Der Star ist die Landschaft

Gejagt im Eis
© Benevento

Martin Moltzau ist ein bekannter Entdecker, der allerdings seine frühere Passion aufgegeben hat und nun als Tourguide in Longyearbyen auf Spitzbergen sein Geld verdient. Es ist Mai, trotz Mitternachtssonne liegen die Temperaturen unter zwanzig Grad. Eine letzte Tour mit einer amerikanischen Familie steht an. Der Milliardär James Parker, dessen Frau Sarah und Tochter Cindy wollen die Landschaft erkunden und vor allem die verlassene russische Bergarbeitersiedlung Pyramiden besichtigen. Doch die Tour scheint unter einem schlechten Licht zu stehen, denn gleich zu Beginn fährt James mit seinem Schneemobil Martin an und verletzt diesen am Bein. Dennoch geht es los und schon bald drohen ernste Gefahren. Zunächst in Form eines Eisbären, gefolgt von einer Gletscherspalte und dann – aller schlechten Dinge sind drei – verschwindet Cindy.  

Martin gelingt es zwar, Cindy unverletzt wiederzufinden, doch damit geht der Ärger richtig los, da sich plötzlich eine Gruppe russischer Elitesoldaten in ihrer Arbeit gestört fühlt. Es beginnt eine gnadenlose Jagd.

Actionreiches „Roadmovie“, jedoch mit Schneemobilen im weiten Eis

„Gejagt im Eis“ ist einer jener Thriller, die einem Rezensenten das Leben schwermachen, da man kaum etwas über den Inhalt sagen kann, ohne zu viel der Handlung vorwegzunehmen. Da allerdings auf dem Buchrücken der Einsatz eines bewaffneten russischen Spezialtrupps erwähnt wird, darf dieser auch hier genannt werden. Es geht – Minispoiler – um den politischen Machtkampf auf Spitzbergen, dessen geopolitische Bedeutung fast so schwer wiegt wie dessen Bodenschätze. Man denke zudem an die Krim.

Zunächst stellt Odd Harald Hauge seinen sympathischen Protagonisten sowie die Landschaft, die der eigentlich Star des Romans darstellt, ausführlich vor. Auch die Familie Parker wird gut eingeführt, wobei sich hier schnell erste Risse abzeichnen, denn Tochter Cindy zeigt sich mitunter recht eigenwillig und widerborstig. Man muss allerdings kein Experte sein, um zu erahnen, dass die Familie ein Geheimnis bürgt, denn warum sonst sollten sich plötzlich die Russen für sie interessieren? Leider misslingt die Figurenzeichnung ein wenig, denn diese bleiben – von Martin abgesehen – recht blass. Hier die bösen Russen, da der gute Rest. Dabei sind die Russen nicht nur stereotypisch die Bösen, sondern auch die Dummen, denn dass es eine russische Eliteeinheit nicht hinbekommt, Martin an der Rückkehr nach Longyearbyen zu hindern, während dieser sich nach einem Sturz ins Meer und ohne Stiefel kilometerweit durch den tiefen Schnee retten kann, erstaunt schon sehr. Was übrigens nicht heißen soll, dass nur Martin überlebt.

Wir suchen uns jetzt einen geeigneten Ort an Land und schlagen ein klein wenig oberhalb des Meeres unser Nachtlager auf.“ „Das hier ist Eisbärenland, haben Sie gesagt?“ „Ja, hier regiert der Eisbär. Wir sind hier nur Gäste. Und mögliche Beute.“

Ein großer Teil der Handlung ist, dem Buchtitel entsprechend, von der Verfolgungsjagd der Russen auf Martin und Familie Parker geprägt. Hier kommt die beeindruckende Landschaft mit ihren zahlreichen Gletschern und Fjorden stark zum Tragen. Odd Harald Hauge, der selber Schneemobiltouren auf Spitzbergen anbietet, ist jetzt in seinem Element und führt die Gegend sehr plastisch vor Augen. Das macht Spaß zu lesen, während die Action zusätzlich vorantreibt. Allerdings kann die ausgiebige Actionsequenz nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Plot insgesamt recht dünn ist. Der Handlungsaufbau hat kleine Längen, danach kommt besagte Verfolgungsjagd und am Ende eine Auflösung, über die man diskutieren kann; wenngleich sie plausibel erscheint. Wer sich speziell für Spitzbergen oder für Krimis an ungewöhnlichen Handlungsorten interessiert, der wird hier informativ und kurzweilig unterhalten.

Abschließend sei noch erwähnt, dass im Oktober 2021 nahezu zeitgleich zu dem vorliegenden Werk noch zwei weitere Krimis erschienen sind, die das vorliegende Setting bedienen. „Mordlichter“ von Mardita Winter spielt am nordschwedischen Polarkreis und „78° Tödliche Breite“ von Hanne H. Kvandal (schrieb unter dem Pseudonym Hannah O’Brien die Grace-O’Malley-Krimis und heißt im echten Leben Hannelore Hippe) spielt sogar ebenfalls auf Spitzbergen.

  • Autor: Odd Harald Hauge
  • Titel: Gejagt im Eis
  • Originaltitel: Storebjorn. Aus dem Norwegiscgen von Nina Hoyer
  • Verlag: Benvento
  • Umfang: 343 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Oktober 2021
  • ISBN: 978-3-7109-0112-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 10/15 dpt


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