
Über die letzten Monate musste ich mich immer wieder fragen, was ich gegen den Rechtsruck in Deutschland machen kann. Die Konsequenzen davon sind bereits mehr als deutlich: Rechte Narrative erschaffen und dominieren Diskurse (off- und online), Wahlergebnisse sorgen dafür, dass Leute Bundesländer verlassen, Journalisten werden auf (rechten) Demos angegriffen und Leute haben Angst in der Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen – insbesondere wenn man sich für Menschenrechte und Gleichberechtigung ausspricht. Manchmal fällt es mir deswegen schwer, hoffnungsvoll für eine bessere Zeit zu sein. Maria Ressas Buch “How To Stand Up To A Dictator” hat mir aber geholfen, wieder ein bisschen mehr Mut zu fassen.
Die amerikanisch-philippinische Redakteurin und Journalistin Maria Ressa (unter anderem bekannt durch ihre Krisenreportagen für die BBC oder ihrer Leitung des philippinischen Newsportal Rappler) hat in ihrem Buch (was teilweise auch eine Autobiographie ist) “How To Stand Up To A Dictator” eindrucksvoll gezeigt, wie die Plattform Facebook (wissentlich) zum weltweiten Rechtsruck beigetragen hat und wie sie wegen ihren Enthüllungen zu mehreren Jahrzehnten Haftstrafe verurteilt wurde. Viel wichtiger aber: Sie hat gezeigt, wie wichtig es ist, Rückgrat in Krisenzeiten zu beweisen und sich nicht unterkriegen zu lassen, wenn etwas Wertvolles auf dem Spiel steht.
Maria Ressa ist eine Expertin, wenn es darum geht, Diktatoren ans Bein zu pissen: Nicht nur hat sie jahrelang als Journalistin für die BBC gearbeitet und über die Entwicklungen in Krisen- und Kriegsgebieten berichtet. Maßgeblich war sie daran beteiligt, demokratische Medienstrukturen in den Philippinen aufzubauen und war mit ihren Projekten ein Trailblazer für Vieles, was heute Alltag für politischen Aktivismus und zivilgesellschaftliches Engagement im Internet ist. Dazu gehören Umfragen, Lokaljournalismus und ziviles Krisenmanagement.
Ressa hatte das Glück, in den Philippinen und den USA eine gute Ausbildung genossen zu haben – sowohl durch die Förderung ihrer Familie, außerschulische Angebote und verschiedene universitäre Stipendien. Diese hat sie nach einer Findungsphase als junge Erwachsene genutzt, um für die BBC weltweit über Konflikte und Kriege zu berichten und später mit ihren Freundinnen unabhängige Medien in den Philippinen aufzubauen. In Abgrenzung zu den philippinischen Medieninstitutionen, die zuvor von Korruption und Vetternwirtschaft zerfressen waren, war es der Gruppe wichtig, einen journalistischen Ethos zu etablieren, demokratisch zu handeln und unabhängig und unbestechlich zu sein. Auch hat sie nie verheimlicht eine Lesbe zu sein – schon zu einer Zeit, in der diese Info zu gesellschaftlichen und beruflichen Ausschluss führen konnte.
Der Aufbau fand unter denkbar schlechten Bedingungen statt: Die Medienlandschaft (wie viele andere Institutionen auch) war von Korruption, Vetternwirtschaft und voreiligen Gehorsam für die nächste Regierung gebeutelt. Erschwert wurde das zusätzlich dadurch, dass die Philippinen sich in einem ständigen Wechsel zwischen Demokratie und Diktatur befanden und es deswegen kein nachhaltiger Strukturaufbau möglich war. Als aber nach einer vergleichsweise stabilen Periode Ferdinand Marcos Jr. Präsident wurde – ein Mann, der zwar den Drogen in den Philippinen den Kampf angesagt hat, aber das vermeintliche Problem als Ausrede für den Abbau des philippinischen Rechtsstaats nutzte -, haben Ressa und ihr Team Veränderungen in der Medienlandschaft beobachtet: Vermehrt wurden Bots verwendet, um Stimmungsbilder unter Posts zu verzehren oder direkt Fake News zu verbreiten. Influencer, die zuvor noch nie politische Inhalte gepostet haben, wurden zur Speerspitze von Propagandamaschinerien rechter Gruppen und erhielten sogar hohe politische Ämter unter Marcos. Still aber effektiv wurde deutlich: Wenn es früher Zeit, Raum und Nachfrage für qualitativen Journalismus gab, wurde dieser mit der rechten Vereinnamung von Social Media gnadenlos in den Boden gestampft. Und das Ergebnis war ein Rechtsruck der philippinischen Gesellschaft und ein übermächtiger Präsident, der das Internet nutzt, um seine Gegner zum Schweigen zu bringen.
Facebook wurde explizit von politischen Akteuren wie etwa Marcos strategisch missbraucht, um die Demokratie in den Philippinen zu bekämpfen. Das Schlimme? Facebook wurde wiederholt von NGOs weltweit darüber informiert und diese noch neue Entwicklung wurde schnell von Studien bewiesen. Mark Zuckerberg wurde sogar persönlich von Maria Ressa gewarnt. Die Folge? Facebook hat mit Updates ihrer Algorithmen den Prozess sogar noch verschlimmert und dafür gesorgt, dass sich Echokammern bildeten und kaum zu entkommen sind.
Ressa arbeitet heraus, wie perfide und kaltblütig das Internet dazu missbraucht wurde, das Leben von Milliarden von Menschen zu verschlimmern, professionelle journalistische Arbeit zu diskreditieren und zur Zielscheibe rechter Hetze zu machen – während Facebook und verantwortliche Politiker keine (rechtlichen oder politischen) Konsequenzen befürchten mussten. Das ist ernüchternd und beängstigend. Auch ein Blick auf deutsche Social Media spiegelt diese Entwicklungen wider, gerade wenn es um Migration, Klima oder Flucht geht.
Überraschenderweise hat sich Ressa aber dagegen entschieden, das Buch hoffnungslos enden zu lassen. Stattdessen richtet sie an die Lesenden einen Appell: Wir dürfen nicht aufgeben. Wir müssen unsere Demokratie verteidigen und die Standards an Journalismus, Politik und Gerichten hochhalten. Dafür müssen wir aber als Zivilgesellschaft zusammenhalten und Unrecht klar und deutlich anprangern.
In Zeiten von konsequenzloser, menschenverachtender Propaganda, die nicht nur im Internet, sondern mittlerweile auch in unseren Parlamenten stattfindet, ist Resos Buch ein Must-Read. Sie zeigt zielgerichtet heraus, wie gerade Facebook maßgeblich einen Nährboden für den Rechtsruck verschiedener Demokratien geboten und sogar angefacht hat. Sie zeigt, wie wichtig es ist, täglich ein Rückgrat zu zeigen und standhaft zu bleiben. Und sie zeigt, wieso es wichtig ist, hoffnungsvoll zu bleiben.
- Autor: Maria Ressa
- Titel: How To Stand Up To A Dictator
- Originaltitel: How To Stand Up To A Dictator
- Übersetzer: Henning Dedekind,Marlene Fleißig,Frank Lachmann,Hans-Peter Remmler
- Verlag: Quadriga
- Erschienen: 2022
- Einband: Hardcover
- Seiten: 368
- ISBN: 978-3-86995-121-8
- Sprache: deutsch, englisch
- Sonstige Informationen:

Wertung: 13/15 dpt







