Tomer Dotan-Dreyfus – Gavdos (Roman)

Auf der Suche nach einer interessanten Story reist Journalist Gilan auf die griechische Insel Gavdos. Hier hat eine Gruppe von russischen Tschernobyl-Überlebenden eine Kommune gegründet. Sie nennen sich „Pythagoräer“ und, man munkelt, sie seien im Besitz der Unsterblichkeit. Gilan bezieht Quartier und trifft eine Reihe weiterer seltsamer Leute. Da ist z.B. die mysteriöse Opernsängerin Elena, die inzwischen ebenfalls auf der Insel lebt, und in die er sich verliebt. Oder die Pensionswirtin Kelly, von der es heißt, es handle sich bei ihr um die sagenumwobene Kalypso. Gilan begegnet einem orthodoxen Priester, dessen Worte ihn deutlich verwirren, und einem rätselhaften Dichter namens Hartmut (eine literarische Verbeugung vor der realen Persönlichkeit des inzwischen verstorbenen Universalkünstlers Hartmut Geerken), dessen handgeschriebene Bücher Gilan heimlich entwendet und liest.

Dotan-Dreyfus inszeniert seine Handlung vor der realen Kulisse eines abgeschiedenen Ortes – Gavdos gilt als die kleinste Gemeinde Griechenlands und ist der südlichste Punkt Europas. Er mixt Geografie, Mythologie und moderne Sinnsuche zu einer Geschichte, in der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zunehmend durcheinandergeraten. Er unterhält mit Humor, skurillen aber größtenteils liebenswerten Figuren, einem Hauch Philosophie und einer wahren Flut von Anspielungen.

Mit Hilfe kurzer Binnerzählungen, die immer dann enststehen, sobald Gilan die Bücher von Hartmut liest, wird die Haupthandlung in einen historischen Kontext eingebettet. So wird zum Beispiel durch Auftauchen historisch belegter Persönlichkeiten eine Brücke in die jüngere Vergangenheit Griechenlands geschlagen, z.B. durch Markos Vafiadis in die 1930-er Jahre oder durch die Erzählung um den Widerstandskämpfer Dimitris Koufontinas in die Zeit der griechischen Militärjunta von 1967 bis 1974.

Doch Dotan-Dreyfus führt seine Leserschaft noch viel weiter und vor allem weiter zurück. Auf der Suche nach der Unsterblichkeit lässt er Gilan den Raum historisch belegbarer Vergangenheit verlassen und in eine Sphäre mythologischer Schöpfungserzählungen eintauchen. Gilan begegnet nicht nur Anyanwu, einer Sonnengottheit der im Südosten Nigerias beheimateten Igbo, sondern auch dem guten Napischti, mit dem die zentrale Figur des Sintfluthelden Uta-napišti aus dem antiken Gilgamesch-Epos gemeint ist.

Das Buchcover ziert ein riesiges lilafarbenes Ei, vermutlich in Anspielung auf das Ei als Symbol des Ursprungs allen Lebens. Die Art, wie Dotan-Dreyfus seine zahlreichen Anspielungen in den Plot eingearbeitet hat, weckt bei mir die Assoziation von Ostereiersuche. Denn so zahlreich die Anspielungen sind, so wenig werden sie erläutert. Jede einzelne An-SPIEL-ung wird wortwörtlich zum Spiel mit dem Lesenden, der den Kontext zur Lösung entweder mitbringt oder sich selbst erarbeiten muss.

Diese Form des magischen Realismus, die bereits seinen Roman „Birobidschan“ (Longlist des Deutschen Buchpreises 2023, zu unserer Rezension geht es hier) zu einer großartigen Lektüre hat werden lassen, bestimmt auch hier die Athmosphäre. Für mich persönlich konnte sich der Zauber trotz der vielfältigen Spielereien diesmal leider nicht ganz so wirkungsvoll entfalten. Vielleicht, weil die Komplexität, die auch in diesem Text angelegt ist, deutlich weniger Bühne erhält als ich mir erwartet hatte. Dotan-Dreyfus konzentriert sich weitestgehend auf seine Hauptfigur Gilan, dessen Suche nach Unsterblichkeit vorallem persönlich motiviert ist, so dass der Raum zu weiteren philosophischen und auch gesellschaftlich-aktuellen Überlegungen insgeamt eher eng bleibt.

Das allmähliche Abdriften ins Mythologische, der verschachtelte Handlungsaufbau und die zahlreichen Andeutungen fordern die Lesenden durchaus heraus, andererseits wird die Lektüre – dank der sprachlichen Klarheit Dotan-Dreyfus‘ – zu einem gut nachzuvollziehbaren und unterhaltsamen Erlebnispfad. Überhaupt ist der Roman sprachlich über jeden Zweifel erhaben. Der Stil ist kraftvoll, lebensnah und niemals überladen. Dotan-Dreyfus bewegt sich immer in die Nähe seiner Leser.

Für Lesende, die Freude daran haben, in einen solchen durch den Autor initiierten Dialog zu treten, ist der Roman absolut empfehlenswert. „Gavdos“ ist eine phantastische und phantasievolle Lektüre für alle Literaturfans, die bei einem Text auch gerne hinter die Kulissen schauen.

  • Autor: Tomer Dotan-Dreyfus
  • Titel: Gavdos
  • Verlag: Verlag Voland & Quist
  • Erschienen: 03.September 2026
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 160 Seiten
  • ISBN: 978-3863914158

Wertung: 12/15 dpt

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