Herbert Clyde Lewis – Ein Gentleman über Bord (Buch)

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Selbst wenn man über Bord eines Schiffes geht, kann man das ganz individuell wahrnehmen. So wie der New Yorker Geschäftsmann Henry Preston Standish zum Beispiel, der mit acht anderen Passagieren auf dem Frachter „Arabella“ die selten bereiste Strecke zwischen Panama und Hawaii zurücklegt. Er ist der „Gentleman über Bord“, über den Herbert Clyde Lewis schreibt. Und was macht ein Gentleman, wenn er zufällig und unbeobachtet über Bord geht? Er krakeelt nicht herum, er schweigt und er kümmert sich erst einmal darum, sich elegant und unaufgeregt von der Schiffsschraube zu entfernen. Schließlich ist das Ganze ja eine unerfreuliche und schambehaftete Angelegenheit für ihn.

Männer vom Schlage Henry Preston Standishs stürzten nicht einfach so von einem Schiff mitten in den Ozean. So etwas macht man schlichtweg nicht, das war alles. Es war eine blöde, kindische, ungezogene Tat. […] Von einem Schiff zu fallen bereitete den Leuten eine Menge Ärger. Sie mussten Rettungsringe auswerfen. Der Captain und der Erste Maschinist mussten das Schiff anhalten und umkehren. […] Und dann war da noch der Anblick von Standish, triefnass und beschmutzt, wenn er in die Sicherheit des Schiffs zurückbefördert wurde.S. 25

Und so tritt der Gentleman erst einmal auf der Stelle, hält sich über Wasser und sieht irritiert, wie sich das riesige Heck des Frachters entfernt. „Nach Lage der Dinge war Standish selbst noch in diesem Moment durch seine Erziehung zum Gentleman verdammt. Die Standishs waren keine Schreihälse.“

So absurd die Situation und das Verhalten des Protagonisten sind – Herbert Clyde Lewis hat die Gedankengänge des Gentlemans in einer wunderschönen Sprache formuliert, in der beständig ein leicht tragisch-ironischer Unterton mitschwingt. Während Henry zunächst zusieht, wie die „Arabella“ zu einem winzigen Punkt wird und schließlich ganz aus seinem Sichtfeld verschwindet, lernen wir durch seine Überlegungen und Erinnerungen die übrigen Passagiere kennen, erfahren von seiner Sinnkrise in der Vergangenheit und verfolgen, wie er die Wahrheit nach und nach realisiert: Niemand hat seine Abwesenheit bemerkt, und er wird nicht gerettet werden.

Der Geschäftsmann bleibt dabei kontinuierlich seiner Erziehung verpflichtet, wägt ab, reflektiert über sein Leben und ist sich dessen wohl bewusst, dass sein privilegierter und kultivierter Lebensstil schuld an dieser unerfreulichen und tödlichen Situation ist.

Er war auf eine gewisse Art kultiviert, dazu gehörten die tief verwurzelten Eigenheiten einer edlen Herkunft und ein Geist, der die ruhigeren, feineren Dinge im Leben schätzte. Ein eiserner Grundsatz lautete auch: Sei lieb zu Kindern, verneige dich vor den Damen, wenngleich nicht zu überschwänglich, geh auf der rechten Straßenseite und der ganze Quatsch. Kein großer Nutzen, eigentlich überhaupt kein Nutzen fürs Schwimmen im Ozean, wie Standish feststellte, abgesehen von dem Teil des Grundsatzes, der ihm das verlieh, was gemeinhin als eiserner Wille bekannt war.S. 133

Der Mare-Verlag hat den 1937 erschienene Roman in einem wunderschönen Schuber wiederveröffentlicht und mit einem Nachwort von Jochen Schimmang versehen. So erfährt man nicht nur noch einige interpretierende Worte zum Inhalt des Romans, sondern auch Interessantes zum Autoren und der Veröffentlichungsgeschichte.

Fazit:

Mit Herbert Clyde Lewis‘ „Gentleman über Bord“ hat der Mare-Verlag eine richtige kleine Perle geschaffen – eine ungewöhnliche und tragische Geschichte, psychologisch so fein beobachtet und stilistisch in einem absolut passenden Ton geschrieben. Eher nichts für die große Masse, sondern vielmehr etwas sehr Besonderes für Lesende, die schöne Sprache, existenzielle Gedanken mit Tiefgang und liebevolle Aufmachung mögen. 

  • Autor: Herbert Clyde Lewis
  • Titel: Gentleman über Bord
  • Originaltitel: Gentleman Overboard
  • Übersetzer: Klaus Bonn
  • Verlag: Mare
  • Erschienen: 06/2023
  • Einband: Leineneinband im Schuber
  • Seiten: 176
  • ISBN: 978-3-86648-696-6
  • Buchkritik „Gentleman über Bord“ bei Deutschlandfunk Kultur
  • „Gentleman über Bord“ von Herbert Clyde Lewis beim Mare-Verlag

Wertung: 15/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share