Erwachen im Abgrund

Nora Stern, Anfang vierzig, bekannte Schauspielerin, ist alkoholkrank. Eine harte Therapie brachte den Entzug, seit drei Jahren ist sie trocken. Nach einer Joggingrunde im Stadtpark erwacht Nora in einem verschlossenen Kellerraum. Offenbar wurde sie niedergeschlagen und entführt. Der Partyraum bietet neben einer plärrenden Dartscheibe vor allem ein üppiges Buffet, nur leider keine Getränke. Falsch, denn die gibt es schon und sogar reichlich, allerdings ausschließlich mit Alkohol.
Vier Tage später erwacht Nora auf einer Bank in jenem Stadtpark, aus dem sie zuvor entführt wurde. Mangels Alternativen und immer stärker werdendem Durst, griff Nora irgendwann zur nächstbesten Flasche. Nun ist sie stark angeschlagen, der Alkohol hat wieder die Kontrolle übernommen. Schnell muss sie wieder trocken werden, denn in gut zwei Wochen stehen Dreharbeiten an; mit Nora in der Hauptrolle. Außerdem möchte ihr Ex-Mann Felix das alleinige Sorgerecht für die beiden Kinder. Allein, die Sucht obsiegt. Nora geht zur nächsten Tankstelle, besorgt sich zwei Flaschen Weißwein und wird dabei von einem Fotografen erwischt.
Aber nun lag ich hier. Besoffen wie Til Schweiger, Wiebke Lorenz und Jenny Elvers in Personalunion und musste mich einigermaßen anstrengen, damit mir mein eigener Name wieder einfiel.
Die Fotos dürfen auf keinen Fall ins Netz oder an eine Zeitung gehen. Der Fotograf (Bert Kastner) rennt davon, Nora hinterher und wenig später kommt es zu einem schweren Unfall. Kastner landet auf der Intensivstation und teilt Nora kurz vor seinem Tod mit, dass er für die Bilder bezahlt wurde. Den Auftraggeber kann er nicht mehr nennen. Mit Hilfe von Renate, die ihr als Mentorin schon damals in der Suchtklinik zur Seite stand, will Nora wieder in ihr altes Leben zurück. Gezieltes „Raustrinken“ soll es ermöglichen. Derweil will sie außerdem mit Hilfe ihres alten Freundes David, einem Drehbuchautor für Krimis, herausfinden, wer ihr Leben zerstören will. Währenddessen lauert ihr größter Feind in unmittelbarer Nähe in einer Flasche.
Krimi und Weckruf in einem bedrückend-unterhaltsamen Roman
„Voll im falschen Film“ ist ein harter Roman über die Volksdroge Nummer Eins, die deshalb so gefährlich ist, da sie als einzige gesellschaftlich nahezu vorbehaltslos respektiert wird. Dabei sind nicht die Schnapsleichen auf den Bahnhofsvorplätzen das eigentliche Problem, sie sind vielmehr die traurige Endstation einer langen Suchtkarriere. Die aus eigener Erfahrung schreibende Autorin gibt einen schonungslosen Einblick in die Stufen der Abhängigkeit und wie der Alkohol immer wieder seine Macht demonstriert. Dabei wirkt der Schreibstil stellenweise belehrend, aber vermutlich kann man in diesem Kontext nur so Überzeugungsarbeit leisten; im Kampf gegen das wohlverdiente Feierabendbier und die darauf Folgenden.
Außerdem musste ich unbedingt herausfinden, wer mich absichtlich in den Suff getrieben hatte. Und warum. Während ich die zweite Flasche Weißwein entkorkte, ging ich meine Optionen durch. Zuerst einmal musste ich mich darum kümmern, wieder nüchtern zu werden, alles andere kam dann später dran.
Die Rückfälle von Nora sind eindringlich beschrieben. Es ist eine Tragödie mit unklarem Ausgang, die gleichwohl unterhaltsam geschrieben ist. Die krassen Gegensätze, alkoholbedingte Schockmomente treffen auf grandiose Komik, machen den Roman zu einem außergewöhnlichen Erlebnis. Stets nachdenklich stimmend, ist die Handlung gleichwohl spannend, denn man will natürlich schon wissen, was es mit der Entführung auf sich hat. Mehrere Figuren glauben Nora nicht, dass sie entführt wurde, sondern unterstellen, diese erfunden zu haben. Man braucht ja schließlich eine Ausrede für den Rückfall. Neben dem ernsten Hintergrund, ist „Voll im falschen Film“ ein Krimi, dessen Aufklärung ebenso wahnsinnig erscheint wie Noras Alkoholsucht.
Für ein paar Tage rein in die Klinik zum sogenannten „Trockenschleudern“, dann ein oder zwei Wochen Abstinenz, Absturz, zurück ins Krankenhaus – und dann das Ganze wieder von vorn. Drehtürpatienten hießen solche Leute hinter vorgehaltener Hand.
Wer ist Täter, wer Opfer? Eine Frage, die sich doppelt stellt und nicht immer klar zu beantworten ist. Immerhin gibt es ein gutes, sprich nüchternes Ende für die Protagonistin und Ich-Erzählerin. Offen bleibt zwangsläufig die Frage, wie lange ihr Glück dieses Mal anhalten wird.
- Autorin: Wiebke Lorenz
- Titel: Voll im falschen Film
- Verlag: Pendragon
- Umfang: 360 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: September 2026
- ISBN: 978-3-86532-968-4
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Wertung: 12/15 dpt







