Mörderjagd im tief verschneiten Lappland

Mordlichter
© Rütten & Loening

Anelie Andersson zog vor drei Jahren aus Liebe zu ihrem Mann Daniel nach Jokkmokk am nordschwedischen Polarkreis. Hier leitet Anelie, zuvor Chefin der Stockholmer Mordkommission, nun die einzige Polizeistation im Umkreis von Hundertzwanzig Kilometern. Sie ist eindeutig für diesen Job überqualifiziert, denn in dem rund dreitausend Einwohnern zählenden Ort geschieht selten etwas, dass ihren Einsatz erfordert. Meist sind es Verkehrsunfälle im Winter, wenn Elche und Rentiere in der Dunkelheit überfahren werden. Im Polizeipräsidium von Lulea überlegt man bereits, die Station mangels Arbeit und aus Kostengründen aufzugeben.

An einem Montagmorgen im Januar meldet Tyra Berg ihren siebzehnjährigen Sohn Stellan vermisst, der nach einer Wochenendtour mit Freunden nicht zurückkam. Wenig später herrscht traurige Gewissheit, dass Stellan tot ist, er wurde von einem Holzlaster überfahren. Doch warum war er in Rentierfälle eingewickelt und woher stammen die schweren Verletzungen an Händen und Füßen? Anelie ahnt, dass Stellan schreckliches widerfahren sein muss und er vor dem tragischen Unfall irgendwo gefangen gehalten wurde. Während ihre Chefin Ylva in Lulea darauf drängt, die Ermittlungen einzustellen, schließlich beginnt demnächst die Touristensaison, gräbt Anelie tiefer und entdeckt, dass in den vergangenen zehn Jahren insgesamt neun Männer im Alter von zwanzig bis fünfunddreißig Jahren in Schwedisch Lappland spurlos verschwanden.

Die Sami glauben, dass die Nordlichter die Geister ihrer Toten sind. Ich habe keinen Zweifel daran. Ob dort auch die Seelen der Mordopfer ihren Frieden gefunden haben, oder hat ein Mörder daraus Mordlichter gemacht?

Anelie erhält für wenige Tage Unterstützung von Siggi, einem Kollegen aus Lulea, während ihr eigentlicher Partner Arne nach einer Herzattacke im Krankenhaus liegt. Da passt es gut, dass Daniels jüngere Schwester Liv sich entschieden hat, wieder in Jokkmokk leben zu wollen, da sie ein begnadeter Computernerd ist und in den Zentralcomputer von Lulea einsteigen kann. Die Zeit drängt, denn bald verschwinden zwei weitere Menschen.

Der Krimiplot ist ordentlich, die Landschaft aber der unumstrittene Star

Madita Winter, eine deutsche Journalistin und Autorin, lebt in der Nähe von Jokkmokk, wo sie aus Liebe zu ihrem Mann vor einigen Jahren hinzog. Gemeinsam schrieb man an langen Winterabenden den vorliegenden Debütroman als Autorenduo, wobei man einfach die eigenen Erlebnisse auf Anelie und Daniel übertrug; ergänzt durch einen durchaus ansprechenden Kriminalfall. Der Winter in Schwedisch Lappland, das einst ausschließlich der Bevölkerungsgruppe der Samen gehörte, ist ebenso hart, wie die weiße Landschaft schön ist. Die bildgewaltige Kulisse von unvorstellbaren Schneemengen, plötzlich auftauchenden Elchen oder Rentieren sowie zahlreichen Schneemobilen, ohne die eine Fortbewegung oft nicht möglich ist, tragen die Handlung und heben den Roman wohltuend aus der Masse der Neuerscheinungen hervor. Nur vier bis fünf Stunden ist es tagsüber hell, die Temperaturen liegen meist bei dreißig Grad minus. Hinzu kommen kauzige Ureinwohner, die zwar hilfsbereit sind, jedoch flammen auch immer wieder die Konflikte zwischen den samischen Ureinwohnern und den neu Hinzugezogenen auf.

Der Schreibstil ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, da überwiegend Anelie als Ich-Erzählerin das Geschehen beschreibt, zwischendurch jedoch immer mal wieder in die dritte Person gewechselt wird. Im weiteren Verlauf zeigt sich, warum diese Erzählweise gewählt wurde. Der Krimiplot ist ein Pageturner, der dank mehrerer in Frage kommender Täter durchweg große Spannung aufweist, wenngleich zu Beginn die Ermittler lange im Dunkeln tappen. Neben Krimi und Landschaft erfährt man viel über die Samen sowie die für uns teils ungewöhnliche Rechtsprechung in Schweden. So dürfen die weitläufigen Landschaften durch das sogenannte Jedermannsrecht von allen begangen oder befahren werden, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen. Wer einen anspruchsvollen Krimi in außergewöhnlicher Landschaft lesen möchte, ist hier genau richtig. Eine Fortsetzung ist bereits in Arbeit. Gute Nachricht!

  • Autor: Madita Winter
  • Titel: Mordlichter
  • Verlag: Rütten & Loening
  • Umfang: 378 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Oktobeer 2021
  • ISBN: 978-3-352-00967-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite  


Wertung: 13/15 dpt


1 Kommentar
  1. Super toller Kriminalroman, der es Wert ist verfilmt zu werden. Die Autoren haben die tolle Landschaft voll auf den Punkt gebracht. Spannend geschriebener Roman. Mit großer Lust warte ich auf den zweiten Teil dieser Reihe. Man spürt förmlich das Madita und Stefan Winter wissen von was sie schreiben. Einfach nur super. Danke dafür.

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