Literatur hat für
mich die Aufgabe, sichtbar zu machen, Fragen zu stellen und Räume für Gespräche
zu öffnen, die sonst oft nicht stattfinden.
Anette Welp
Ihr seid gelangweilt vom gefühlt immer gleichen Mainstream-Sortiment großer Publikumsverlage? Unsere neue Kolumne „Kleine Verlage – große Bücher“ bietet einen interessanten Blick in die Sortimente und die Arbeit unabhängiger Kleinverlage.

Heute möchten wir euch einen Ein-Frau-Verlag vorstellen, den Augen Auf Verlag von Anette Welp. Über den Wunsch hinaus, den „Kleinen“ eine Bühne zu bieten, gibt es für dieses Interview einen ganz konkreten, sehr erfreulichen Anlass: Der Augen Auf Verlag feiert in diesem Jahr 2026 sein zwanzigjähriges Bestehen. Das ist angesichts der harten Bedingungen innerhalb der Literaturszene an sich schon ein beachtliches Ergebnis. Dass der kleine unabhängige Verlag mit Sitz im südhessischen Trebur (Kreis Groß-Gerau) während dieser Zeit nicht nur „nur überlebt“ hat, sondern auch zu einer festen regionalen Größe gewachsen ist, verdient einen besonderen Blick.
Booknerds: Liebe Anette, herzlichen Glückwunsch zum Verlagsjubiläum. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, vor allem wenn man diesen Weg als Verlegerin größtenteils allein gegangen ist. Der Blick auf deinen Lebenslauf verrät, dass die Verlagsbranche nicht von Anfang an dein Beruf gewesen ist, oder? Du bist systemische Familienberaterin und arbeitest im Rathaus Trebur in den Bereichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Frauen- und Gleichstellungsarbeit. Was hat dich vor zwanzig Jahren angetrieben neben deinem Brotberuf einen Verlag zu gründen?
Anette Welp: Herzlichen Dank für die Glückwünsche!
Alles fing mit meinem ersten Buch „Ex und hopp. Liebesspiel und Mordeslust“ an, das ich bis 1999 geschrieben habe und das im Jahr 2000 im Orca Verlag erschienen ist. Die Auflage von 1.000 Exemplaren war erstaunlich schnell verkauft – ich war gerade aus Köln nach Trebur gezogen und als Autorin noch völlig unbekannt. Die Frage meiner Leserschaft, wann denn mein nächstes Buch herauskommt, konnte ich nicht beantworten, denn den Orca Verlag gab es kurz darauf nicht mehr. Ich hatte jede Menge neue Geschichten und Gedichte in der Schublade, aber keinen Verlag.
Während meines Studiums in Köln hatte ich mir jedoch Verlagswissen aneignen können. Freunde motivierten mich, meinen eigenen Verlag zu gründen. Mutig meldete ich am 1. März 2006 meinen Augen Auf Verlag an und mit „Vollweiblich“ erschien der erste Titel. Auch meine Homepage erhielt diesen Namen: www.vollweiblich.de. Weitere Projekte und Kooperationen führten zu weiteren Veröffentlichungen, wie z. B. die Kunst³-Veranstaltungen mit Musik, Text und Malerei oder die regelmäßigen Kolumnen fürs WIR-Magazin Groß-Gerau, die 2010 unter dem Titel „Kennen Sie das?“ erschienen, 2020 gefolgt von „Sag ich’s oder lass ich’s“.
Booknerds: Wenn man einen Blick ins Verlagsprogramm wirft, fällt sofort auf, dass der Augen Auf Verlag eine sehr individuelle, unverwechselbare Ausrichtung besitzt. Bestimmte Themenfelder finden sich immer wieder. Feminismus spielt eine zentrale Rolle. Einige deiner Veröffentlichungen thematisieren „Gewalt gegen Frauen“, damit einhergehend beschäftigen sie sich mit Fragen um „weibliche Selbstbestimmung“ und „Gleichberechtigung“.
Anette Welp: Themen wie weibliche Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Gewalt gegen Frauen waren für mich immer präsent. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Gleichberechtigung und Offenheit selbstverständlich waren. Deshalb habe ich schon früh bemerkt, dass das nicht überall so ist. Während meines Studiums in Köln habe ich unter anderem bei der Heinrich-Böll-Stiftung, in einer großen Immobiliengesellschaft und beim WDR gearbeitet. Besonders prägend war für mich die Zeit beim WDR. Führungspositionen waren damals überwiegend männlich besetzt, während viele der ersten Redakteurinnen für ihre Positionen kämpfen mussten. Diese patriarchalen Strukturen wirken heute noch – bei Frauen ebenso wie bei Männern. Deshalb ist es wichtig, sich die Mechanismen bewusst zu machen. Ich möchte Frauen ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Männer hinschauen, Verantwortung übernehmen und Frauen aktiv unterstützen.
Booknerds: Deine Bücher beschreiben auf gewisse Weise auch deinen persönlichen künstlerischen Werdegang. Lass uns diesen im Gespräch nachzeichnen. Wo liegen deine Anfänge?
Anette Welp: Eine meiner frühen Erzählungen, „Ene mene meck“, entstand nach einer eigenen Erfahrung mit einem Frauenparkplatz in Köln. Darin ignoriert ein Mann nicht nur die Kennzeichnung des Parkplatzes, sondern auch die Frau, die ihn darauf anspricht. Die Geschichte verbindet Gesellschaftskritik mit schwarzem Humor. Aus dem Thema entstanden später sogar ein Artikel für den Kölner Stadt-Anzeiger sowie ein Fernseh-Interview.
In meinem ersten Erzählband „Ex und hopp. Liebesspiel und Mordeslust“ geht es Männern, die Frauen respektlos behandeln, humorvoll und satirisch an den Kragen. Der Titel wurde vor allem von Frauen sehr positiv aufgenommen und war ein wichtiger Schritt auf meinem literarischen Weg.
Nach einiger Zeit habe ich mein Verlagsprogramm um weitere Autorinnen und Autoren erweitert, häufig im Zusammenhang mit gemeinsamen Projekten. Bei allen Veränderungen der letzten zwanzig Jahre steht mein Interesse an gesellschaftlichen Themen und an Geschichten, die Menschen berühren, zum Nachdenken anregen und Veränderungen anstoßen können im Mittelpunkt.
Booknerds: Welche Kriterien führen zu einem neuen Buchprojekt? Wie kommt es zu einer Zusammenarbeit mit anderen Autor:innen und Künstler:innen?
Anette Welp: Das wichtigste Kriterium für mich ist die Sinnhaftigkeit einer Veröffentlichung. Mich interessieren vor allem Themen, die herausfordern und gesellschaftliche Relevanz besitzen. Besonders wichtig sind mir Bereiche, die häufig tabuisiert werden – sei es, weil sie unbequem sind oder weil man sie mit dem Argument „Das war schon immer so“ ausblendet.
Ich halte es für wichtig, nicht nur über Symptome zu sprechen, sondern auch nach den Ursachen zu fragen. Themen wie Gewalt, Tod, Sterben, Krankheit oder Depressionen dürfen nicht im Verborgenen bleiben. Literatur hat für mich die Aufgabe, sichtbar zu machen, Fragen zu stellen und Räume für Gespräche zu öffnen, die sonst oft nicht stattfinden.
Darüber hinaus liegt mir die Förderung kreativer Vielfalt am Herzen. So kommt es oft zur Zusammenarbeit mit Künstler:innen aus anderen Bereichen. Ich liebe es, mit anderen Kreativen interdisziplinäre Projekte zu realisieren, die Menschen direkt berühren und zum Nachdenken anregen. Mein Ziel ist es, Inhalte zu schaffen, die nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen, sondern nachhaltige Impulse setzen und einen echten Dialog anstoßen.
Booknerds: Ein großer Teil der von dir veröffentlichten Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass den Leser:innen inhaltlich Angebote bereitet werden in schwierigen Lebensphasen. Du hast zahlreiche Titel im Programm, die sich mit Trauer und Verlust auseinandersetzen. Daneben finden sich auch Titel, die auf Krisen und/oder gesellschaftliche Entwicklungen reagieren.
Anette Welp: Der Tod und die Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit sind Themen, die sich wie ein roter Faden durch meine Arbeit ziehen. In meinem Büchlein „Mein Mensch stirbt“ beschreibe ich die monatelange Begleitung eines sterbenden Menschen und die intensive Auseinandersetzung mit dem Abschiednehmen. Entstanden ist der Text nach dem Tod meines Vaters. Es war für mich ein Weg, die eigenen Erfahrungen zu reflektieren und gleichzeitig Worte für etwas zu finden, worüber viele Menschen nur schwer sprechen können.

Gemeinsam mit der Komponistin Susanne Landskron entstand daraus das Hörbuch „Kunst²: Blick durch die Tür“, in dem Literatur und Musik miteinander in Dialog treten und dem Thema eine weitere emotionale Ebene verleihen.
Einige Zeit später stellte sich mir eine Frage, die mich nicht mehr losließ: Was ist schwerer – einen Menschen über einen langen Zeitraum beim Sterben zu begleiten oder ihn plötzlich und unerwartet zu verlieren? Diese Frage und der Tod einer Künstlerkollegin waren der Ausgangspunkt für mein Büchlein „Fragen über Fragen. Plötzlich und unerwartet“.
Darin beschäftige ich mich mit dem Schock einer Todesnachricht, den aufbrechenden Emotionen und dem Versuch, nach einem schweren Verlust wieder Orientierung im eigenen Leben zu finden. Die Texte sind als direkter Dialog mit dem verstorbenen „Du“ geschrieben. Sie greifen Fragen auf, die viele Hinterbliebene bewegen: Wie soll es ohne dich weitergehen? Wie halte ich das aus? Gleichzeitig erinnern sie an gemeinsame Momente, spenden Trost und richten den Blick behutsam auf das Weiterleben.
Besonders berührt mich, dass einzelne Zeilen aus meinen Texten inzwischen – mit Quellenangabe – in Todesanzeigen verwendet werden. Der Satz „Was bleibt, ist die Seele. Sie ist unsichtbar. Wir können sie spüren. Ein Vogelgezwitscher, eine Berührung, eine Stimme, ein Sonnenstrahl im Gesicht.“ zeigt mir, dass Literatur Menschen auch in schwierigen Lebenssituationen begleiten kann. Für mich ist das eine der wertvollsten Formen von Resonanz.
Booknerds: Ein sehr persönliches Buchprojekt war für dich „Alien im Kopf“. Magst du uns die Geschichte hinter dem Titel erzählen?
Anette Welp: Eines der bewegendsten Projekte meiner Verlagsarbeit war die Zusammenarbeit mit Karen Schäfer, der Autorin des Buches „Alien im Kopf. Mein Leben mit einem Glioblastom“.
Kennengelernt habe ich Karen, ihren Mann Klaus und ihre Tochter Ina am 31. August 2020. Karen lebte mit der Diagnose Glioblastom, einem bösartigen Hirntumor. Ihr großer Wunsch war es, ihre Geschichte zu veröffentlichen – nicht als Krankheitsbericht, sondern als lebensbejahendes und mutmachendes Zeugnis. Sie wollte anderen Menschen Hoffnung geben und zeigen, dass auch unter schwierigsten Bedingungen Lebensfreude, Ziele und Selbstbestimmung möglich sind.

Als ich ihr damals noch unvollendetes Manuskript las, war ich tief berührt. Für mich war sofort klar, dass dieses Buch veröffentlicht werden musste. Karen schrieb mit ihrer letzten Kraft weiter, unterstützt von ihrem Mann Klaus. Während dieser Zeit arbeiteten wir sehr eng zusammen. Ich durfte ihre Familie intensiv begleiten und wurde gewissermaßen Teil ihres Alltags. Daraus entstand ein Vertrauensverhältnis, das weit über die übliche Zusammenarbeit zwischen Verlag und Autorin hinausging.
Karens größte Hoffnung war es, ihre damals neunjährige Tochter aufwachsen zu sehen. Gleichzeitig setzte sie sich immer wieder kleine, erreichbare Ziele. Genau darin liegt für mich die besondere Kraft ihres Buches: Es zeigt eindrucksvoll, wie wichtig Selbstwirksamkeit ist und welche Bedeutung kleine Ziele haben können. Sie geben Halt, schaffen Hoffnung und ermöglichen es, selbst in aussichtslos erscheinenden Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Ein besonders bewegender Moment war der 7. Oktober 2020. An diesem Tag konnte ich Karen das erste Exemplar ihres Buches überreichen. Zu sehen, wie ihr großer Wunsch Wirklichkeit wurde, war für uns alle von unschätzbarem Wert. Neun Tage nach der Veröffentlichung verstarb sie. Dass sie ihr eigenes Buch noch in den Händen halten konnte, bedeutet mir bis heute sehr viel.
Für mich zeigt diese Geschichte, welche Kraft Literatur haben kann. Literatur macht sichtbar. Sie bewahrt Erfahrungen, gibt Menschen eine Stimme und schafft Verbindung. Karens Buch ist wertvoll und würdevoll, weil es nicht nur von Krankheit erzählt, sondern vor allem von Mut, Hoffnung und Lebenswillen.
Der letzte Satz ihres Buches lautet: „Vielleicht findet die Medizin in der Zwischenzeit ein Heilmittel.“ Dieser Satz berührt mich bis heute. Er steht für die Hoffnung, die Karen trotz allem nie aufgegeben hat.
Karen Schäfer verstarb am 19. Oktober 2020. Ihre Geschichte aber lebt weiter – und erreicht durch ihr Buch noch immer Menschen, die Trost, Mut und Zuversicht suchen.
Booknerds: Ein Name, der in deinem Verlagsprogramm mehrfach auftaucht ist Ody vam Bruok. Was magst du uns von diesem Kollegen und der Zusammenarbeit mit ihm berichten?
Anette Welp: Ich freue mich sehr, dass Ody vam Bruok mein Verlagsprogramm bereichert. Er ist ein außergewöhnlicher Dichter, Bühnenautor und Rezitator. Seine sprachliche Virtuosität beeindruckt mich immer wieder. Seine Bücher stehen für sprachliche Qualität, Humor und Tiefgang – eine Kombination, die man nur selten findet. Nicht umsonst wird er von der Presse als außergewöhnlicher Wortkünstler beschrieben und mit großen Namen wie Morgenstern, Busch oder Erhardt verglichen. Für mich ist er ein Autor, dessen Werke man immer wieder neu entdecken kann.

Mit Ody vam Bruok verbindet mich eine langjährige Freundschaft. Aus unserem Wunsch, irgendwann einmal zusammen ein Buchprojekt zu verwirklichen, wurde 2021 das erste Mal Wirklichkeit mit dem Lyrikband „Alles Schöne – trotzdem. Gedichte für durchwachsene Zeiten“. Unser Anliegen war es in einer für uns alle sehr herausfordernden Zeit, die für viele Menschen von Unsicherheit, Belastungen und Einschränkungen geprägt war, mit Poesie ein wenig Leichtigkeit, Hoffnung und Zuversicht zu schenken.
„Alles Schöne – trotzdem“ ist ein kleiner literarischer Garten voller beschwingter Texte. Gedichte, die nicht problematisieren, nicht anklagen und nichts durch den Kakao ziehen, sondern mit feinem Gespür beobachten, beschreiben und umspielen, was das Leben trotz allem lebenswert macht.
Booknerds: Eine weitere künstlerische Partnerin ist deine Tochter, die Fotografin Nadine Grüßgen. Mit ihr hast du inzwischen zwei Bücher realisiert. Wie kam es dazu?

Anette Welp: Unsere erste gemeinsame Veröffentlichung war „Ein Wunder, bitte!“. Den Anstoß dazu gab meine Rede für das Projekt „Ungehaltene Reden von ungehaltenen Frauen“, das von der Stiftung Brückner-Kühner und dem Verlag S. Fischer Theater und Medien initiiert wurde. Aus den Gedanken und Texten, die im Rahmen dieses Projekts entstanden, entwickelte sich nach und nach die Idee zu einem Buch. Als Nadine dazukam, wurde daraus – getragen durch unsere familiäre Verbundenheit, unseren gegenseitigen Respekt und die Freude am kreativen Austausch – ein echtes Herzensprojekt. „Ein Wunder, bitte!“ vereint zwei künstlerische Perspektiven und zugleich zwei Generationen: Mutter und Tochter. Ich arbeite mit Worten, Nadine mit Bildern. Wir teilen viele Sichtweisen auf die Welt, erleben sie aber auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Nadine hatte die Freiheit, meine Texte fotografisch auf ihre ganz eigene Weise zu interpretieren. Dadurch entstand kein illustriertes Buch im klassischen Sinn, sondern ein kreativer Dialog zwischen Sprache und Fotografie.
Für die Gedicht-Anthologie „schwarzweiß.dazwischenalles“ haben wir uns erneut zusammengetan. Die Texte kreisen um Liebe und Verletzlichkeit, Freundschaft und Sehnsucht, Abschied und Sterben, aber auch um die Herausforderungen unserer Gegenwart. Sie erzählen von den hellen und dunklen Seiten des Lebens – von all dem, was zwischen Schwarz und Weiß liegt. Daraus erklärt sich auch der Titel des Buches: Es geht um die vielen Zwischentöne, die unser Leben ausmachen. Nadine hat das Buch mit 23 Fotografien bereichert, die auf Formentera entstanden sind – einem Ort, der für mich seit vielen Jahren eine besondere, fast meditative Bedeutung hat und an dem ich mich zutiefst zuhause fühle. Mit ihrem ganz eigenen künstlerischen Blick hat Nadine den Gedichten eine visuelle Ebene hinzugefügt, die weit über eine bloße Illustration hinausgeht. Entstanden ist ein Buch, das einlädt, sich Zeit zu nehmen, nachzuspüren und vielleicht auch den eigenen Gedanken und Gefühlen zu begegnen. Genau das wünsche ich mir von Literatur und Kunst: dass sie berühren, verbinden und Räume für Reflexion schaffen.
Booknerds: Liegt in der klaren Fokussierung auf bestimmte Themen und Zielgruppen dein Erfolgsgeheimnis?
Anette Welp: Für mich war und ist es wichtig, einen klaren Fokus zu haben und meiner eigenen Haltung treu zu bleiben. Ich würde niemals ein Buch veröffentlichen, hinter dem ich nicht stehe oder zu dem ich keine persönliche Verbindung habe – selbst dann nicht, wenn es sich vermutlich sehr gut verkaufen ließe. Wirtschaftlicher Erfolg allein war für mich nie das entscheidende Kriterium.
Literatur und
Verlagsarbeit sind für mich deshalb weit mehr als die Veröffentlichung von
Büchern. Sie sind auch eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe und der bewussten
Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit.
Ebenso wichtig war mir immer, unabhängig zu bleiben. Ich wollte nie in die Situation geraten, schreiben oder veröffentlichen zu müssen. Im Laufe der Jahre habe ich ein gutes Gespür für Themen entwickelt, die zu mir und meinem Verlagsprofil passen. Dabei geht es mir vor allem darum, den Blick auf Themen zu lenken, die häufig übersehen, verdrängt oder tabuisiert werden – ganz im Sinne des Mottos „Augen Auf“.
Das bedeutet manchmal auch, sich schwierigen oder kontroversen Themen zu stellen. Wenn es beispielsweise um Gewalt, gesellschaftliche Ausgrenzung oder extreme Gruppierungen geht, braucht es Mut, Haltung zu zeigen. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten oft polarisiert geführt werden, ist es nicht immer einfach, eine klare Position einzunehmen. Dennoch halte ich es für wichtig, für die Werte einzustehen, die die eigene Arbeit prägen.
Literatur und Verlagsarbeit sind für mich deshalb weit mehr als die Veröffentlichung von Büchern. Sie sind auch eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe und der bewussten Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit.
Booknerds: Darf man sagen, dass deine Publikationen davon leben, mit den Leserinnen und Lesern in einen sehr direkten, persönlichen Dialog zu treten? Deine bevorzugten Textformen sind Lyrik und Kurzprosa, also Formate, die auch mit geringem zeitlichem Aufwand im Alltag „konsumiert“, also aufgenommen, werden können. Auch das unterstreicht den kurzen Weg, die schnell herstellbare Nähe, zu den Lesenden, oder nicht?
Anette Welp: Lyrik und Kurzprosa sind für mich besondere Textformen, weil sie eine hohe Verdichtung verlangen. Das erfordert sprachliche Präzision, aber auch analytischen und emotionalen Tiefgang. Ich persönlich lese und schätze sowohl Kurzgeschichten als auch Lyrik sehr. Deshalb war es für mich naheliegend, mein Verlagsprogramm auf diese Formen auszurichten. Gleichzeitig schließe ich nicht aus, auch längere Prosatexte zu veröffentlichen, wenn sie inhaltlich und formal zu meinem Programm passen.
Ob Kurzprosa oder Lyrik weniger zeitlichen Aufwand bedeutet als ein Roman, ist dabei eine interessante Frage. Für mich ist Schreiben in erster Linie ein Prozess der Auseinandersetzung – mit mir selbst, mit Erfahrungen und mit inneren Themen.
Was ein Text anschließend bei Leserinnen und Lesern auslöst, ist etwas völlig Eigenes. Literatur kann Gedankenprozesse anstoßen, etwas in Bewegung setzen, Klarheit schaffen oder sogar Veränderungen im eigenen Verhalten auslösen. Genau darin liegt für mich die besondere Kraft von Sprache – und das ist etwas, das mich immer wieder fasziniert.
Booknerds: Neben der Herausgabe von Büchern bietest du auch noch Schreibkurse an. Teilweise mit dem Ergebnis, das sich aus diesen Workshops neue Buchprojekte ergeben. War das von Anfang an so geplant oder eher eine glückliche Fügung? Magst du uns hierzu einen kleinen Einblick geben mit Hinweis auf die betreffende Veröffentlichung?
Anette Welp: Ein sehr prägendes Projekt für mich waren 2010 bis 2011 meine Lesungen in verschiedenen Frauengefängnissen, u.a. in Frankfurt-Preungesheim, Köln-Ossendorf, der JVA Rohrbach in Wöllstein und der JVA Würzburg. Diese Erfahrungen haben mich nachhaltig bewegt und dazu geführt, dass ich im Anschluss auch Vorträge über Frauen in Haft gehalten habe.
Aus diesen Begegnungen heraus entstand 2014 die Idee, kreative Schreibkurse zur Selbstreflexion anzubieten. Im Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim leitete ich damals einen mehrtägigen Workshop mit dem Titel „Ich öffne meine Augen und sehe MICH“ für junge Frauen mit Migrationshintergrund.

Seitdem biete ich kontinuierlich meine „KreativSchreibKurse“ zur Selbstreflexion an. Im Laufe der Jahre habe ich im Rahmen der Reihe „Bilder von der Seele schreiben“ rund 60 unterschiedliche Workshop-Konzepte zu verschiedenen Themen entwickelt.
Schreiben verstehe ich dabei als eine sehr wirkungsvolle Möglichkeit, das eigene Leben zu betrachten und zu reflektieren. Es kann helfen, Erlebnisse zu ordnen, belastende Erfahrungen zu verarbeiten und zugleich den Blick auf eigene Kraftquellen zu richten. Indem das Erlebte auf Papier gebracht wird, entsteht oft Distanz zu schwierigen Erfahrungen – und gleichzeitig ein Zugang zu Ressourcen, die zuvor nicht bewusst waren.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht das literarische Handwerk. Ziel ist es, den Schreibfluss zu aktivieren und unterschiedliche Ausdrucksformen auszuprobieren. Ich arbeite mit kreativen Impulsen wie Karten, Satzanfängen, kleinen Schreibaufgaben oder auch kurzen meditativen Elementen. So entstehen Texte, die eine Verbindung schaffen zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen Kopf und Gefühl.
Im Anschluss besteht die Möglichkeit, die Texte vorzulesen. Dabei entsteht häufig ein großer Moment des Erkennens: Themen ähneln sich, Perspektiven ergänzen sich, und neue Einsichten werden möglich. Mich berührt es immer wieder, wenn Menschen durch ihre eigenen Texte Mut fassen, sich öffnen und sich selbst in einem neuen Licht wahrnehmen.
In den vergangenen zwölf Jahren sind auf diese Weise sehr vielfältige und tiefgehende Texte entstanden. Zehn Frauen haben sich entschieden, ihre Texte auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Daraus ist im Oktober 2025 das Buch „Licht an, Kopf aus! Frauen schreiben“ entstanden.
Da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig es für unbekannte Autorinnen und Autoren sein kann, einen Verlag zu finden, empfinde ich es als große Fügung, dass ich solche Projekte im Rahmen meines eigenen Augen Auf Verlags realisieren kann. Für mich schließt sich damit ein Kreis zwischen kreativer Arbeit, Selbstreflexion und der Möglichkeit, Stimmen sichtbar zu machen, die sonst vielleicht ungehört blieben.
Booknerds: Wer unterstützt dich in deiner Arbeit? Du bist zwar Kopf und Herz deines Verlages, machst aber doch sicher nicht alles allein?
Anette Welp: Ich bin tatsächlich ein „Ein-Frau-Verlag“ – vieles stemme ich selbst, und das ist im Alltag oft ein Balanceakt zwischen Organisation, Kreativität und struktureller Arbeit. Umso wichtiger ist für mich ein verlässliches Umfeld. Große Unterstützung erfahre ich durch meinen Mann, der mir nicht nur den nötigen Freiraum gibt, sondern mich auch sehr praktisch begleitet. Diese stille, konstante Unterstützung ist für mich von unschätzbarem Wert.
Meine Tochter begleitet den Verlag kreativ mit Fotografie, Covergestaltung und Videoprojekten. Durch ihre professionelle Ausbildung und ihren eigenen künstlerischen Blick bringt sie eine wichtige visuelle Ebene in meine Arbeit ein und erweitert das Verlagsprofil auf besondere Weise.
Trotz der zahlreichen Verlagsaufgaben ist es mir wichtig, mir bewusst Zeiträume für das Schreiben zu erhalten. Denn das Schreiben war der Ursprung all dessen und bleibt mein persönlicher Ausgangspunkt.
Wenn es gelingt, im
eigenen Tun Sinn zu finden, entsteht eine große innere Stimmigkeit – und daraus
auch Kraft und Freude für die Arbeit.
Mein Verlag ist dabei auch ein gutes Pendant zu meiner hauptberuflichen Tätigkeit im Rathaus. Beide Bereiche ergänzen sich und geben mir die Möglichkeit, unterschiedliche Facetten meines Arbeitens zu leben.
Seit 2018 male ich zudem Bildcollagen zu meiner Lyrik, was für mich eine sehr meditative und bereichernde Erweiterung meines künstlerischen Ausdrucks geworden ist.
Ich bin überzeugt, dass ich all diese Bereiche miteinander verbinden kann, weil ich Beruf und Berufung nicht trenne. Vieles greift ineinander – Verlagsarbeit, kreatives Schreiben, systemische Arbeit, meine eigene Autorinnentätigkeit sowie mein Engagement in der Frauen- und Gleichstellungsarbeit. Wenn es gelingt, im eigenen Tun Sinn zu finden, entsteht eine große innere Stimmigkeit – und daraus auch Kraft und Freude für die Arbeit.
Booknerds: Welche Rolle spielen für dich Buchmessen beziehungsweise Veranstaltungen ganz generell?
Anette Welp: Buchmessen spielen für mich eine besondere Rolle, und ich freue mich jedes Mal sehr über diese Gelegenheiten, meine Arbeit und meine Projekte einem interessierten Publikum vorzustellen. Bis heute bin ich regelmäßig auf ausgewählten, eher überschaubaren Messen vertreten, darunter die Riedbuchmesse, die Minipressenmesse sowie die Mainzer Buchmesse. Gerade in diesem Rahmen erlebe ich meine Arbeit als gut sichtbar und gut verortet. Größere Messeformate haben für mich persönlich weniger Relevanz – nicht zuletzt auch aus ganz praktischen, finanziellen Gründen.
Eine wichtige Rolle spielt darüber hinaus der fachliche und kollegiale Austausch mit anderen Verlegerinnen und Verlegern, Lektorinnen und Lektoren sowie Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Bereichen. Diese Vernetzung ist für mich nicht nur inspirierend, sondern auch ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit, weil sie Perspektiven erweitert und neue Impulse gibt.
Booknerds: Kannst Du uns einen kleinen Ausblick geben, welche Projekte in der nächsten Zeit zu erwarten sind?
Anette Welp: Ich freue mich sehr, dass ich derzeit intensiv an meinen eigenen Erzählungen arbeiten kann, die voraussichtlich im Februar 2027 erscheinen sollen. Diese Geschichten sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden und befinden sich zum Teil noch im Entstehungsprozess. Die bereits fertiggestellten Texte werden aktuell lektoriert und weiterentwickelt. Für mich ist das ein sehr konzentrierter und auch persönlicher Arbeitsprozess.
Parallel dazu plane ich für Oktober 2026 – passend zur Mainzer Buchmesse – ein weiteres Buchprojekt gemeinsam mit meinen Autorinnen. Auch dieses Buch befindet sich derzeit in der Entwicklung. Es wird dabei sicherlich eine kleine Überraschung geben, denn meine Tochter, die Fotografin Nadine Grüßgen, wird erneut mit ihren Bildern beteiligt sein und das Projekt visuell mitgestalten.
Eine neue Idee, die mir sehr am Herzen liegt, sind KreativSchreibKurse speziell für Männer. Dafür gibt es in diesem Jahr ein erstes Angebot mit drei möglichen Terminen. Ich bin gespannt, wie dieses Format angenommen wird und welche neuen Perspektiven sich daraus ergeben.
Booknerds: Wie wird der Verlagsgeburtstag gefeiert? Kaffee, Kuchen und ein großes Feuerwerk?
Anette Welp: So in etwa. Es wird ein Highlight. Am 27. und 28. Juni 2026 findet ein Jubiläumsfestival statt: „20 Jahre Augen Auf Verlag“ im Kunst-Würfel in Bischofsheim. Dieses Festival mit insgesamt vier Veranstaltungen ist für mich eine große organisatorische und inhaltliche Herausforderung.
Der Eintritt ist frei. Alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler verzichten auf ihre Gage. Stattdessen wird es eine Spendenbox zugunsten des Hospiz Mainspitze e.V. geben. Mir ist es wichtig, mit diesem Jubiläum nicht nur zurückzublicken, sondern auch ein Zeichen für Gemeinschaft und Solidarität zu setzen.
Booknerds: Danke, Anette, für die interessanten Einblicke in deine Verlagsarbeit. Ich bin gespannt, wie sich das Profil in den kommenden Jahren entwickeln wird und wünsche dir ganz viel Erfolg.
Das Interview führte Britta Röder







