Neal Stephenson – Error (Buch)

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Neal Stephenson - ErrorEin beachtlicher Backstein von einem Buch ist das neueste Stephenson-Werk „Error“, welches im Originaltitel auf den Namen „Reamde“ gehorcht – wer sich nur halbwegs mit PCs beschäftigt, erkennt rasch, dass es sich hierbei um den fehlerhaft geschriebenen Dateinamen „readme“ im Sinne von „readme.txt“ oder „readme.html“ handelt. Daher ist es ein wenig unverständlich, wieso man der deutschen Übersetzung einen solch trivialen Titel wie „Error“ aufstempelt. Doch letztendlich zählt das, was zwischen den Buchdeckeln steht, und so stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, sich den über eintausend sehr dicht bedruckten Seiten hinzugeben.Der Text auf dem Buchrücken lässt Spannung vermuten: „Richard Forthrast kann so leicht nichts erschüttern: Quasi aus dem Nichts hat er mit der Schöpfung des Computerspiels T’Rain ein millionenschweres internationales Unternehmen geschaffen. Doch er ahnt nicht, was für eine dramatische Kettenreaktion er in Gang setzt, als er seiner Nichte Zula einen Job bei T’Rain verschafft. Denn es ist Zulas Freund Peter, der durch einen fatalen Fehler den Rechner eines sehr gefährlichen Mannes mit einem neuartigen Computervirus infiziert. Der Geschädigte sinnt auf Rache – und binnen kurzem reißt dieses Missgeschick Zula und alles, was Richard wichtig, in einen tödlichen Strudel der Gewalt…“ – und nach den ersten einhundert Seiten muss man sich durchaus ein wenig ärgern, denn im Grunde spoilert der Buchrückentext bereits viel zu viel. Inhaltlich noch tiefer in die Buchmaterie einzudringen und das in einer Rezension breitzutreten käme demnach dem kompletten Nacherzählen des Romans gleich.

Der Ansatz der Story ist eigentlich großartig – eine Art Schmetterlingseffekt führt zu einer grausamen Katastrophe, besonders, weil es um Geldbeträge jenseits gesunder Vorstellungskraft geht und Dinge persönlich genommen werden, die wohl keineswegs so gemeint waren. Hier und dort erinnern Fragmente des Buches an Daniel Suarez‘ „Daemon“/“Darknet“-Dilogie, lediglich mit dem Unterschied, dass in „Error“ andere Motive vorherrschen und das ganze Szenario weniger in futuristischen Visionen und plakativer Brutalität gezeichnet ist. Vielmehr ist alles recht jetztzeitkompatibel, denn was in den 1024 Seiten passiert, hätte auch in 2008 geschehen können, könnte 2016 passieren – oder eben anno 2012, zum Zeitpunkt der Lektüre, spielen.

Stephenson spinnt verworrene Fäden, lässt die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt verschwimmen und nimmt den Leser auf eine oftmals rasante Safari mit, die unter anderem in Taiwan, China, Kanada, den Philippinen und einigen anderen Erdflecken Halt macht. Auch hinsichtlich der Protagonisten versteift sich der Autor nicht auf eine übersichtliche Menge Figuren, sondern richtet die literarische Kamera auf eine Vielzahl unterschiedlicher Charaktere. Hierbei versucht er besonders in den asiatischen Gefilden, dem Leser einen Einblick in die Kultur und die Mentalität zu gewähren. Doch das gelingt ihm nur bedingt, weil er sich an manchen Stellen seines Schriftwerkes leider doch zu sehr in Klischees verliert und somit sein Vorhaben ad absurdum führt.

Klischees sind ohnehin ein viel zu großer Bestandteil der Story, und so passiert es nicht selten, dass man während des Lesens mit den Augen rollt: Die bösen, skrupellosen, bewaffneten Russen. Der gefährliche Islam. Der Terror und der Kalte Krieg, mit Druckerschwärze auf Papier gewalzt. Sicher, es fällt durchaus auf, dass Stephenson um Originalität bemüht ist – eine der extrem charismatischen Schlüsselfiguren ist ein walisischer Islamist -, doch im Gesamten scheint dem Mann, der solch packende Bücher wie „Cryptonomicon“, „Anathem“ oder „Snow Crash“ in die Tasten hämmerte, der kreative Treibstoff ein wenig ausgegangen zu sein. Wäre man bösen Willens, könnte man dem Autor Prätentiosität in Form demonstrativer Komplexität vorwerfen, und vielleicht steckt in dieser These auch ein Fünkchen Wahrheit. Letztendlich bleibt Unbefriedigung eines der präsentesten Gefühle, die sich nach dem Zuklappen des hinteren Buchdeckels im Gehirn manifestiert haben.

Somit darf „Error“ als einer der schwächsten Romane aus stephensons’scher Feder tituliert werden, denn für so viele Buchseiten lässt sich leider erstaunlich wenig aus dieser Veröffentlichung mitnehmen. In einigen Spielfilmen muss anhand der Inhaltsschwangerschaft der Buchvorlagen jede Menge herausgestrichen werden, um die Spielfilmlänge nicht in astronomische Zeiten ausarten zu lassen – bei vorliegendem Cyberthriller wäre es ein Leichtes, aus der Essenz einen Spielfilm zu stricken. Doch entweder müsste man dann für das Drehbuch noch intensiv um- oder hinzuschreiben – oder man benutzt Special Effects als Kaschierung.

Fazit: Zwar mag das massive Druckerzeugnis qualitativ eher überdurchschnittlicher Natur sein, doch gemessen an dem, was der heuer in Seattle lebende Schriftsteller sonst geleistet hat, enttäuscht „Error“ gewaltig.

Cover © Manhattan Verlag

  • Autor: Neal Stephenson
  • Titel: Error
  • Originaltitel: Reamde
  • Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller, Nikolaus Stingl
  • Verlag: Manhattan
  • Erschienen: 10/2012
  • Seiten: 1024
  • Einband: Hardcover
  • ISBN: 978-3-442-54692-3

Wertung: 9/15 dpt

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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