Susanne Staun – Totenzimmer (Buch)

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Susanne Staun - Totenzimmer (Buch)Die dänische Rechtsmedizinerin Maria Krause wird zu einem Tatort gerufen: Eine achtzehnjährige, nackte Frau hängt ermordet und geschändet, mit abgetrennten Brustwarzen und unzähligen Stichwunden, über einem Elektrozaun in Odense. Eigentlich “nur” ein weiterer gewöhnlicher Fall. Doch der Tod dieses Mädchens geht ihr extrem nahe, denn in ihr meint Krause ihre Tochter wiederzuerkennen, zumal es hinsichtlich Alter passen würde. Allerdings hatte sie nie eine Tochter, denn das Kind, das sie vor achtzehn Jahren hätte bekommen sollen, hatte sie abgetrieben – es war das Kind eines Vergewaltigers. Diese Vergewaltigung hatte sie nicht wirklich als schlimm empfunden, denn mit  ihrem Liebsten Michael, der täglich zu Hause auf sie wartete, lief in der Horizontalen schon lange nichts mehr, man schwamm, wie es im Buch so schön beschrieben ist, “aneinander vorbei wie zwei Fische im Aquarium”, und der Fremde im Park war mehr oder minder eine heftige, aber doch willkommene Überraschung, zumal er enorm attraktiv und eher rücksichtsvoll als brutal war.

Das prägte sie auf sexueller Ebene, denn sie holt sich ihren Kick der Lust fortan auf eher unkonventionelle Weise. Andererseits veränderte sich auch auf psychischer Ebene viel in ihr, denn in Maria Krauses Kopf lebte dieses Kind, das sie Emilie nannte, immer weiter, es wuchs auf, wurde erwachsen – und dieses Mädchen, Marias persönliche Emilie, ist nun tot? Krause muss Contenance bewahren, was ihr nicht leicht fällt. Sonderbar bei alledem ist, dass sich am Hals der Leiche eine eigenartige rote Färbung findet – denn diese rührt von der Einnahme eines Lepra-Medikaments her. In Dänemark gab es seit 1911 jedoch keinen einzigen Lepra-Fall mehr.

Auch ein Polizist wurde am selben Tag unweit des Tatorts getötet, und in der folgenden Zeit ereignen sich noch einige weitere Morde an jungen Frauen nach ähnlichem Muster. Die zusammen mit ihrer besten Freundin und Kollegin Nkem angestellten Recherchen nach dem Wie und Warum und die Suche nach demjenigen, der das Medikament einnimmt, führen Maria Krause langsam zur Spur, aber immer wieder auch in die Irre, und das Stochern  im Ungewissen bringt Krause an ihr absolutes Limit, zumal ihr Leben und ihre Psyche ihr oftmals böse Streiche spielen und ihr verkorkstes Dasein nicht gerade hilfreich bei der Lösung der Fälle und dem Finden des Täters ist.

In zackigen, temporeichen Kapiteln – mit ein paar kleinen Zeitsprüngen, die viel zur Erklärung beitragen sowie den Tagebucheinträgen eines jungen Mannes – wird gleichermaßen ein Blick auf die verschiedenen Szenarien, auf Krauses Kollegen, auf ihr eigenes Leben und in den Kopf der Medizinerin gerichtet, was dem Thriller einiges an Vielschichtigkeit beschert. Die einfache, klare, aber nie anspruchslose Sprache trägt obendrein dazu bei, dass sich “Totenzimmer” sehr zügig lesen lässt, und auch die Stereotypen trotzende Herangehensweise, mit der Susanne Staun ihren nunmehr vierten Roman geschrieben hat, lässt sich als Qualitätsmerkmal definieren, denn hier erleben wir nicht etwa ein lineares Procedural oder Klischeekost, auch keinen Standardthriller, sondern einen ausgewogenen Mix aus psychologischen, wissenschaftlichen und kriminalistischen Elementen sowie der Beleuchtung eines persönlichen Schicksals.

Susanne Staun spinnt die Fäden äußerst geschickt, lässt keinerlei Logiklöcher zu und pfeift bei dieser Story auf jedwede potentiellen Verfilmungen – letztere wären bei einem solchen Thriller mehr als verzichtbar, denn die Bilder, die man von den einzelnen Personen hat, werden von der Autorin bereits so präzise beschrieben, dass sämtliche audiovisuellen Verbildlichungen sämtliche Illusionen zerstört werden würden – ebenso skizziert sie die einzelnen Kulissen und Szenenwechsel mit einer Sicherheit, die man sich von so manchem dekadenlang etablierten Schreibkünstler wünschen würde.

Es mutet beinahe etwas zu euphorisiert an, so etwas zu sagen, doch “Totenzimmer” ist einer dieser Pageturner, die einen einsaugen, durchschütteln und wieder ausspucken, sodass man hat hinterher ein beinahe beklommenes Gefühl in sich verspürt, denn man muss sich nach dem Zuklappen der Buchdeckel erst einmal zurücklehnen oder sich ablenken, um die Ereignisse zu verarbeiten, die da gerade geschehen waren. “Totenzimmer” ist unbequem, heftig, unkonventionell und setzt sich noch lange im Cerebrum fest – und das ist letzten Endes das, was die Arbeit guter Autoren von der weniger guter Autoren unterscheidet.

 Cover © Klett-Cotta

 

  • Autor: Susanne Staun
  • Titel: Totenzimmer
  • Originaltitel: Døderummet
  • Übersetzer: Günther Frauenlob
  • Verlag: Tropen/Klett-Cotta
  • Erschienen: 2012
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Seiten: 336
  • ISBN: 978-3-608-50213-8
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit via Klett-Cotta

 

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris’ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Susanne Staun – Totenzimmer (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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