Bennett Zugzwang - @ Berliner Taschenbuch Verlag

St. Petersburg vor dem Ersten Weltkrieg

1914. Seit dem 3. März steht der Psychoanalytiker Otto Spethmann vor einer großen Herausforderung. Er soll auf Wunsch seines Freundes Kopelzon den genialen Schachspieler Rozental behandeln, damit dieser fit für das große Turnier wird, welches am 21. April beginnen soll und dessen Sieger ein Empfang beim Zar winkt. Neben Weltmeister Emanuel Lasker gilt Rozental als Favorit, doch wie soll er dem Egozentriker helfen, wenn dieser sich einer Behandlung verweigert?

Als einige Tage später der Zeitungsherausgeber Gulkov auf offener Straße ermordet wird, vermutet man einen weiteren Anschlag auf jüdische Personen. Der Großindustrielle Sinnurow, genannt „der Berg“, ist bekannt dafür, dass er die Schergen der „Schwarzen Hundert“ finanziell unterstützt. Spethmann erhält Besuch von Polizeiinspektor Lytschew, der ihn nach einem Mann namens Jastrebov befragt, der kürzlich ebenfalls ermordet wurde. Spethmann sagt der Name nichts, doch werden er und seine Tochter Catherine wenig später verhaftet. War Jastrebov ein aufstrebender Dichter oder ein angehender Terrorist, der einen Anschlag auf den Zaren verüben sollte? Und war Catherine tatsächlich dessen Geliebte?

Spethmann lernt Anna, die Tochter Sinnurows, kennen und gerät dadurch in immer größere Turbulenzen. So bekommt er Besuch von Gulkos Mördern und auch sein Patient Petrov, der Stellvertreter Lenins in Russland, spielt sein eigenes Spiel. Bald geraten Spethmann, Catherine und Anna in ein gewaltiges Intrigenspiel und müssen um ihr Leben fürchten. Derweil beginnt das große Schachturnier…

„Er war ein Revolutionär, ein Terrorist, ein äußerst gefährlicher Bursche.“

„In den Augen der Polizei ist jeder Arbeiter in Russland ein Terrorist und jeder Jude ein Revolutionär.“

„Zugzwang“ von Ronan Bennett erschien bereits 2008 und spielt vor dem Hintergrund des sehr bekannten und wichtigen Schachturniers in St. Petersburg von 1914. Namhafte Schachspieler wie Lasker, Capablanca und Aljechin nahmen daran teil, allein der fiktive Rozental selbstredend nicht. Das Turnier dient als Aufhänger, erhält selbst jedoch kaum Raum in dem Roman. Als Appetitanreger kann der geneigte Schachspieler allerdings am Finale einer Partie zwischen Spethmann und Kopelzon teilnehmen, in der – mit zahlreichen Diagrammen verdeutlicht – letztlich das titelgebende Thema des Zugzwangs die Entscheidung herbeiführt. Tatsächlich handelt es sich um eine Partie zwischen den Großmeistern Daniel King und Andrei Sokolow aus dem Jahr 2000. Soweit das Wichtigste zu diesem Roman, sofern es einem vorrangig um Schach geht. Ein weiterer Zugzwang ergibt sich in der Realität.

„Die Russen gestehen uns kaum zu, Menschen zu sein, und dem Rest der Welt sind wir völlig gleichgültig. Wir werden verachtet, Otto, im doppelten Sinne – zum einen als Polen, zum anderen als Juden. Kannst du dir das vorstellen? Wie Rozental gegen Russen, Amerikaner, Deutsche, Kubaner und Engländer gewinnt? Wusstest du, dass der Sieger zu einer persönlichen Unterredung mit dem Zaren in Peterhof eingeladen wird? Zu einer persönlichen Unterredung, bei der man ihm einen Titel verleiht, der eigens für den Gewinner dieses Turniers bestimmt ist: Schachgroßmeister. Was können die dann noch über uns sagen? Ein polnischer Jude, der in Peterhof dem Zar und der Zarin vorgestellt wird!“

Vielmehr als Schachspielern dürfte allen Freunden von Spionageromanen das Buch zusagen. Denn wie der Ich-Erzähler Spethmann hier in den Sog eines groß angelegten Komplotts gegen den Zaren hineingezogen wird ist schon lesenswert. Zumal nicht nur Spethmann mehrfach den Überblick über die handelnden Figuren verliert. Alle, wirklich alle, sind nicht jene, für die man sie zunächst halten kann. Alle Figuren haben eine Doppelrolle oder ein Geheimnis, was zu weiteren Irritationen und Verwicklungen führt. Hinzu kommt, dass Spethmann in Folge seiner Berufsausübung mitunter seltsame Gespräche führen muss, denn nicht immer wollen sich ihm seine Patienten vollumfänglich öffnen. Im Gegenteil tragen ihre teils diffusen Äußerungen zur weiteren Verwirrung bei.

Der Plot spielt vor dem Hintergrund des aufkommenden Ersten Weltkrieges. Lenin ist noch nicht in Russland und das Land innerlich zerrissen. Die Zeit des Zaren scheint sich dem Ende zu neigen; die Bolschewiken rüsten zum Kampf und die Ochrana, die russische Geheimpolizei, sowieso.

Buchcover © Berliner Taschenbuch Verlag

  • Autor: Ronan Bennett
  • Titel: Zugzwang
  • Originaltitel: Zugzwang
  • Übersetzer: Stefanie Röder
  • Verlag: BvT
  • Umfang: 316 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Oktober 2008
  • ISBN: 978-3-8333-0565-8

Wertung: 11/15 dpt


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