Mario Petuzzi – Winterschlaf (Roman)

Es ist eine befremdliche Welt, in die uns der italienische Newcomer Mario Petuzzi mit seinem Debüt „Winterschlaf“ führt.

Schauplatz ist ein abgelegener Hof in den Alpen. Hier lebt ein Zwillingspaar mit Mutter und Großvater. Den Lebensunterhalt verdient die kleine Familie von Frühling bis Herbst durch die Wahrsagersitzungen der Mutter, die vom Großvater geschäftstüchtig vermarktet werden. Die Quelle ihrer hellseherischen Fähigkeiten zieht die Mutter aus ihrer außergewöhnlichen Veranlagung, den kompletten Winter über durchzuschlafen. Dieser Schlaf ist ein biologischer Ausnahmezustand, ein monatelanger Winterschlaf, für den sie sich wie ein Tier in den Keller zurückzieht, um bewusstlos, aber träumend, die Zeit zu überdauern.

Petuzzi beschreibt in seinem Roman einen dieser Mutter-Zyklen, vom Erwachen im Frühjahr, dem Erstarken im Sommer und den erneuten Rückzug im Herbst.

Doch nicht nur der phantastische Inhalt des Romans ist lesenswert, die Sprache, die der Autor wählt, um diese zu erzählen, ist mindestens genauso sehr ein Ereignis wie der Plot, wenn nicht sogar das noch das größere.

Ein eingangs gewähltes Zitat von Agota Kristof markiert das sprachliche Vorbild und weist die erzählerische Richtung. Kristofs berühmtes Zwillingspaar aus „Das große Heft“ dürfte ebenso Pate gestanden haben die Ausnahmesprache der Kultautorin.

„Winterschlaf“ ist in der „Wir-Perspektive“ geschrieben, d.h. aus Sicht der Kinder, einem Zwillingspaar, einem Mädchen und einem Jungen, die beide namenlos bleiben. So folgen die Leser:innen den Schilderungen der Einen und des Anderen, wie Petuzzi sie nennt, die beide wie ein Doppelwesen agieren, immer zu zweit, sich selbst nicht voneinander abgrenzend.

Und ebenso wenig abgrenzend ist die Sprache, durch die alle Wahrnehmungen und Gedanken übergangslos ineinanderfließen. Das Ergebnis ist ein Erzählfluss von überbordender Sinnlichkeit. Es entsteht eine poetische Dichte, die kaum zu durchdringen ist, weil sie sich selbst ständig auffüllt mit neuen Eindrücken.

Zugleicht haftet dem Roman etwas Schwebendes an. Die kindliche Wir-Stimme beobachtet und beschreibt die Erwachsenen, oft ohne das Gesehene vollständig zu verstehen. So erhält vieles keine Erklärung. Leerstellen bleiben, die die Leser:innen, durch eigene Interpretation füllen müssen. Räume, in denen das Gezeigte, wie in einer Art Echokammer, neue Zusammenhänge und Stimmungen erzeugt.

Die Zwillinge funktionieren wie ein fest in sich geschlossenes System. Sie sind ihre eigene Welt, zu der im Vergleich alles, was von außen kommt, fremd ist. Das Setting des abgelegenen Hofes spiegelt dieses zentrale Empfinden der Kinder. Und so verlaufen auch die Kontakte mit der Außenwelt stets wie Begegnungen mit Fremden. Es sind Fremde, die die Mutter aufsuchen, um ihren Rat zu suchen. Fremde, die ihre Nähe suchen, ohne, dass man immer versteht, warum. Fremde, die, sogar, wenn sie zu bleiben versuchen, scheitern, weil sie Fremde bleiben.

Auch Petuzzis Roman bildet ein solches in sich geschlossenes System ab. Konsequent hält er sich an die symbiotische Wahrnehmung seiner Hauptakteure und leitet daraus für seinen Text eine unverwechselbare Inhärenz ab.

Das alles mag herausfordernd klingen, aber so liest es sich nicht. Der Stil ist trotz dunkler Töne immer poetisch, von klarer Präzision und einladender Einfachheit.

Mit „Winterschlaf“ ist Petuzzi ein phantastisches, modernes  Märchen gelungen, das seine Magie direkt aus der virtuosen sprachlichen Umsetzung bezieht.

  • Autor: Mario Petuzzi
  • Titel: Winterschlaf
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 19. August 2026
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3257073942

Wertung: 14/15 dpt

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