Alice Renard ist 2002 in Paris geboren und interessiert sich besonders für Neurodiversität und Hochsensibilität. Dieses Interesse merkt man auch „Hunger und Zorn“ an, welcher ihr Debütroman ist, in Frankreich für mehrere Preise nominiert war und den Prix Méduse und den Proix littéraire de la Vocation gewann.
Isor, die Protagonistin ist ein ungewöhnliches Kind, das ihre Eltern vor einige Herausforderungen stellt. Sie spricht nicht, scheint nicht lernen zu können, spielt nicht mit anderen Kindern und hat dafür aber Wutanfälle, bei denen auch schonmal das Mobiliar der Familie zu Bruch geht. Vorzugsweise streift sie durch ihre Wohngegend, ihre Eltern wissen häufig nicht wo sie sich aufhält, und nach etlichen fachärztlichen Meinungen und Terminen scheinen sie zu resignieren und Isor einfach so zu nehmen, wie sie ist. Bis Isor sich mit dem alten Nachbarn Lucien anfreundet, ihre Tage dort verbringt und plötzlich alles nicht mehr so zu sein scheint wie gedacht …

Deutlich werden die Gefühle der Eltern, (und vor allem ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf Isor), besonders in der ersten Hälfte des Buches. Diese besteht aus Gesprächsfragmenten, als würden Vater und Mutter unabhängig voneinander jemand Außenstehendes Isors Geschichte erzählen, dabei jedoch keinem Zeitstrahl folgen. Ich gebe zu, dass mich besonders diese nicht-chronologische Vorgehensweise sehr verwirrt hat. Denn wenn in einem Schnipsel noch davon die Rede ist, dass Isor erst fünf Jahre alt ist und es im nächsten als ganz normal angesehen wird, dass sie ihre Tage alleine im Park verbringt, wirft das für mich Fragen auf.
Der Blick der Mutter auf Isor ist sehr zugewandt, sehr zärtlich, sehr akzeptierend. Der des Vaters ist da deutlich defizitorientierter, scheinbar verzweifelter und mehr an Normalität appellierender. Das beide sich grundsätzlich nicht häufig einig darüber sind, was gut für Isor ist, zeigt sich auch während ihrer Freundschaft zu Lucien, zu der beide sehr unterschiedliche Einstellungen haben. Hier wirkt die Mutter sehr misstrauisch, fast schon eifersüchtig und besitzergreifend, während der Vater einfach froh zu sein scheint, dass es Isor gut geht und er sich um nichts kümmern muss.
Bis zu dieser Freundschaft mit Lucien fand ich das Buch durchaus nachvollziehbar und es baute sich langsam Spannung auf, als würden wir auf einen bestimmten Punkt hinsteuern. Ab dem Punkt als Isor Lucien kennenlernt, verändert sich die Erzählperspektive und Lucien selbst wird zum Erzähler. Ihn fand ich zunächst auch sehr glaubwürdig geschrieben und hatte beim Lesen die Hoffnung, hier eine wirklich schöne generationenübergreifende Freundschaftsgeschichte lesen zu können. Leider fand ich einige seiner Äußerungen über Isor jedoch sehr unreflektiert und fast schon obsessiv – teilweise machte es den Anschein, als wäre er verliebt in das Kind. Er richtet sein komplettes Leben nach ihr aus, gibt ihr Kosenamen, schenkt ihr Schmuck und scheint auch in Gedanken ständig nur um sie zu kreisen. Vielleicht bin ich da etwas konservativ eingestellt, aber für mich war das teilweise fast schon unangenehm zu lesen. Das einzige, was mir an dieser Freundschaft gut gefallen hat und für mich auch zeigte, dass zwischen beiden ein tiefes Verständnis herrscht, war ihr gemeinsamer Umgang mit Musik.
Die sich anbahnende Katastrophe findet dann im letzten Drittel statt: Isor (gerade 16 Jahre alt) verschwindet. Über diesen Abschnitt und warum ich ihn super unglaubwürdig fand, kann ich leider nicht schreiben, ohne zu spoilern.
Mit Isors Verschwinden wechselt erneut die Erzählperspektive und die Eltern berichten über ihre Reaktion und ihre Sorgen bzgl. Isors Verbleib. Aber auch Isor bekommt eine Stimme, denn sie kann *trommelwirbel* SCHREIBEN! Ja, das Kind, das nie eine Schule besucht hat, jegliche Unterrichtsversuche fruchtlos erscheinen ließ, sich nur repetitiv mit immer den gleichen Dingen beschäftigt hat, überrascht seine Eltern damit, dass es plötzlich Schreiben kann und niemand davon wusste. Aber nicht nur das, es stellt sich heraus, dass sie auch sprechen kann, und absolut souverän in der Lage ist, ohne Geld bis nach Sizilien zu reisen, um dort Luciens Tochter zu finden.
Ich glaube zu wissen, worauf die Autorin mit dieser „Wunderwandlung“ hinaus wollte; nämlich zu demonstrieren, dass auch Kinder, die in keine Norm passen, die ggf. nur mit ausgewählten Personen sprechen, die sich eventuell sogar auf dem Autismusspektrum befinden, trotzdem Fähigkeiten haben können, die selbst enge Bezugspersonen ihnen nicht zutrauen. Diese Absicht war hier für mich aber absolut unglaubwürdig und völlig romantisierend umgesetzt – auch wenn man mir jetzt nachsagen mag, aus neurotypischer Perspektive zu urteilen. Nicht nur, dass Isor plötzlich all diese Dinge kann, sie ist plötzlich auch mit allumfassender Weisheit gesegnet und ihre Wandlung wirkte auf mich vor allem pathetisch.
Für mich also leider ein Buch, das gut begann, stark abbaute und sein eigentliches Ziel für mich verfehlt hat. Wer jedoch weniger auf einen logischen Aufbau und Realitätsanspruch (besonders was Neurodivergenz angeht) Wert legt, könnte Freude an dem Buch haben – die Prosa fand ich nämlich häufig sehr schön und auch an Isors Wortneuschöpfungen hatte ich Freude.

Wertung: 4/15 dpt
- Autor: Alice Renard
- Titel: Hunger und Zorn
- Originaltitel: La colère et l’envie
- Übersetzer: Katharina Meyer, Lena Müller
- Verlag: Unions Verlag
- Erschienen: 2025
- Einband: Hardcover
- Seiten: 160
- ISBN: 978-3-293-00627-0
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