Mit „Don’t let the forest in“ von CG Drews hat Fischer-Sauerländer letztes Jahr ein Genre auf den deutschen Buchmarkt gebracht, das im englischen Sprachraum schon recht bekannt ist: Young-Adult-Horror, also Horror für Jugendliche ab 16 Jahren. Nachdem sich dieser erste Titel großer Beliebtheit erfreute, folgte dieses Jahr der zweite aus der Feder von CG Drews: „Hazelthorn“.
Copyright Fischer-Sauerländer Verlag
Evander lebt komplett isoliert von allem in Hazelthorn Manor, das seinem Vormund Byron gehört. Vor vier Jahren, nachdem die Eltern der beiden bei einem Autounfall starben, hat Laurie, der Enkel seines Vormunds und vorher Evanders bester Freund, versucht ihn umzubringen. An den Grund und sein Leben davor hat Evander kaum Erinnerungen. Seitdem besteht sein Leben aus drei Regeln: 1. Verlasse niemals das Anwesen (besser noch nicht einmal das Zimmer). 2. Betritt niemals den Garten. 3. Sei niemals wieder allein mit Laurie. Diese Regeln sollen Evanders fragile Gesundheit schützen, die „Anfälle“ unter denen er leidet vermindern und vermeiden, dass er sich erneut schmerzhaften Operationen unterziehen muss. Als Byron unter mysteriösen Umständen stirbt und Evander das gesamte Vermögen erbt, ist er davon überzeugt, dass Byron ermordet wurde und sieht sich gezwungen, alle diese Regeln zu brechen. Was ihm besonders bei der letzten Regel, in der es um den charmanten Laurie geht, nicht sonderlich schwer fällt, auch wenn er sich immer wieder daran erinnert, dass er ihm (und auch sonst niemandem im Haus) vertrauen darf. Noch nicht einmal dem völlig verwilderten Garten, der das Anwesen umgibt und seltsam hungrig zu sein scheint ….
„Man legt sich nicht mit Hazelthorns Garten an. Die Gefahr, sich zu verirren und gebissen zu werden, ist viel zu groß.“
Soweit so abgedreht und typisch CG Drews.
Wer Sorge hat, dass sich „Don’t let the forest in“ und „Hazelthorn“ zu sehr ähneln, da die Motive sich wiederholen (zwei Jungen, die mal beste Freunde waren; einer davon kränklich und schwach, der Andere charmant, frech und unverstanden; eine Natur die sich zu nehmen scheint was sie will), kann jedoch beruhigt sein: Durch die verschiedenen Settings, Motivationen und Charaktere der Jungen unterscheiden sich die Bücher entsprechend voneinander.
CG Drews versteht es meisterhaft, den Lesenden eine Realität vorzugaukeln, an der man zwar seine Zweifel hat, die einen verstört und immer wieder entgleitet, wenn man meint sie zu greifen. Die einen am Ende zwar aufgeklärt hat, aber sprachlos zurücklässt. Evander geht es mit der Realität nicht anders, und wir begleiten ihn nicht nur bei der Detektivarbeit zur Aufklärung des mysteriösen Tods seines Vormunds, sondern auch dabei, wie er Stück für Stück die Fragmente seiner eigenen Welt zusammensetzt und somit letztendlich durchschaut, was wirklich ist und was ihm sein Umfeld nur vorgegaukelt hat. Ist er wirklich krank? Was passiert wenn er seine „Anfälle“ hat? Warum wollte Laurie ihn umbringen? Warum ist er jetzt so nett zu ihm? Woran ist Byron gestorben? Wo ist der Butler? Warum hat Evander alles geerbt? Was ist mit dem Garten los? Fragen über Fragen, die sich auch den Lesenden stellen, die immer nur teilweise beantwortet werden (oder auch nicht) und erst ganz am Ende zu einer Antwort führen, die dann wiederum alles ins Wanken bringt.
Klingt nach einem Fiebertraum, ist es auch. Dazu passend sind die erwachsenen Charaktere alle massiv überzeichnet. Dadurch wirken sie zwar leicht albern, aber irgendwie auch surreal und in ihrer Klischeehaftigkeit trotzdem unberechenbar – wenn das Sinn ergibt, dann wohl nur bei CG Drews und ggf. noch bei Roald Dahl.
Mehr als nur ein Fiebertraum sind die Horror-Anteile, die neben dem Mystery-Aspekt einen großen Stellenwert einnehmen, und bezüglich derer man dringend die Content Notes zu Beginn des Buches beachten sollte. Abgesehen vom bereits erwähnten botanical Horror geht es auch um explizite Schilderungen massiver Gewalt gegen Kinder, den Tod durchs lebendig begraben werden, Selbstverletzung und damit (zumindest scheinbar) einhergehende Traumafolgestörungen wie dissoziative Zustände und Amnesien.
„Schmerz ist dazu da, ihn rauszulassen, sonst wüssten wir gar nicht, wie man schreit. Wie beschissen ist es bitte, seinen Schmerz zu unterdrücken, nur um andere nicht zu verstören? Vielleicht sollte man sie sogar verstören.“
Diese Themen sind CG Drews in ihren Büchern ein besonderes Anliegen, they bemüht sich aber auch allgemein um Diversität und Präsentation. So wirkt Evander beispielsweise als befände er sich auf dem Autismusspektrum (CG Drews benennt dies auch selbst so) und ist bisexuell, und Laurie hat eine körperliche Behinderung und weitere Einschränkungen. Ob diese jedoch gut dargestellt oder im Rahmen des Genres und CG Drews typischem Stil eher überzeichnet und pauschalisierend sind, ließe sich mit Sicherheit diskutieren.
Weiterhin hervorzuheben ist CG Drews metaphorischer, blumiger und fast schon lyrischer Schreibstil. Damit schafft sie es auch in „Hazelthorn“ wieder, blutigste Horror-Szenarien und krankhafte Obsession als etwas makaberes und trotzdem bizarr-schönes dastehen zu lassen. Durch Sätze, die körperlich fühlbar sind, gewährt sie uns einen Einblick in die kaputten Seelen ihrer Protagonisten, die man eigentlich nur in den Arm nehmen möchte und gleichzeitig Angst hat, von ihnen gebissen zu werden.
„Hazelthorn ist eine Geschichte über Monster, doch das einzige Monster, das Evander im Spiegel entgegenblickt, ist Selbsthass, und vielleicht lernt er diese Wahrheit eines Tages zu akzeptieren.“
„Hazelthorn“ war ein YA-Horror-Buch, das mir wirklich gut gefallen hat und das sicherlich auch wieder viele Fans finden wird – wenn man die Content Notes und die Altersempfehlung ab sechzehn Jahren berücksichtigt. Ich bin gespannt, welche Bücher von CG Drews noch den deutschen Buchmarkt erreichen werden.
1991 geboren und in der schönen Eifel aufgewachsen, infizierten meine literaturbegeisterten Eltern mich schon früh mit dem guten Stoff von Lindgren, Preußler, Grimm, Andersen und Co.
Sobald ich dann selbst erste Buchstaben entziffern konnte, war kein Schriftstück mehr vor mir sicher und es gab mich eigentlich nur noch mit der Nase in irgendeinem Buch. Auch wenn diese Liebe zwischendurch abflaute, hat sie mich nach Abschluss meines Studiums der Erziehungswissenschaft wieder voll gepackt und ich habe das Lesen als mein größtes Hobby wiederentdeckt. Genremäßig bin ich vielfältig interessiert - in meinem Regal findet sich Fantasy, Klassiker, Kinder- und Jugendbücher, historische Romane, Romanbiografien, genauso wie Lyrik und Sachbücher zu ausgewählten Themen.
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