Ein Blick nach vorn und zurück
Die Bordingenieurin des Raumschiffs Merian, Ariadne O’Neill, schickt einen Missionsbericht zur Erde, der in vierzehn Jahre das Ziel erreichen wird. Vor fünfzig Jahren startete die Lawki 6 Mission zur Erforschung von Exoplaneten, auf denen es sicher oder höchstwahrscheinlich Leben gibt. Die Reise verschlafen Ariadne und die mitreisenden Missionsspezialisten in Kryostase. Jedoch werden ihre Körper während der Reise nicht nur konserviert – sondern verändert. Der Codex ihrer durch Crowdfunding finanzierten Mission besagt, dass sie auf den besuchten Welten möglichst keine Spuren hinterlassen sollten. Nicht Terraforming (Umwandlung des Planeten mit dem Ziel, ihn der Erde anzugleichen), sondern Somaforming findet statt. Die Körper der Raumfahrenden werden an die Bedingungen des Exoplaneten angeglichen.
Der Eismond Aecor überrascht die Crew, die Supererde Mirabilis begeistert sie durch eine ungewöhnlich andersartige Artenvielfalt. Der Wasserplanet Opera fordert sie bis zur Grenze des Erträglichen heraus. Und schließlich hält Votum, ein felsiger Planet mit gebundener Rotation (eine Seite ist immer der Sonne zugewandt, eine andere der Sonne abgewandt) eine naturwissenschaftliche Sensation bereit. Die Erforschung lässt sich jedoch nicht immer mit dem Codex, nichts zu verändern, vereinbaren. Und die Nachrichten von der Erde künden von ihrer Zerstörung und beunruhigen die Crew. Sie werden schließlich nicht mehr abgerufen. Bis am Ende einer Mission ein schwerwiegender Fehler passiert.
Gegenwart, Zukunft und Verantwortung
„Und hoffentlich zu lernen“ beschreibt einen möglichen Alltag von Wissenschaftler:innen auf fremden Planeten. Neugier und Enthusiasmus für detaillierte Beobachtungen von Lebensformen bestimmen zunächst die Atmosphäre des Kurzromans. Ein wenig erinnern die Beschreibungen eines Lebens auf fernen Welten an die von Andy Weir in „Der Marsianer“. Sie sind detailliert, aber nie kompliziert, mit philosophischer Tiefe, aber immer nah am Geschehen.
Als roter Faden zieht sich die Frage nach Verantwortung und Respekt durch die Geschichte, die Menschen für Welten mitbringen sollten, sobald sie sie betreten. Dieser Aspekt steht auch in Nils Westerboers Roman „Lyneham“ im Mittelpunkt, betrachtet aus der Sicht einer Wissenschaftlerin und aus der eines Kindes. Auch wenn es sich bei beiden Büchern um Science-Fiction handelt und die Handlung Menschen auf ferne Planeten schickt, wird sehr schnell klar, worum es geht: Nämlich um den Raubbau an und die Zerstörung unserer Heimat, unserer Lebensgrundlage – der Erde.
Düsterer als gewohnt und doch voller positiver Energie
Becky Chambers schrieb das Buch ab 2018 und es erschien 2019, also vor der Corona-Pandemie. Ihre Geschichte reflektiert Wert und Bedeutung von Grundlagenforschung zu Lebensformen aller Art ebenso wie die Verwundbarkeit der Erde im Angesicht des menschengemachten Klimawandels. Anders als in der „Dex und Helmling“ Dilogie präsentiert die Autorin in „Und hoffentlich zu lernen“ keine Utopie, sondern vielmehr eine Geschichte über die Vernichtung einer utopischen Epoche. Die Stimmungslage der Crew wandelt sich von einer unbändigen Euphorie zu einer stillen Traurigkeit. Was allerdings vor allem die Ich-Erzählerin Ariadne immer wieder antreibt, ist ihre Entschlossenheit. Und das ist vielleicht die wichtigste Take Home Message, die uns „Und hoffentlich zu lernen“ mit auf den Weg gibt: Wir haben immer die Wahl und können lernen und handeln.
- Autorin: Becky Chambers
- Titel: Und hoffentlich zu lernen
- Originaltitel: To Be Taught If Fortunate
- Übersetzerin: Karin Will
- Verlag: Carcosa Verlag
- Erschienen: 10/2025
- Einband: Hardcover mit Lesebändchen
- Seiten: 220
- ISBN: 978-3-910914-32-2
- Sonstige Informationen:
- Produktseite beim Verlag

Wertung: 14/15 dpt








