Verliebt in eine Stimme

Text und Ton (unten): Sarah Teicher

Du machst mich Liebe!
Dachte er und stöhnte.
Als ihre Stimme es schon wieder tat.
Was war das bloß?
Was nur, fragte er sich. Schon wieder
Als sie die Härchen kitzelte.
Irgendwo dort in der Muschel seines Ohrs.
Nur d i e s e Muschel war betroffen
und zwar dort, wo er den Hörer hielt.
Das andre Ohr blieb unberührt
wurde weder rot
noch kribbelte
noch pflanzten sich von dort die Äste fort
fort also nur durch das andere Ohr
den Nacken hinab,
das Rückgrat entlang und dann wieder hinein, ganz tief
in den Magen.
Nein, durch dieses Ohr nicht.
Nur durch das andere.
Kein Glühen, kein Kribbeln.
Das nur dort, wo er den Hörer hielt.

So anders war sie, ihre Stimme,
das Timbre ging ihm durch und durch.
Wenn er es benennen sollt,
puh, das fiele ihm schwer.
Dann würde er so was sagen wie
dunkel, ruhig, bedeckt
ab und zu perlte ein Vögelchen darin,
wenn sie ein bisschen lachte.
Dann perlte da ein Vögelchen,
ja, anders konnte er es schlicht nicht sagen.
Dachte er und fand es dennoch ungenügend.
Nichtig. Denn das war sie nun ganz und gar nicht.
Ihre Stimme.

Sie sagte ihm so viel.
Zum Beispiel neulich, als sie durstig war.
Dann kam sie ins Klicken, die Stimme
und er ahnte noch mehr als sonst, wann sie die Zunge hob.
Er hörte noch mehr als sonst, wie sie Worte formte, hörte den Speichel,
obwohl er grad fehlte.
Verrückt.
Oder das Schmatzen gestern Nachmittag.
Das war schon kurz vor Feierabend,
unwillkürlich knallte es in der Leitung, das Geräusch.
Unkontrolliert entfuhr es ihr, ein Ploppen im Schall.
Das auf einmal ein Bild entstehen ließ: SO sahen ihre Lippen aus.
Jetzt hatte er ein Bild. Schmatzen, Knallen, Gurren und Lachen:
Sie alle gaben seiner Phantasie eine Topographie. Und er schwitzte…
Hielt er doch jetzt wieder den Hörer am Ohr.
Es war so weit, sein Ziel war nah: Heute lud er sie ein.
Ein Bier, ein Wein, völlig gleich. Nur sehen wollte er sie.
Denn er hasste die Worte, ihnen auferzwungen durch Routine.
Heute war es soweit!
In wenigen Stunden, das wusste er, säße er dem Mund gegenüber.
Er würde sich öffnen und diesmal mit Doppeleffekt, ja, ganz bestimmt.
Denn beide Ohren wären adressiert. Und die Äste, durchs Rückgrat,
das Erröten der Muscheln.
Diesmal ganz symmetrisch, körperhälftengleich.
Der Gedanke … der Gedanke ließ ihn hoffen.

Woher nahm er den Mut? Nach all der Zeit.
Nach all den Gesprächen, woher nahm er sie jetzt,
die Courage, sie zu fragen?
An sich war die Erkenntnis simpel: Schon lange wollte er sie sehen.
Doch ein Quäntchen fehlte ihm, sich entschlossen zu zeigen, etwas zu unternehmen.
Aber ja, dann fiel es ihm ein: Bei einem Treffen, dem Gespräch …
Da würde ER das Thema wählen. Würde schöpfen aus Vokalen, Konsonanten und all dem Sprechmaterial.
Um sie anzuregen.
Und ihre Antwort … Er würde sie ja diesmal sogar sehn!
In all ihren Facetten und in ihrer Vielgestalt.
Lippe auf Lippe oder Zunge trifft Zahn.
Über alles könnte man reden. Ein Traum.
Denn er wusste:

Diese Stimme konnte mehr …

Über “Klappe, Text!”

Kolumne Klappe, Text!

Nach langer Pause wagt Redakteurin Sarah den Neubeginn der Kolumne “Klappe, Text!” und hofft auf weitere Einsendungen: In dieser Kolumne sollen Autorinnen und Autoren selbst zu Wort kommen. All die, die etwas Interessantes zu sagen haben, bekommen die Gelegenheit, bei uns einen freien Text zu veröffentlichen. Das kann eine Kurzgeschichte sein, ein Gedicht, ein Aufreger, eine Huldigung, ein Beitrag über siebenäugige Flugschlangen oder über vierzitzige Beutelstabheuschrecken. Über Politik oder Literatur. Lustiges. Philosophisches. Gedankenflocken. Experimentelles. Unsinn. Ganz egal. Wichtig ist nur, dass es auf irgend eine Weise Substanz besitzt. Wer zu dieser Rubrik selbst beitragen möchte, kann uns jederzeit via  E-Mail an klappe-text[ät]booknerds.de einen Text zusenden. Wir freuen uns auf zahlreiche Einsendungen!

 


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