Man sagt, dass jeder Mensch anders trauert. Aber was ist in dieser Trauer erlaubt? Und wie sehr dürfen wir unseren eigenen Bedürfnissen nachgeben, auch wenn andere dabei zu Schaden kommen? Das sind die Fragen, mit denen „Monstrilio“, Gerardo Sámano Córdovas Debütroman, mich zurücklässt.

Auf dem Cover heißt es „Frankenstein trifft auf Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere“, und auch wenn ich letzteres nicht gelesen oder gesehen habe, kann ich zumindest die „Frankenstein“-Parallelen nachvollziehen.
Als ihr Sohn Santiago mit elf Jahren stirbt, schneidet Magos ein Stück seiner Lunge aus seinem leblosen Körper. Einer alten Legende folgend füttert sie diese, bis die Lunge beginnt sich zu entwickeln, immer menschenähnlicher wird und irgendwann sogar beginnt Santiago zu ähneln. Aber die Lunge hat nach wie vor Hunger und begibt sich immer wieder selbst auf Nahrungssuche …
Die Geschichte ist in vier POVs unterteilt. Wie das Stück Lunge sich zu einem irgendwie gearteten Lebewesen entwickelt, wird aus Magos Perspektive erzählt. Monstrilios Kindheit aus der von Magos bester Freundin Lena und seinem Vater Joseph und seine jungen Erwachsenenjahre aus der Perspektive von Monstrilio selbst.
Schon auf den ersten Seiten fand ich gar nicht so sehr die Leichenfledderei, die Magos vollzieht, am ekligsten, sondern wie distanziert sie sich verhält und wie abschätzig sie der Trauer ihres Mannes über den Tod des gemeinsamen Kindes gegenübersteht. Bis zur letzten Seite hält sich dieser Eindruck auch. Magos ist definitiv keine Sympathieträgerin und auch nicht das Sinnbild einer liebenden und sorgenden Mutter. Ihre Motive scheinen eher egoistischer Natur und das Wesen, das sie heranzüchtet wird einerseits zum Ersatz für ihren verstorbenen Sohn, andererseits macht sie immer wieder mehr als deutlich, dass er eben nicht ihr Sohn ist. Sehr ähnlich geht sie auch mit Joseph, ihrer Mutter und ihrer besten Freundin Lena um; und auch ihre selbst recht dominante Mutter weiß ihr irgendwann nichts mehr entgegenzusetzen. Besonders hier wurden die Parallelen zu Frankenstein für mich sehr deutlich.
„Ich wollte, dass Joseph durchdrehte, dass er endlich komplett den Verstand verlor. Dass er zerbrach. Er verwelkte. Verwelken ist nicht dasselbe wie Zerbrechen. Wer zerbrach, zerfiel in Stücke, die wieder zusammengesetzt werden konnten. Wer verwelkte, der trocknete aus, erschlaffte, die Knochen lösen sich auf, und er starb. Der Tod ist das Langweiligste. Ich musste Scherben sehen.“
Talking about Lena und Joseph: Die POVs der beiden hätten für mich deutlich kürzer ausfallen können. Im Vergleich zu Magos dominantem und schillerndem Wesen bleiben die beiden recht blass. Sie sind zwar auch deutlich sympathischer, aber zuzusehen, wie sie sich von ihr instrumentalisieren und herumschubsen lassen, hat mich eher deprimiert. Außerdem hätte ich mir etwas mehr Fassungslosigkeit und Schrecken angesichts Magos bizarrer Machenschaften mit der Lunge gewünscht.
Monstrilios Sichtweise hingegen fand ich am spannendsten – und das nicht nur, weil sich die Ereignisse dann zuspitzen. Aus dem merkwürdig bizarren „Ding“, das pelzig an Kleiderstangen herumbaumelte, gehalten wurde wie ein Tier, seiner Mutter ausgebüxt ist und die Nachbarschaft terrorisiert hat, wurde ein junger Mann. Ein junger Mann, der nirgendwo so richtig hineinzupassen scheint, der das Bedürfnis hat geliebt und gemocht zu werden und der erste Erfahrungen sammelt. Ein junger Mann, der das komische Tier in sich nie ganz verleugnen kann, genauso wenig wie den großen Hunger, den er verspürt … Auch in diesem Abschnitt wirft das Buch viele moralische Fragen auf, die sich wohl kaum absolut beantworten lassen.
„Ich wate durch die Schatten unseres Wohnzimmer und hoffe, Monster zu finden. Mit ihnen zu plaudern und zu lachen. Aber da sind keine Monster in den Schatten. Nur ich.“
Der Festa-Verlag ist bekannt für seine extremen Horror-Bücher. „Monstrilio“ ist nicht unblutig, aber auf keinen Fall extrem. Blutige Szenen werden nicht im Detail beschrieben, finden eher „closed door“ statt und die Lesenden bekommen lediglich das Resultat präsentiert. Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf dem literarischen Horror und nicht auf Ekel- oder Schockmomenten. Unterstützt wird das auch durch den recht distanzierten Schreib- bzw. Übersetzungsstil, der uns nie so richtig emotional an die Figuren heranlässt.
Für mich führte das dazu, dass mich das Buch zwar emotional nicht besonders mitnahm, aber doch zum Nachdenken brachte. Für einen Debütroman in jedem Fall eine herausragende Leistung und ich hoffe auf mehr aus Gerardo Sámano Córdovas Feder!

Wertung: 11/15 dpt
- Autor: Gerardo Sámano Córdova
- Titel: Monstrilio
- Originaltitel: Monstrilio
- Übersetzer: Michael Weh
- Verlag: Festa
- Erschienen: 04/2026
- Einband: Paperback
- Seiten: 400
- ISBN: 978-3-98676-267-4
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