Großartiger Whodunit aus England

Mitten auf der A35, nackt auf einem Stuhl gefesselt und ein Hirschgeweih tragend, wird nachts in der Grafschaft Dorset in der Nähe von Wynstone ein Mann ermordet aufgefunden. Es ist James „Jim“ Tiernam, der Wirt des „White Hart“, wo es gestern Abend hoch herging. Das Pub ist Treffpunkt der Trinker in dem beschaulichen Dorf Fleetcombe, während die vornehmen Leute das „Fox“ aufsuchen. Ein Dorf, zwei Kneipen und damit eigentlich eine zu viel, so dass es kaum verwundert, dass Jim finanziell stark angeschlagen war. Die besitzende Brauerei droht mit dem Rausschmiss, ein alter Kumpel will geliehenes Geld zurück und dann wären da noch ein halbes Dutzend Stammgäste, mit denen Jim am späten Abend in einen Streit geriet.
Tatverdächtige und somit Arbeit gibt es genug für DS Nicola Bridge und ihren neuen Partner DC Harry Ward. Ein denkbar schlechter Start für Bridge, die fünfzehn Jahre lang in Liverpool mit Bandenkriminalität beschäftigt war und dies äußerst erfolgreich. Allerdings führte dies zu einer privaten Katastrophe, Bridge zog die Reißleine und mit Mann und Sohn zurück in ihre Heimatstadt Bredy, wo sie nun die Chefin ist. Vieles hatte man ihr versprochen, doch schon die Unterkunft in einem Provisorium lässt Böses ahnen. Statt des versprochenen Teams gibt es lediglich den alten DC Mel Hardiman und eben Ward, der noch nie in einem Mordfall ermittelt hat.
„Ob mein Bruder Probleme hatte? Sein Leben lang! Fragen Sie lieber, wann er mal keine hatte.“
„Wissen Sie, ob er Probleme hatte?“
Einen Mord gab es in Dorset lange nicht, zuletzt 1925 und somit vor hundert Jahren. Damals ein Dreifachmord sogar, der vermeintliche Mörder aus der Familie Deakins wurde hingerichtet. Dessen Nachfahre, der mürrische Bauer Deakins, gerät prompt in den Kreis der Verdächtigen. Dies gilt ebenso für Irina, Jims Lebensgefährtin, den Friseur Frankie und nicht zuletzt den Paketzusteller Eddie. Sie alle und noch einige mehr waren in Jims Pub, als es zum Streit kam.
„Er hat nicht viel zu seiner Verteidigung vorzubringen. >Ich war’s nicht< und kein Alibi.“
Bridge und Ward ermitteln fieberhaft und stellen bald fest, dass man nicht mit ihnen reden möchte. Zumindest nicht über alles und schon gar nicht über die Wahrheit. Man würde sich verdächtig machen. Nach und nach sickert durch, was zunächst verschwiegen wird. Dabei könnte ein neunjähriges Mädchen den Ermittlern helfen. Doch bereits in diesem zarten Alter hat es gelernt, dass es meistens besser ist zu schweigen.
Seven Dials. Broadchurch. Doctor Who. Jetzt das Romandebüt.
Chris Chibnall werden Krimifans womöglich kennen, wenngleich bislang „nur“ als Drehbuchautor. „Broadchurch“, „Doctor Who“ und die Miniserie „Agatha Christie’s Seven Dials“ (2026), dazu ein BAFTA Award und eine Nominierung, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Jetzt sein Debütroman „Septembermord“, im Original „Death At The White Hart“, der ein Fest für Fans klassischer Krimis (Verbrechen – Ermittlung –Auflösung) ist. Wer sogenannte Whodunits mag, sollte zugreifen (müssen muss man ja so gut wie nichts im Leben) und darf sich auf ein spannendes Rätsel freuen.
Ein kurios inszenierter Leichnam, mehrere Verdächtige, deren Geheimnisse erst nach und nach zu Tage treten. Was will man mehr? Der Verdacht richtet sich wechselnd auf verschiedene Personen, kleinere Geschichten in der Geschichte sorgen für gelungene Blindspuren. Das Ermittlerduo Bridge und Ward ist durchaus sympathisch, wenngleich die erfahrene Bridge öfters mit sich hadert. Sie ist Erfolge gewöhnt, doch dies war zu einer Zeit als ihre Ehe noch nicht in Trümmern lag. Da geht es Ward, der aufgrund seines gutaussehenden Äußeren einer Boygroup entstammen könnte, besser (oder nicht), denn er hat erst gar kein Privatleben. Jedenfalls wird darüber in diesem Roman nichts bekannt, der vom Verlag als „Band 1“ angekündigt ist.
Die dörfliche Gemeinde, die kauzigen Menschen und ihre Verstrickungen untereinander sind lesens- und irgendwie liebenswert, wenngleich natürlich etliches im Argen liegt. Verdächtige und Motive gibt es reichlich, Gelegenheit hatten nahezu alle, Zeugen gibt es keine. Was nicht ganz zutreffend ist, denn es ist schnell (für den Leser) klar, dass besagtes neunjähriges Kind entscheidend zur Lösung des Falles beitragen kann.
Klare Empfehlung für Whodunit-Fans!
- Autor: Chris Chibnall
- Titel: Septembermord
- Originaltitel: Death At The White Hart. Aus dem Englischen von Leena Flegler
- Verlag: Piper
- Umfang: 416 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Juli 2026
- ISBN: 978-3-492-06881-9
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Wertung: 12/15 dpt







