Simon Ammer – Alles, was der Fall ist (Buch)

Oberst Benedikt Kordesch ist seit rund einem Jahr mit Franziska Adrian liiert und möchte einen Urlaub am Neusiedler See nutzen, um Nägel mit Köpfen, sprich, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Doch das herrliche Sommerwetter trübt sich schnell ein, denn Franziska hat schon für den nächsten Tag ihre Tochter Amalia nebst Enkelin Lina eingeladen, um sich der Auszeit anzuschießen. Mit Amalia versteht sich Kordesch nur bedingt, weswegen er wenig begeistert ist. Viel Zeit zum Ärgern bleibt indes nicht, denn kurz nach ihrer Ankunft gibt es einen Riesenknall als im Bungalow nebenan ein Mann einschlägt, der im wahrsten Wortsinn vom Himmel fiel. Kordesch sieht sich den Unglücksort an und stellt zunächst fest, dass sich der Kopf und Teile der Extremitäten des Opfers nicht mehr am Körper befinden. Doch warum trug der Tote keinen Fallschirm, denn offenbar sprang er aus einem Flugzeug?

Bernhard „Bernie“ Havran, angehender Polizist und Neffe von Kordeschs Ex-Frau, soll ihm helfen, das Ereignis aufzuklären. Erste Spuren führen zu dem Unternehmen Higher, welches den gleichnamigen Energydrink – in Kordeschs Worten ein „Gummikotze-Getränk“ – herstellt und im nahegelegenen Naturschutzgebiet einen Flugplatz betreibt. Dort starten Flüge für Fallschirmspringer, deren Stunts wiederum Werbung für das Getränk machen sollen. Beim letzten Flug ging dabei offensichtlich alles schief. War es aber ein Unfall oder gar ein Mord? Und wer ist überhaupt der Tote?

„Wie soll ich die Identität der Leiche feststellen?“

„Na ja, DNA-Test. Und fertig. So machen sie es bei CSI Miami.“

„Tja, die haben’s gut.“

Es wird unübersichtlich, denn die Identität des Toten wirft Fragen auf. Laut einer SIM-Karte und Aussagen seiner Eltern handelt es sich um Tibor Zeöld, allerdings betritt wenig später ein Mann die Polizeiwache und gibt an, eben jener Tibor zu sein. Zwei beteiligte Fallschirmspringer werfen ebenfalls Fragen auf. Von ihnen fehlt zunächst jede Spur. Arbeiteten sie womöglich für den ungarischen Geheimdienst, der Kontakt zu Higher hat?

Während die Zeit für Franziska immer weniger wird, überschlagen sich förmlich die Ereignisse und so fällt erneut etwas vom Himmel, nämlich ein Flugzeug, deren Pilotin zwischenzeitlich zur Hauptverdächtigen mutierte. Aber warum konnten sich die Insassen mit Fallschirmen rechtzeitig retten, nur die Pilotin nicht? Kordesch und Harvan geraten unter Druck, denn plötzlich mischt sich die Politik ein.

Dritter Fall für Oberst Kordesch

Nach „Das Paradies war früher schöner“ und „Auf dem Gipfel ist Ruh’“ ermittelt Oberst Benedikt Kordesch in seinem dritten Fall aus der Feder von Simon Ammer, ein Pseudonym des österreichischen Schriftstellers Daniel Wisser. Wer die Reihe kennt, hat eine Vorahnung, wie es ablaufen wird. Kordesch, der etwas aus der Zeit gefallene Ermittler, hat eigentlich einen langweiligen Schreibtischjob in der Abteilung Kriminalprävention und Opferhilfe beim BKA Wien, aber gelegentlich arbeitet er als Sonderermittler für die Oberstaatsanwältin Wiltrud Krakauer in außergewöhnlichen Fällen, in denen es oft politisch zugeht, sprich, es soll mehr vertuscht als aufgeklärt werden. So im vorliegenden Fall, denn der milliardenschwere Higher-Chef hat ein gemeinsames Unternehmensprojekt mit dem Landeshauptmann, bei dem es um die Regelung der Wasserzufuhr in den Neusiedler See geht. Touristisch betrachtet ein bedeutsames Vorhaben, nicht zuletzt für die ungarische Seite, die ebenfalls vom Fremdenverkehr lebt.

„Woher weißt du das alles?“

„Ich lese.“

„Ach ja, lesen. Das ist irgendwie oldschool.“

Kordesch ist ein skurriler Typ, Anfang Fünfzig, geschieden und unter einem schweren Verkehrsunfall mit Todesfolge leidend. Er lebte bis letztes Jahr zurückgezogen in einer kleinen Wohnung, bevor er Franziska in „Auf dem Gipfel ist Ruh‘“ näherkam. Nun eine Hochzeit mit Hindernissen, wobei er mit seinen altmodischen Verhaltensweisen anderen gern vor den Kopf stößt. Daher sein Problem mit Amalia und auch Bernie Havran kommt gelegentlich an seine Grenzen. Die privaten Geschehnisse, schließlich will nicht zuletzt Enkelin Lina bespaßt werden, nehmen einen ordentlichen Teil des Buchumfangs in Beschlag. Dafür erfährt man „alles“ über Kordeschs Vergangenheit, was vor allem die Seiten füllt. Allerdings führt dies zu teils lustigen Dialogen und Szenen, in denen der Krimiplot gern ein wenig außen vorbei bleibt.

„Weiters werden wir heute noch der Presse mitteilen, dass durch den Flugzeugabsturz weder Flora noch Fauna geschädigt wurden.“

„Woher Sie auch immer diese Expertise haben …“

„Wir haben keine Zeit für Expertisen, Herr Oberst. Hier läuft die Tourismus-Saison.“

Zahlreiche Figuren und somit Verdächtige sorgen für reichlich Verwicklungen, wobei es zeitweise bemerkenswert ist, dass der Autor nicht den Überblick verliert. Wenngleich der Roman amüsant zu lesen ist, bedarf es erhöhter Konzentration. Ein Glossar sorgt für die Übersetzung „Wiener Ausdrücke“, allerdings versteht man das meiste problemlos, ohne ständig Vorblättern zu müssen. Bliebe abschließend die Frage, ob und wann eine Verfilmung ansteht? Lustig wäre es sicher.

Autor: Simon Ammer

Titel: Alles, was der Fall ist

Verlag: Droemer

Umfang: 304 Seiten

Einband: Taschenbuch

Erschienen: Mai 2026

ISBN:   978-3-426-56520-9

Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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