Petra Postert – Das brauch ich alles noch! (Hörbuch, gelesen von Stefan Kaminski, Matti Kaminski und Bettina Storm)

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Petra Postert - Das brauch ich alles noch! (Cover © headroom sound production)Mütter und Väter kennen es, wenn es mal wieder an der Zeit ist, die schmutzige Wäsche Karussell fahren zu lassen: Die ganzen Taschen der Kleidungsstücke müssen noch einmal gründlich durchsucht werden, damit die Waschmaschine keinen Schaden nimmt. Und so ergeht es auch Jims Papa, der gerade die Wäsche sortiert. Was man da alles in Jims Hosentaschen findet, unglaublich. Das kann doch alles weggeworfen werden, oder? Nichts wie in den Müll damit!

Jim ist allerdings ganz anderer Meinung, denn er braucht das alles noch: Den Knopf, der eigentlich einem Kapitän gehört. Den Stein, der einst die Spitze eines Berges war, die von einem wütenden Riesen abgebissen wurde. Und natürlich dieser rostige, olle Schlüssel, der eigentlich einem hundsgemeinen Zauberer gehörte. So erzählt der Junge seinem Vater die wildesten Geschichten und lässt seiner Phantasie dabei freien Lauf. Und Paps hört gespannt zu.

Hiermit ist eigentlich bereits alles erzählt, was in den insgesamt 25 Minuten dieser Bilderbuchvertonung geschieht, welche für „Schatzkistenliebhaber ab 4 Jahren“ empfohlen wird. Besonders an diesem Werk ist, dass es sich hier um eine Veröffentlichung aus der Reihe der „Kli-Kla-Klangbücher“ handelt. Auf der entsprechenden Unterseite des Verlags lesen wir: »In der Reihe KliKlaKlangbücher setzt headroom Bilderbücher in Hörgeschichten mit Klängen und Musik um. Die Hörbücher für junge Hörer ab 4 Jahren wollen nicht nur unterhalten, sondern gleichzeitig eine Fähigkeit trainieren, die für die Lese- und Sprachkompetenz der Kinder wichtig ist: den Hörsinn. Schließlich geht es beim Zuhören auch darum, die Untertöne einer Botschaft, einer Information oder eines Ereignisses zu erfassen.«

Und diesen Zweck erfüllt „Das brauch ich alles noch!“ absolut zufriedenstellend – obendrein regt es die Phantasie des Kindes an und animiert es zum Erzählen eigener Geschichten – spätestens beim nächsten Wäschewaschen oder Aufräumen, wenn die unmöglichsten Gegenstände zum Vorschein kommen. Denn letztendlich bereichern Geschichten das Leben. Oder, um noch einmal zu zitieren, dieses Mal aus dem Booklet: »Kinder lieben Geschichten, Kinder brauchen Geschichten, ohne Geschichten wäre unsere Welt sehr viel ärmer.«

Begleitend zur CD (die auch als digitaler Download verfügbar ist) wird zu diesem Kli-Kla-Klangbuch (und zu anderen Veröffentlichungen aus dieser Reihe) unter dem Aufhänger „Lernen und Lehren“ kostenlos pädagogisches Begleitmaterial mit spielerischen Anregungen zum Download angeboten, welches sowohl von Eltern als auch von Erziehern genutzt werden kann und von Pädagogen entwickelt wurde.*

*zum Zeitpunkt der Rezension noch nicht verfügbar. Wird nachgereicht

Gleich drei Sprecher*innen finden sich auf diesem Hörbuch wieder. Einmal Bettina Storm als Erzählerin, die mit einer ruhigen und doch lebendigen Stimme aufwartet, dann in den beiden Hauptrollen der äußerst gern verpflichtete Multistimmionär Stefan Kaminski, der auch in der Rolle von Jims Vater glaubwürdig wirkt – und zu guter Letzt noch dessen Sohn Matti Kaminski, der offenhörlich mächtig Spaß daran hat, den neugierigen, gewitzten und vor allem phantasiereichen Jim zu mimen. Hier ist nebenbei positiv anzumerken, dass Matti lediglich in Form einer Zeichnung abgebildet ist – aus Respekt vor seinen Persönlichkeitsrechten. Auch ist es schön, dass Geschlechterrollenklischees gebrochen werden und nicht – wie in leider noch immer zu vielen Kinderbüchern – die Rosa-Hellblau-Falle zuschnappt und es traurigerweise noch viel zu selbstverständlich ist, dass die Frau den Haushalt macht.

Auch Musik und Geräuschkulisse wurden mehr als akzeptabel umgesetzt und betten gerade das imaginär Erlebte des Jungen angenehm und unterhaltsam ein. Klar ist aus Sicht des Erwachsenen nicht viel Story vorhanden – Papa findet Gegenstände und Sohn fabuliert wild darauf los -, aber für Kinder im Kindergartenalter ist das eine Menge Information, die es zu erfassen und zu verarbeiten gilt.

Schade ist allerdings, dass in den insgesamt fünf Tracks gerade mal drei Geschichten erzählt werden. Im ersten Track „Der Waschtag“ wird nämlich erst einmal einführend die Situation geschildert (Jim und sein Vater vor der Waschmaschine), was natürlich sinnvoll ist. Darauf folgen in den nächsten drei Tracks die drei Phantastereien, und in der dritten Erzählung, also dem vierten Track, wandert Jim zufrieden gen Zimmer, in welchem er seine Schätze stolz im Regal deponiert – bei all den anderen Schätzen, die am Ende der Erzählung noch kurz von der Erzählerin aufgezählt werden und zu denen man sich durchaus selbst noch ein paar Geschichten ausdenken könnte. Doch all das kommt viel zu abrupt. Der Rest dieses mit fast achteinhalb Minuten längsten Tracks besteht aus – zugegebenermaßen netter – Musik, die sich allerdings gleich über rund vier Minuten erstreckt, sodass man etwas ratlos da sitzt und sich wundert, wieso da so lange nichts mehr folgt. So viel Füllmaterial muss nicht sein.

Doch damit nicht genug Füllmaterial, denn als nahezu überflüssig erweist sich dann der letzte Track „Das brauch ich alles noch!“, ein Musikstück, das die Intro-Melodie des Hörbuchs aufgreift und ansonsten lediglich durch eingestreute Zeilen aus den einzelnen Geschichten sowie Jims dort enthaltene Sprüche wie „Halt, nicht wegschmeißen!“ oder eben „Das brauch ich noch!“ ergänzt wird. Sicherlich kann diese etwas mehr als zwei Minuten lange im übertragenen Sinn ’stichwortartige Zusammenfassung‘ zum Resümieren genutzt werden.

Doch letztendlich stimmt einen der Erzählstopp ein wenig unbefriedigt, denn bedenkt man, dass hier rund sechs von fünfundzwanzig Minuten und somit gut 25 % der Spielzeit keinen wirklichen Inhalt bieten, ist das ganz schön viel verschenktes Potenzial – und für knapp 10 Euro (CD) bzw. knapp 7 Euro (Download) ist die inhaltliche Ausbeute schlichtweg etwas arg dünn.

Trotz dieses Ärgernisses ist „Das brauch ich alles noch!“ ein Nice-to-have, denn Big und Little Kaminski sowie Bettina Storm liefern hier eine astreine Performance, die erfundenen Geschichten sind amüsant bis absurd und typisch Kind – doch anstatt den besagten Füllstoff nach Geschichte numero drei zu hören, empfiehlt es sich, im Anschluss vielleicht eher noch einmal selbst die Phantasie des Kindes anzuregen, eventuell auf irgend etwas unsinnig Erscheinendes im Regal oder auf Nachttisch zu zeigen, zu fragen, ob das nicht eigentlich weg kann – und abzuwarten, ob das eigene Kind vielleicht auch eine wilde Story erfindet. Denn Geschichtenerfinden ist etwas Wunderbares.

Cover © headroom sound productions/Tulipan Verlag

Wertung: 9/15 dpt

 

 

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 In Mannheim geboren, in der Pampa vor Kassel lebend. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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