Der Jahresrückblick 2021 von Marc Richter

Wenn es um eine Zusammenstellung der Highlights für das zurückliegende Jahr geht, muss ich verschiedene Gewichtungen machen. Denn im Bereich der Musik, insbesondere der Sparte der elektronischen, war bei mir nicht so viel geboten, weshalb es an dieser Stelle nur für eine Top 3 reicht. Jedoch waren diese drei Alben ganz besondere Highlights, die mein Musikjahr öfter versüßt haben. Ganz anders sieht es bei den Filmen/Serien und den Büchern aus, da es dort einen großen Überfluss gab, den ich versuche, hier für die Booknerds ein wenig einzusortieren und für mich eine Wertung zu abzugeben.

Musik

Auch wenn ich in 2021 nichts für die Seite beigesteuert habe, sollte vielleicht noch einigen geläufig sein, dass ich der elektronischen Musik sehr zugetan bin und hier habe ich drei richtig gute Alben für euch, die sich zum einen für das Hören zu Hause lohnen, aber auch zum ganz persönlichen Abgehen geeignet sind. Wenn ich mir es richtig überlege, sind es eigentlich sogar vier Alben, da zwei der Alben in einem großen Konzept über das komplette Jahr verteilt veröffentlicht wurden, zähle ich das insgesamt als ein Album, auch wenn es eigentlich zwei sind. Ich gebe euch diese Top 3 ohne besonderes Ranking an, denn alle Alben haben ihren besonderen Reiz.

–        Modeselektor – Extended/EXTLP

Modeselektor in eine Schublade zu stecken ist richtig schwer, da sie so viele Genres innerhalb der elektronischen Musik bedienen, dass sie nie langweilig werden. Wenn man ihrer Musik eine Eigenschaft zuordnen müsste, dann die, dass es meistens kräftig rummst. Der „Zyklus“ zu Extended, so wollen wir es mal nennen, begann Anfang des Jahres mit der Veröffentlichung von Extended, das eine Hommage an das gute alte Mixtape darstellen sollte und sogar als Musikkassette veröffentlicht wurde. Für dieses Album haben Gernot Bronsert und Sebastian Szary als Modeselektor ihre Festplatten gesichtet, um altes und ganz altes Material, was für ihre vorhergehenden Alben liegengeblieben war beziehungsweise nicht verwendete Konzepte für dieses Mixtape verwendet. Das Besondere an diesem Album ist tatsächlich, dass es an einem Stück zusammengemixt ist, wie ein großer Liveact der beiden, oder eben wie ein Mixtape früher. Die Übergänge sind wirklich sehr zart gestaltet und es wirkt wie mit dem Kassettendeck aufgenommen. Doch stimmt auch die Musik? Na aber Hallo. Es ist wie eine Zeitreise in das Portfolio von Modeselektor, was jetzt aber nicht rückwärtsgewandt gemeint sein soll, denn die beiden haben ihren alten Tracks einen neuen Anstrich verpasst und sie wirken sehr zeitlos und doch frisch. Es ist eine wahre Fundgrube an Tracks, die allesamt den Spirit von Modeselektor transportieren.

Den Gedanken von Extended haben Modeselektor durch das ganze Jahr über getragen. Verschiedene Auskopplungen aus diesem Album wurden bis an die Grenze des Ertragbaren geremixt oder neu aufgesetzt, verlängert, nochmals überarbeitet, mit Lyrics versehen und und und. An manchen Stellen passte es, an manchen nicht. Doch all das mündetet Ende des Jahres in den großartigen Abschluss EXTLP, wo sie viele der Tracks in ihrer ungekürzten, neuesten Version nochmals versammelt haben und außerdem in der limitierten Vinylausgabe sogar noch einige Stücke mit drauf gepackt haben, die es am Ende trotzdem nicht auf das endgültige Album gebracht haben und ein paar Sessions noch oben drauf. Also insgesamt ein richtig rundes Gesamtpaket mit jeder Menge Musik, die man sich immer wieder anhören kann. Anspieltipps: Tacken, Kupfer, Puls, Movement.

–        Roman Flügel – Eating Darkness

Ich glaube, dass ich bei Roman Flügel man den Zusammenhang gelesen hätte, er wäre der Mozart des Techno. Was man mit diesem Album definitiv beweisen kann. Was er hier auf die Beine stellt ist einfach nur phänomenal vielseitig. Lange Zeit konnte ich mit seiner Art der elektronischen Musik nichts anfangen, erschien sie mir zu verkopft. Nachdem ich dieses Album gehört habe, gönnte ich mir auch die alten Sachen von Herrn Flügel und siehe da, es hat bei fast allen Sachen gefunkt. Bei Eating Darkness kann ich nicht einmal genau definieren, was dieses Album so besonders macht. Ist es diese Tiefe und Dynamik, die allen Tracks zu eigen ist? Oder dieses Gefühl für die Melodien, die sich vollkommen organisch um den Rest legen? Oder ist es einfach nur verdammt gut produzierte elektronische Musik? Es mag sicher alles zutreffen und für mich ist es einfach nur richtig gut hörbar und wir mit keinem weitere Hören langweiliger. Im Gegenteil, es wird von mal zu mal interessanter und vielschichtiger. Anspieltipps: Magic Briefcase, Wow, Eternal.

–        Chris Liebing – Another Day

Chris Liebing ist bei mir bisher nur mit Techno und Schranz in meinem Kopf verankert. Also mit Techno der härteren Gangart. Sein Debütalbum Evolution von 2003 spricht da eindrucksvolle Bände. Aber auch viele diverse DJ Sets zeigen, was er in diesem Metier drauf hat. Doch vor 3 Jahren gab es eine Kehrtwende, als mit Burn Slow ein richtiger Downer von ihm herauskam. Tempo raus, Gesang mit rein, Düsternis beibehalten und fertig war ein neuer Chris Liebing und es stand ihm gut zu Gesicht. So gut, dass mit Another Day nun der Nachfolger erschienen ist, der in dieselbe erfolgreiche Kerbe schlägt. Viele dieser Tracks erinnern an die ersten Titel von Trentemöller oder stellenweise hört man auch den Vibe von Depeche Mode heraus. Alles in allem ein großartiges Album, dem ich für mich noch etwas mehr Zeit geben muss, damit es seine Wirkung entfalten kann. Anspieltipps: Fault Line, 10 West, Circles und Something Half Way.

Filme

Hier bin ich in diesem Jahr (muss man sagen endlich?) dem Marvel Cinematic Universe verfallen. Anfang des Jahres, als der Lockdown und die Schulschließungen, inklusive Homeschooling, auf der Seele lasteten, musste etwas her, was Ablenkung verschafft. Da wir mit Disney+ alles zur Verfügung hatten, konnten wir, mit Ausnahme von Spiderman und Hulk, alle Film, die bis dato erschienen sind, anschauen und sogar noch den (fast) neuesten Streich Shang-Chi und die Legende der 10 Ringe. Bei den Serien dann dasselbe Bild, aber da gehe ich ja gesondert darauf ein. Aber was ist neben den ganzen Superheldengeschichten noch so hängen geblieben? Nicht viel, leider. Ins Kino habe ich es dieses Jahr nur einmal geschafft, um mit der ganzen Familie den Film zu der magischen Schule anzuschauen. Ansonsten war mit neuen Filmen abseits von Disney absolute Flaute. Kein Bond, keine Ghostbusters, bis jetzt kein No Way Home und von den ganzen kleinen Produktionen wollen wir an dieser Stelle gar nicht sprechen. Daher wird es ein etwas kinderfilm- und  marvellastiger Rückblick.

–        Luca

Pixar begeistert mich schon seit jeher mit seinen Filmen und bieten einen schönen Kontrast zu den Disneyfilmen, weil sie so gut wie ohne den Gesang auskommen. Hier wird eine wunderbare Geschichte erzählt, die in einem italienischen Dörfchen spielt und mit einer Legende zu tun hat, nach der es Meersungeheuer gibt. Gehen sie an Land werden diese zu Menschen und kommen sie mit Wasser in Berührung sieht man ihre wahre Gestalt. Luca ist so ein Fabelwesen und versucht, in der Welt der Menschen zurecht zu kommen.

Dieser Film sprüht nur so vor Lebensfreude und Energie. Man merkt ihm an, dass ein paar andere kreative Köpfe an vorderster Stelle zuständig waren und so einen Film geschaffen haben, der das Naturell von Pixar atmet, aber doch etwas frisches mit sich bringt. Ein toller Film für die ganze Familie und erneut mit wunderbaren Botschaften gespickt.

–        Black Widow

Eigentlich ist dieser Film eine wahnsinnige Verschwendung an dem Charakter Natasha Romanoff beziehungsweise Black Widow, die von Scarlett Johansson in den Marvel- Filmen verkörpert wurde. Er ist eine Hommage an dem Charakter der Black Widow und ist trotz vieler Verbindungen zu den übergeordneten Ereignissen aus den Filmen ein Werk, das gut für sich alleine steht und dem Charakter der Black Widow etwas von ihrer Unnahbarkeit nimmt. Außerdem lernen wir ihre Hintergrundgeschichte besser kennen und auch ihre kleine Schwester Yelena, die wir noch einmal wiedersehen werden (siehe Serien). Der Film ist optisch gut umgesetzt und zeigt auf, was es mit den Black Widows eigentlich auf sich hat, warum sie in der Welt sind und wozu sie fähig sind. Der Film ist wirklich richtig gut umgesetzt und setzt den Schlusspunkt in Johanssons Wirken innerhalb des Marveluniversums. Aber diesen Film hätte es viel eher geben müssen, um seine Wirkung besser entfalten zu können. Und erst ist auch noch zu etwas anderem gut, da er Verknüpfungen zu zwei Serien herstellt, die in diesem Jahr bei Disney+ angelaufen sind und somit zeigen, wie stark vernetzt mittlerweile die ganzen Superheldenverfilmungen mittlerweile sind und man bei einem Quereinstieg zwar die Filme auch einzeln genießen kann, aber bei manchen Anspielungen und Handlungen vollends mit Fragezeichen dasteht.

–        Shang-Chi and the legend of ten rings

Die erste (vollkommen?) asiatische Produktion von Marvel/Disney. Zumindest haben sehr viele Akteure vor und hinter der Kamera mitgewirkt, die einen asiatischen Background haben und das merkt man diesem Film auch an, der anders wirkt, als viele der mittlerweile fast schon standardisiert wirkenden Einführungsfilme. Mir hat der Einstieg in diese Mythologie gefallen und ich bin gespannt, was es mit diesen zehn Ringen auf sich hat, die nun in der Welt präsent sind.

–        Raya und der letzte Drache

Eine sehr schön gemachte, berührende Geschichte um eine junge Frau, die versucht, Welten zu vereinen und dazu den letzten Drachen finden muss, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren. Fantastische Bilder mit einer auf den ersten Blick einfachen, aber dann doch recht komplexen Geschichte. Wenig Kitsch und bildet, ebenso wie Shang-Chi, eine andere Welt als die übliche, westlich dominierte ab.

–        Ron läuft schief

Per Zufall letztens bei Disney gesehen und köstlich amüsiert. Hier wird die Idee der Abhängigkeit von der Technik noch einen Schritt weiter gedacht, indem Kindern ein Roboterspielzeug an die Hand gegeben wird, mit dem sie mit anderen kommunizieren und neue Freundschaften schließen können. Doch letztendlich macht dieser Roboter jeden Einzelnen sehr einsam. Auch Barney wünscht sich so ein Teil und bekommt über Umwege auch eins. Doch etwas stimmt mit diesem Bot nicht und Barney erlebt aufgrund dessen viele Abenteuer und, was wahre Freundschaft wirklich ausmacht.

Ein spannendes und lustiges Abenteuer, das zum einen Laune macht, aber auch die Erwachsenen an diese Nase fasst, damit diese ihren Technikkonsum mal hinterfragen sollten. Toll gemacht, auch wenn es seitens der Animation ein ganzes Stück von Pixar entfernt ist.

Serien

–        WandaVision

Mit WandaVision hat Marvel sein Universum auf Disney+ auf Serien ausgeweitet und wie sie das gemacht haben. Gleich die erste Serie ist ein Paukenschlag und beginnt wie eine 50erJahre Serie in Schwarz Weiß und geht ähnlich skurril weiter. Aber sind das nicht Wanda und Vision, die da die Hauptrolle spielen? Und warum wandern sie von Folge zu Folge durch die verschiedenen Formate der TV-Zeit von Jahrzehnt zu Jahrzehnt? Keine Angst, so seltsam das alles beginnt, es hat alles seinen Sinn und sitzt am rechten Platz. So stelle ich mir eine richtig gute Serie vor. Sie nimmt bekanntes Material, formt etwas Eigenständiges daraus, wirft dem Zuschauer jede Menge Fragezeichen an den Kopf, nur, um ihn dann nach und nach aufzuklären, was es mit diesem ganzen, im wahrsten Sinne, Theater auf sich hat. Und ganz nebenbei etablieren sie ganz neue Figuren und weitere Ideen für spätere Filme/Serien, machen Anspielungen auf die bisher gesehenen Filme und sogar auf die X-Men mit einem ganz besonderen Gastauftritt und das Finale erst. Das wurde eigentlich nur durch eine andere Marvelserie getoppt und zwar…

–        Loki

Unser liebster Antiheld, nein eigentlich erst Bösewicht und dann der König des Schabernack, der eigentlich nur seinen Spaß haben will, wird von den Toten wieder auferweckt? Und wie wird das gemacht? Wer sich noch an den Film Endgame erinnern kann, wird sicher wissen, dass Loki in einer der Zeitreisen der Avengers den Raumstein an sich nehmen und verschwinden konnte. Hier steigen wir mit der Serie wieder ein. Wir sehen, wie er entkommen konnte und wo er landet. Doch halt, was passiert hier? Er wird von irgendwelchen Leuten gefangengenommen, die einen in ihrem Aussehen fast an die Cops in Matrix erinnern. Loki wird eingeweiht, dass er den heiligen Zeitstrahl verletzt habe und nun vor das Gericht bei der TVA (Time Variance Agency) gebracht wird. Dort wird er kurz vor seiner Auslöschung von einem Agenten namens Mobius unter seine Fittische genommen, damit er ihm helfen kann, eine Variante von Loki zu fangen, die ihm Probleme bereitet.

Time Variance Ageny? Varianten? Parallele Weltenlinien? Klingt das alles im ersten Moment verwirrend? Das ist es auch und hier wird viel Hirnschmalz gefordert. Und doch macht es unendlich viel Spaß, dieser Serie und Loki zu folgen. Sie ist in ihrer Erzähllogik zwar sehr linear und auch wieder nicht. Diese Serie ist, ähnlich wie WandaVision, weit entfernt von einer Standardserie. Sie ist eigenständig und dient doch dem gesamten, komplexen Erzählstrang und etabliert nebenbei etwas, was für die Zukunft des Marvelkosmos noch von immenser Bedeutung werden wird – spätestens für den zweiten Teil von Doktor Strange und eigentlich aktuell schon bei dem neuen Spiderman- Film.

–        Lucifer

Die nun wirklich letzte Staffel dieser teuflischen Serie fährt noch einmal alle Geschütze auf, die diese Serie so stark gemacht haben. Allerdings geht es hier kaum noch um einzelne Fälle, die sonst immer im Zentrum standen, sondern vielmehr das große Ganze wird im Blick behalten. Lucifer hat es durch sein eigenes Opfer nun geschafft und ist Gott. Allerdings hadert er mit dieser Rolle und zögert die Ankunft im Himmel mit allen möglichen Mitteln hinaus. Er will die Zeiten auf Erden noch so lange wie möglich genießen und ist sich immer unsicherer, ob er der richtige für die Rolle im Himmel ist. Als eine junge Frau bei ihm auftaucht, ihn töten will und behauptet, seine Tochter zu sein, bringt das alles gehörig durcheinander und Lucifer muss sich entscheiden, was er wirklich will.

Hatte man am Anfang dieser Serie noch gehofft, dass Lucifer und Chloe irgendwann zusammen kommen, so wird hier gezeigt, dass sie ihr Leben als Paar nicht so einfach auf Erden führen können. Auch wenn diese  Staffel so ihre Schwächen hat, so ist sie ein verdienter Abschluss und wirklich jede Hauptfigur bekommt ihre Rolle darin. Bis hin zum bittersüßen Ende. Ich will nichts weiter verraten, jedoch schon Taschentuchwarnung aussprechen. Wer die Serie bis hierhin verfolgt hat, der wird bei den letzten zehn Minuten, die mich stark an das Finale von „Six Feet Under“ erinnerten, zu Tränen gerührt sein. Den Rest müsst ihr selbst herausfinden, indem ihr am besten alle 6 Staffeln dieser wirklich charmanten Serie anschaut.

–        Dopesick

Mit Dopesick kam Ende des Jahres noch eine Miniserie auf Disney+, die mit Rosario Dawson, Michael Keaton und Will Poulter hochkarätig besetzt und auch so produziert ist, die Opioid- Krise beleuchtet, die die USA seit Ende der Neunziger Jahre im Griff hatte. Dabei spielt vor allem ein Medikament ein Rolle – OxyContin. Dieses süchtigmachende Schmerzmittel wurde auf den Markt gebracht, um niedrigschwellige Schmerzen zu behandeln und dabei wurde bewusst verheimlicht, dass dieses Mittel extrem süchtig macht. Es löste eine Welle der Kriminalität aus und es brauchte lange, um das alles wieder in den Griff zu bekommen.

In unterschiedlichen Zeitebenen wird gezeigt, wie das Medikament auf den Markt gelangte, wie es wirkte und wie dagegen angekämpft wurde. In kühlen Bildern kann man nur tatenlos zusehen und mit geballten Fäusten verfolgen, wie die Profitgier gegenüber dem Menschen zählt. Sehr erschreckend und aufwühlend, manchmal etwas zu sehr über die Dramatik definiert, zeigt es auf, wie schwer es ist, wenn der Wille da ist, an den richtigen Stellen alle Hebel in Bewegung zu setzen, solche Dinge wieder verschwinden zu lassen. Bis heute ist der Streit über Entschädigungszahlungen und die Schuldfrage in Gange. Besonders die Leistung von Micheal Keaton, aber auch den Darstellern der Anwälte, die gegen die Firma vorgehen, die OxyContin vertreibt, ist dabei hervorzuheben. Auch alle anderen machen hier einen richtig guten Job und zeigen bis an die Schmerzgrenze, was ein einzelnes Medikament, falsch unter die Menschen gebracht, anrichten kann. 

Bücher

Hier kann ich aus dem Vollen schöpfen, denn in diesem Jahr habe ich insgesamt 46 Bücher ausgelesen und es sind einige sehr gute dabei gewesen. Da ich auch einige Neuerscheinungen lesen konnte, werde ich mich bei meiner Rückschau vor allem auf diese konzentrieren.

–        Hannes Köhler – Götterfunken

Warum dieser Autor erneut nicht beim Deutschen Buchpreis berücksichtigt wurde ist mir ein Rätsel. Dieser Roman ist in meinen Augen einer der stärksten in diesem Jahr, inhaltlich, sprachlich und in dem, was er einem mitgibt. Hannes Köhler konzentriert sich in „Götterfunken“ um eine Terrorzelle im Franko-Spanien der 70er Jahre. Dort herrscht noch Diktatur vor und gegen diese wollen einige vorgehen. Er konzentriert sich dabei auf insgesamt drei Hauptcharakter, den Deutschen, den Spanier und den Franzosen. Dabei verwebt er geschickt Gegenwart mit Vergangenheit. Vor allem der Spanier Toni steht im Mittelpunkt, als er auf der Hochzeit seiner Tochter den Deutschen wiedersieht, von dem er glaubt, dass er die ganze Gruppe damals verraten hat. Daraus entspinnt sich ein dramatisches Kaleidoskop, das sich um Freundschaft und vermeintlichen Verrat dreht.

Was Hannes Köhlers Werke vor allem ausmacht, sind die richtig gut recherchierten Hintergründe, die man dann in jeder Zeile des Romans spürt. Gerade die 70er wirken in diesem Buch so präsent, dass man meinen könnte, der Autor hätte da schon gelebt. Aber auch den Figuren haucht er dadurch Leben ein, gibt ihnen eine umfangreiche Biographie und erschafft somit eine Tiefe, die ich in diesem Jahr selten gelesen habe.  Unbedingt lesen.

–        Fabian Neidhardt – Immer noch wach

Ein Buch, das sich um den Tod dreht, ist kein leichtes. Doch Fabian Neidhardt gelingt das Unmögliche und gibt dem Sterben und dem Tod eine Lockerheit. Er nimmt einem dadurch fast die Angst davor, denn es gehört zum Leben mit dazu. Es beginnt hier mit einer Haupfigur, die dem Tod geweiht scheint und keinem zur Last fallen will. So trifft er die Entscheidung ins Hospiz zugehen, um dort selbstbestimmt und allein zu sterben. Er lässt dabei seine langjährige Freundin, seinen besten Kumpel und das gemeinsame Cafe zurück. Doch er überlebt länger als gedacht, bis er die Diagnose bekommt, dass er doch nicht todkrank ist und an seiner Krankheit definitiv nicht sterben wird. Als er zurück in seine Heimat kommt, wird er nicht erwartet und er fasst den Entschluss, seine Löffelliste, die er zum Spaß angefertigt hat, abzuarbeiten.

Mit viel Gefühl für seine Hauptfigur schafft Fabian Neidhardt hier einen Rahmen, um über den Tod zu schreiben, ohne das es erschreckend wirkt. Auch wenn der Aufhänger ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt, ist es doch ein sehr gefühlvolles Drama, das sich lohnt zu lesen.

–        Stephen King – Billy Summers

Ich lese mich eigentlich aktuell chronologisch durch Kings Schaffen. Wenn allerdings ein neues Buch von ihm in dem Startlöchern steht, kann ich natürlich nicht nein sagen. Lange Zeit habe ich mir seine neueren Bücher mir gekauft, in dem Schrank gestellt und dann erstmal nicht gelesen. Das wollte ich dieses Jahr endlich wieder anders machen und wurde mit Billy Summers reich beschert.

Es ist kein Horror, der da auf uns losgelassen wird, auch wenn es eine Anspielung auf eines seiner schaurigen Romane in dieses Buch geschafft hat, das aber wirklich nur als Andeutung. Hier geht es vor allem um einen Kriegsveteranen, der als Auftragskiller seinen letzten Job annimmt, um sich dann zur Ruhe zu setzen. Doch das lukrative Angebot entpuppt sich als Falle, aus die Billy mit knapper Not entkommt.

King hat hier wieder bewiesen, wie gut er mit Literatur umgehen kann und wie spielerisch er das beherrscht. Der Job von Billy beinhaltet nämlich, dass er sich als Autor ausgibt und so schreibt er einfach seine Memoiren. So kann King ganz geschickt die Vergangenheit von Billy in diese Schreibarbeit packen. Ich könnte hier noch viel mehr aufzählen, was mich begeistert hat. Es ist nicht ein Buch, dass in der Top 10 bei mir auftauchen wird, aber es ist ein richtig unterhaltsames Buch und ich würde es sogar allen empfehlen, die es mit einem King Mal probieren wollen, von Horror aber gar nichts halten.

–        Saskia Vogel – Permission

Kurz vor Jahresende haben sich bei mir noch zwei Highlights eingeschlichen. Eines davon ist Permission von Saskia Vogel. Es handelt von einer jungen Frau, deren Vater seit einem Kletterunfall als verschollen gilt, da er ins Meer gestürzt und abgetrieben ist. Durch die Unsicherheit, ob ihr Vater nun gestorben ist oder noch lebt, und somit keine Trauer möglich ist, verliert sie sich in verschiedenen Liebschaften. Bis sie der Domina Orly begegnet. Sie schafft es, durch Anleitung und Anlernen, Ordnung in ihr Leben zu bringen und Verantwortung zu übernehmen.

Dieses Buch habe ich wie im Rausch gelesen. Es geht zwar vordergründig um Dominanz und Unterwerfung, aber dass da viel mehr dahinter steht, zeigt Saskia Vogel auf beeindruckende Weise in diesem Buch. Sie gibt ihren Charakteren mit einer Leichtigkeit eine unglaubliche Tiefe, so dass man traurig ist, als die Geschichte vorbei ist. Alle, die in dem Buch vorkommen, bleiben garantiert noch eine Weile in meinem Kopf.

–        Jessica Lind – Mama

 Mit den Debütromanen ist es immer so eine Sache. Oftmals hält man ein Buch in der Hand, das sich zwar gut liest und man merkt, dass die Autorin/der Autor gut Schreiben kann. Jedoch treten die Meisten noch auf die Bremse, trauen ihren Texten noch nicht so richtig und das wirkt sich dann auch auf den großen Teil der Bücher aus. Doch es gibt bemerkenswerte Ausnahmen. Eine davon ist Jessica Lind mit Mama gelungen.

Es geht um Amira, ihren Mann Josef, den gemeinsamen Kinderwunsch und auch das gemeinsame Kind, um einen Wald, eine einsame Hütte und den Horror, den eine Mutter mit ihren Kindern hat. Doch so richtig will hier nichts stimmen, denn es wirkt eher wie ein Albtraum, was Amira hier durchlebt, denn ab der Hälfte der Geschichte spielt der Mann keine Rolle mehr.

Dieses Buch hat eine Atmosphäre, die einem von der ersten Seite an erschauern lässt und bis zum Ende nicht mehr loslässt. Es ist meist auch keine gute Idee, in eine einsame Waldhütte zu fahren. Doch die Autorin macht hier keinen Survival-Horror daraus. Es ist vielmehr eine Geschichte einer Mutter, die anscheinend mit der Mutterschaft nicht zurechtkommt oder sogar ihr Kind verloren hat und nun in diesem Albtraum festhängt, aus dem es kein Entrinnen gibt, der Wald sie sozusagen nicht gehen lässt. Es mag beim ersten Lesen etwas wirr erscheinen, vor allem die Handlungssprünge. Aber das löst sich alles in unglaublich dichten Bildern und einer Anspannung auf, die ich allen nur ans Herz legen kann.


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