Stephen und Owen King – Sleeping Beauties (Buch)

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Stephen und Owen King - Sleeping Beauties (Cover © Heyne)«Laut den Blackfleet-Indianern bringen braune Motten Schlaf und Träume.»

Die braunen Motten schwirren durch die Stadt, sie sind überall. Manchmal nur einzeln, manchmal in ganzen Schwärmen. Der Schlaf, den sie bringen, ist allerdings nicht von kurzer Dauer – vielmehr wachen Frauen auf der ganzen Welt nicht mehr auf, sobald sie einschlafen und werden in eine Art Kokon eingesponnen. Wer versucht, den Kokon zu zerstören, würde es bereuen, wenn er noch könnte. Denn dieses Vorhaben endet tödlich. Dreh- und Angelpunkt der seltsamen Vorkommnisse ist die kleine ostamerikanische Stadt Dooling in West Virginia. Hier wird das Schicksal der gesamten Menschheit bestimmt.

Während die Frauen schlafen – und durch ihre Hülle offenbar versorgt werden – müssen die Männer plötzlich in einer Welt ohne weibliche Einflüsse leben. Während die einen alles tun, um ihre Ehefrauen, Töchter, Mütter wieder an ihrer Seite zu haben, schwellen bei anderen Aggressionen und blinde Wut an. Falschmeldungen und Gerüchte verbreiten sich wie Lauffeuer.

Zwischen all dem Chaos steht eine mysteriöse Frau, Evie Black, die aus irgendeinem Grund wieder aufwacht. Wer oder was ist sie und was hat sie mit dem unheimlichen Geschehen zu tun?

Der Meister des Horrors ist wieder da und hat dieses Mal seinen jüngsten Sohn mitgebracht, um sich gemeinsam mit ihm dem hochaktuellen Thema des Geschlechterkampfes zu widmen. King-typisch erwartet die Leser auch mit diesem Buch ein ziemlich dicker Wälzer; über 950 Seiten nimmt die Geschichte in der deutschen Übersetzung ein. Ebenfalls typisch: eine ungeheure Fülle an Charakteren, Details und Nebenhandlungen. Dass hier ein echter King vor uns liegt, steht schnell fest. Aber reicht er an seine zahlreichen Vorgänger heran?

Wir befinden uns also im Örtchen Dooling. Hier lernen wir ganz unterschiedliche Charaktere kennen, zum Beispiel die Polizeichefin Lila und ihren Mann Clinton Norcross, Psychologe in einem Frauengefängnis. Clint setzt alles daran, das Gefängnis und seine Insassinnen zu schützen – insbesondere diese besondere Frau, die irgendwie für die Vorkommnisse verantwortlich zu sein scheint. Lila ist währenddessen auf den Straßen unterwegs, versucht weiterhin für Recht und Ordnung zu sorgen, ohne dabei einzuschlafen. Ein weiterer Charakter ist Frank Geary, der städtische Tierfänger. Sein cholerisches Wesen macht ihn nicht gerade zu einem Sympathen, zugleich sind seine Sorgen und Ängste, ein Stück weit auch seine Taten, durchaus verständlich und nachvollziehbar. Auch die Gefängnisinsassinnen werden uns nähergebracht. Wir erfahren, wer sie in ihrem früheren Leben waren, wie sie mit ihrem Dasein im Gefängnis zurechtkommen und mit dem als „Aurora-Grippe“ bezeichneten Schlafphänomen umgehen. Daneben begegnen uns immer wieder Männer, die Frauen als minderwertig betrachten, sie schlecht behandeln und ihre ganz eigene Sicht auf die Situation haben, sowie Männer, die ohne die Frau an ihrer Seite kaum lebensfähig sind.

Trotz der Masse an Charakteren verliert man nie den Überblick, weiß immer, um wen es gerade geht und welches Schicksal mit demjenigen verknüpft ist. Zwar fällt es dementsprechend schwer, eine wirklich tiefe Beziehung zu einzelnen Figuren aufzubauen, dennoch fiebert man mit ihnen mit und möchte wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Es scheint, als wurde hier versucht, möglichst viele verschiedene Arten von Menschen einzubringen, um das Ausmaß und den Umgang der unterschiedlichen Charaktere mit dem Ausnahmezustand umfassend widerzuspiegeln. An so manchen Stereotypen und Klischees fehlt es dabei leider nicht. Was hingegen eindeutig fehlt ist ein Hauptprotagonist – jede im Fokus der verschiedenen Abschnitte stehende Figur ist gleichwertig. Frauen und Männer aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten gewähren uns Einblick in ihre jeweiligen Leben, Probleme und ihren Umgang mit der Katastrophe.

Neben der Gender-Thematik, die hier wenig subtil behandelt, sondern vielmehr mit dem Holzhammer eingeprügelt wird, ziehen sich weitere, sehr aktuelle Themen durch das Buch: Gesellschaftskritik, Kritik an der amerikanischen Politik und das große Problem der Fake News. Falschmeldungen zu „Aurora“ verbreiten sich in Windeseile und werden ohne zu überlegen für bare Münze genommen. Wütende Mobs ziehen durch die Straßen auf der Suche nach Kokon-Frauen, die sie verbrennen können – denn sie glauben, nur so ließe sich der Wahnsinn aufhalten. Selbst nachdem die Falschmeldungen als solche enttarnt und richtiggestellt wurden, hört das Morden nicht auf. Die Menschen glauben, was sie glauben wollen und letztlich siegt das Chaos über die Vernunft.

Währenddessen befinden sich die Frauen in einer Parallelwelt, in der sie ganz ohne Männer zusammenleben. Die Gegensätze zwischen den männerlosen Frauen und den frauenlosen Männern sind überzeugend und glaubhaft dargestellt. Es ist wirklich interessant, welches Bild die Kings hier zeichnen. Wer ist am Ende auf wen mehr angewiesen?

Die gesamte Thematik einer Welt ohne Frauen ist zweifellos spannend und interessant. Und doch will der Funke nicht richtig überspringen. Insbesondere der erste Teil der Geschichte zieht sich streckenweise und hätte einige Seiten weniger sehr gut vertragen. Die Autoren zelebrieren die unzähligen Details und die oftmals für den weiteren Verlauf unwichtigen Nebenhandlungen ein wenig zu sehr. Insgesamt ist es nicht mit einer solchen Selbstverständlichkeit möglich, Zugang zur Story zu finden, wie man es von King gewohnt ist. Man möchte weiterlesen, möchte wissen, wohin die Handlung führt und was sie noch in petto hat, gleichzeitig ist es aber auch ein kleiner Kampf, sich durch die vielen, vielen Seiten zu pflügen. King hat uns durchaus Bücher ähnlichen Ausmaßes geschenkt, die sich fast wie von selbst lesen. Allerdings bewegte sich der Spannungsbogen in diesen Fällen auf einem anderen Niveau.

Einige sprachliche Schnitzer in der deutschen Übersetzung trüben den Lesespaß zusätzlich ein wenig. Davon abgesehen ist aber auch dieses Werk in üblicher King-Manier geschrieben: flüssig, bildhaft, detailreich, fantasievoll.

Fazit: „Sleeping Beauties“ ist kein schlechtes Buch – im Gegenteil, die Geschichte ist spannend, vielfältig und zeigt innovative Ansätze. Aber Vater und Sohn King verlieren sich streckenweise zu sehr in ihrer Handlung. Manche Passagen sind etwas zäh, andere zu detailverliebt, wieder andere wirken zu aufgesetzt. Zudem wurde hier vielleicht ein wenig zu vielen Themen Raum gegeben. Trotzdem fesselt der Plot auf seine Weise, wenn auch nicht so sehr, wie man es von Stephen King erwartet. Obwohl es schwerfällt, sich vollständig auf die Charaktere einzulassen, ist es schon erstaunlich, dass man bei der immensen Fülle an Figuren problemlos den Überblick behält. Die Autoren haben hier also definitiv etwas richtig gemacht. Weniger Klischees hätten an der Stelle aber auch ganz gut getan. Insgesamt zieht jedes Argument – positiv wie negativ – ein kleineres oder größeres „Aber“ nach sich. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Buch irgendwie nicht richtig greifbar, weder Fisch noch Fleisch, aber letztendlich trotzdem recht gut genießbar ist.

Cover © Heyne

  • Autor: Stephen und Owen King
  • Titel: Sleeping Beauties
  • Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 11/2017
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 960
  • ISBN: 978-3-453-27144-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 9/15 Sandmännchen

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Über den Autor

Jasmina Driller

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Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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