schwere Themen, Sachwissen, feinen Humor und Familiengeschichte zu einem eng gestrickten Netz zu verknüpfen. Nach dem ersten schnellen Lesen macht ein zweites und drittes Lesen nicht nur Sinn, sondern sogar auch Spaß. Ebenso wie die Recherche der vielen Quellen und Informationen, die der Autor in seinem Werk nennt, zitiert und interpretiert. Ein einzigartiger Roman, da kann man eigentlich nichts Vergleichbares nennen!

Wertung: 15/15 dpt

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