Mord ohne Leiche

In Jocassee, South Carolina, was in der Sprache der Cherokee „Tal der Verlorenen“ heißt, stehen die Farmen der Familien Winchester und Holcombe seit jeher auf benachbarten Grundstücken, deren Eigentumsverhältnisse sich im Lauf der Jahrzehnte wiederholt änderten. Die nächstgrößere Stadt ist Seneca, wo Bezirkssheriff Will Alexander vor einem schwierigen Fall steht. Holland Winchester, für seinen Einsatz in Korea mit dem Gold Star ausgezeichnet, ist ein bekannter Schläger, der sich noch nicht wieder in der normalen Welt zurechtgefunden hat.
„Manche haben gesagt, einem Toten das Ohr abzuschneiden sei was Schlimmes. So wie ich die Sache sehe, war es tausendmal schlimmer, ihm das Leben zu nehmen, und dafür habe ich Orden gekriegt.“
Folglich weint ihm außer seiner Mutter niemand eine Träne nach als er plötzlich verschwindet. Sein Pick-up steht noch auf der Farm, weiter als bis zur Nachbarsfarm kann er zu Fuß kaum gelaufen sein. Doch weder Billy Holcombe noch dessen schwangere Frau Amy haben Holland gesehen.
„Holland Winchester wird vermisst. Seine Momma behauptet steif und fest, er sei umgebracht worden.“
„Du glaubst doch nicht im ernst, dass wir ein solches Glück haben, oder?“
Für Sheriff Alexander ist schnell klar, dass Holland ermordet wurde. Von Billy, wie Mrs. Winchester andeutet. Doch ohne Leiche keine Verhaftung und erst recht kein Prozess. Holland bleibt verschwunden und schon bald scheint Gras über die Sache zu wachsen. Derweil treibt die Firma Carolina Power ihr Stauseeprojekt voran, was die Aufgabe aller Farmen bedeuten würde. Viele Jahre später steht das Projekt vor seinem Start und damit steigt nicht nur das Wasser. Es wird Zeit, lang gehütete Geheimnisse endlich auszusprechen.
Eindringlicher Südstaatenroman
Ron Rash, der bereits mit „Der Friedhofswärter“ einen ebenso spannenden wie sprachgewaltigen Roman vorgelegt hat, überzeugt mit seinem bei ars vivendi erschienenen Roman „Mit einem Fuß im Paradies“ erneut. Das Original „One Foot in Eden“ erschien bereits 2002. Aus vier Perspektiven (Sheriff Alexander, Amy und Billy rund um Hollands Verschwinden sowie deren Sohn knapp zwanzig Jahre später) erzählt Rash eine eindringliche Südstaatengeschichte, in der sich gleich mehrere Dramen abspielen. Die ersten rund siebzig Seiten erzählt Sheriff Alexander von seinen Ermittlungen, die in den frühen 1950er Jahren so ihre Tücken haben. Nicht nur, dass bekanntlich die Leiche fehlt, es finden sich auch keine Zeugen, die aussagen können oder wollen. Das liest sich spannend wie ein guter Krimi, bevor anschließend Amy aus ihrer Perspektive die Geschehnisse darstellt. Sie traf in einer für sie existenziellen Situation eine ebensolche Entscheidung und löste damit die späteren Ereignisse aus. Noch in der ersten Romanhälfte erfährt man, was mit Holland geschah und warum, wobei man dies vorab erahnen dürfte. Letztlich geht es aber vor allem um die Auswirkungen des Ereignisses auf mehrere Personen und nicht um die Suche nach einem vermeintlichen Mörder.
Mein Onkel Thomas wusste nicht, auf welche Seite sich der erste Alexander geschlagen hatte. Er musste mitbekommen haben, dass das, was die Briten den Cherokee antaten, das Gleiche war wie das, was sie den Schotten angetan hatten – mit dem Unterschied, dass es nach dem Verschwinden der Indianer für Weiße wie ihn mehr Land gab.
Das Leben auf der Farm ist hart und körperlich anstrengend. Man ist Wind und Wetter ausgeliefert und kann nur hoffen, dass die Ernte von Mais und Tabak genügend Ertrag einbringt. Amy und Billy können sich kein anderes Leben vorstellen, trotz Außentoilette und fehlender Elektrizität. Nach der Geburt ihres Sohnes Isaac, ein besonders passender Name, scheint für die Familie ein Traum in Erfüllung zu gehen, alles wirkt perfekt, doch man lebt fortan mit einer großen Lüge. Die Einwohner von Jocassee ahnen und sehen dies, allerdings bleibt es bei diffusen Andeutungen.
Atmosphärisch großartig schildert Ron Rash das Geschehen in der zu dem Landleben passenden Geschwindigkeit. Langsam geht es voran, ein Tag gleicht ohnehin dem nächsten. Die Landschaft und die Arbeit nehmen viel Platz ein, vor allem aber das innere Gefühlsleben der jeweils erzählenden Protagonisten. Zwischen Liebe, Hoffnung und Verdrängung ziehen die Jahre vorbei. Aber ist am Ende gar Erlösung möglich?
- Autor: Ron Rash
- Titel: Mit einem Fuß im Paradies
- Originaltitel: One Foot in Eden (2002). Aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein
- Verlag: ars vivendi
- Umfang: 250 Seiten
- Einband: Hardcover
- Erschienen: Mai 2026
- ISBN: 978-3-7472-0766-6
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Wertung: 12/15 dpt







